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Politik & Gesellschaft

Rechte Jugendliche und die Scham der Eltern

Hakenkreuze und rechtsradikale Musik im Kinderzimmer, daran können Eltern merken, dass ihr Kind nach rechts abdriftet. Wer selbst nicht so denkt, für den bricht dann eine Welt zusammen.

"Diese Zeit war sicherlich die schrecklichste meines Lebens: schlaflose Nächte, Tränen, Depressionen...zwei Jahre die reine Hölle", so schildert die Mutter von Kai (Name geändert) die Zeit, als ihr Sohn in die rechtsextreme Szene abrutschte. Es sind meistens die Mütter, die um ihre Kinder kämpfen und aktiv Hilfe suchen, berichtet die Autorin Claudia Hempel, während Väter häufiger meinten, das würde schon vorübergehen oder aber sie "ihren Kummer in sich hineinfressen". Hempel hat mit Kais Mutter und anderen über die schwierige Gratwanderung gesprochen, sich einerseits ganz klar von Rassismus, Minderheitenhass und Gewalt zu distanzieren und andererseits das eigene Kind nicht zu verlieren.

"Wenn Kinder rechtsextrem werden" - mehr als zwei Jahre lang suchte Claudia Hempel für ihr Buch nach Eltern, die bereit waren, anonym über den Rechtsextremismus ihrer Kinder zu reden. Wer selbst nicht aus dem rechten Milieu kommt, der schäme sich, wenn der Sohn oder die Tochter den Nationalsozialismus verherrlicht, zu Gewalt und Fremdenhass aufruft oder sogar Menschen tätlich angreift. Die betroffenen Eltern fragten: "Was haben wir bloß falsch gemacht?" Wenn sie Hilfe suchten, hätten ihnen Schule oder Jugendamt meist signalisiert, dass die Schuld bei ihnen liegen müsse, so Hempel. Dabei darf man die Ursachen nicht nur im Elternhaus suchen, sagt der Marburger Politikwissenschaftler Reiner Becker. Schule, Gleichaltrige und die politische Kultur seien für Jugendliche auch sehr wichtig.

Der Reiz des Bösen

Becker hat für eine Studie rechtsextreme Jugendliche und ihre Eltern befragt. Mittlerweile leitet er das Beratungsnetzwerk Hessen, das neben Eltern auch Schulen, Vereine und Gemeinden berät. Der Einstieg in rechte Jugendcliquen erfolgt immer früher, das hat man in Hessen beobachtet. Teilweise sind schon 10- bis 12-Jährige betroffen. Die Pubertät setze immer früher ein und entsprechend groß sei der Reiz, sich auf verbotene, auf "böse" Angebote einzulassen, sagt Becker: "Damit kann man den Erwachsenen so mächtig auf die Füße treten, wie man es mit anderen Ausdrucksformen anderer Jugendkulturen nicht mehr so gut kann."

Auch bei Kai hat es sich so abgespielt, doch das erfuhr seine Mutter erst viel später: Er und sein Freund wurden von rechtsextremen Jugendlichen abends auf einem Spielplatz angesprochen. Bevor es überhaupt um Ideologie ging, bot man den Jungen Bier und Zigaretten an, behandelte sie wie Erwachsene, redete lange mit ihnen. Später trugen die Jungen dann Kleidung, die in der rechten Szene angesagt war, hantierten mit einschlägigen Symbolen, die ihre Eltern zunächst gar nicht verstanden. Man machte Kai und seinen Freund mit verbotener Musik bekannt, die zu Hass und Gewalt aufstachelt. Kais Mutter fand in seinem Zimmer einen Baseballschläger und ein Messer.

Ein Stapel mit rechtsextremistischen Musik-CDs (Foto: picture-alliance/ZB)

Rechte Szene-Musik schürt Hass und Gewaltbereitschaft

"Jugendliche ködere ich heute alle mit Musik, das ist Schulung genug", hat ein rechter Aktivist erzählt, den Reiner Becker im Gefängnis befragt hat. Ein Junge, den der Aktivist angeworben hatte, bestätigte das: "Wenn du das morgens nach dem Aufstehen hörst, mittags nach der Schule und abends vor dem Einschlafen, irgendwann glaubst du das." 

Die Verantwortung der älteren Generation

Die Suche nach Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit und Stärke sind wichtige Motive, sich extremen Gruppierungen anzuschließen, die schwächere Gruppen wie Ausländer, Juden, Muslime, Obdachlose, Homosexuelle oder Behinderte abwerten, erklärt Wilhelm Heitmeyer, Professor für Pädagogik. Sein Institut für internationale Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld hat in einer Langzeitstudie zur "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" aber auch gezeigt, dass abwertende Haltungen in der Generation der über 60-Jährigen stärker verbreitet sind als bei Jugendlichen. Die jüngere Generation greife zwar häufiger zu Gewalt als die ältere, doch für das gesellschaftliche Klima müsse man die Verantwortung der Großeltern-Generation viel stärker betonen. Menschenfeindlichkeit sei in der Mitte der deutschen Gesellschaft zu finden.

Jugendlicher mit Irokesen-Schnitt im Kreis Gleichgesinnter bei einer Neonazi-Demonstration (Foto: Helge von Horn)

Nicht nur Glatzen: Jugendliche auf einer Neonazi-Demonstration

Auch Claudia Hempel hat bei ihren Interviews die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen nicht unbedingt in prekären Verhältnissen lebten: "Ich war völlig überrascht, dass ich in netten Eigenheimsiedlungen auf Hollywoodschaukeln in tollen Gärten und Villen saß. Ich saß auf den Sofas der Mittelschicht." Diese Eltern konnten zunächst gar nicht glauben, dass ihr Kind wirklich rechtsextrem geworden war. Das habe auch mit den medial geprägten Bildern der Szene zu tun: "Diese stiernackigen Glatzköpfe, die in Bomberjacken und Springerstiefeln herumlaufen, dumpfe Parolen brüllen - die scheinbar dummen Rechtsextremisten." Eine Mutter sagte zu Claudia Hempel: "Und dann war da mein Kind: offen, sensibel, intelligent - und rechtsextrem? Nein, das konnte ich mir einfach nicht vorstellen, das passte ja gar nicht zu dem Bild, was ich immer hatte."

Die schwierige Suche nach Hilfe

Viele Eltern realisieren das Abdriften ihrer Kinder in die rechte Szene erst dann, wenn Polizei oder Verfassungsschutz vor der Tür stehen, weil die Jugendlichen aufgefallen sind: wegen Hakenkreuz-Schmiereien, Pöbeleien gegen Minderheiten oder Zeigen des Hitlergrußes. Dann entsteht Stress in der Familie und die Eltern brauchen dringend Hilfe, weil sie erleben, dass ihre Kinder trotz aller Nachfragen, Appelle und Diskussionen immer weniger ansprechbar sind. Kais Mutter sprach mit dem Schuldirektor, doch der erklärte ihr, an seiner Schule gebe es so etwas nicht. Im Jugendamt meinte der Berater, Kai sei eben ein Scheidungskind, das sei seine Art zu rebellieren. Die Angst der Mutter wurde immer größer: "Ich dachte, das sei eine Art Sumpf, in dem man immer tiefer versinkt."

Ein Polizist durchsucht ein Regal nach Neonazi-Propaganda (Foto: dpa)

Die Polizei durchsucht Wohnungen nach rechtsextremer Propaganda

Claudia Hempel weiß: Eltern, die Hilfe suchen, erleben häufig, dass ihre Sorgen bagatellisiert werden oder dass man ihnen die alleinige Schuld zuweist. "Viele Eltern haben eine Odyssee hinter sich, wenn es um die Suche nach adäquaten Hilfsangeboten geht", berichtet auch Reiner Becker. Das Beratungsnetzwerk Hessen ist ein Modellprojekt, wie es sie auch in einigen anderen Bundesländern gibt. Die Angebote sind zeitlich befristet und "nicht furchtbar bekannt".

Dabei können Beratungsstellen helfen, die Codes der Szene zu entschlüsseln. Sie helfen Eltern herauszufinden, wie tief das Kind schon in der rechten Szene steckt, und begleiten sie bei dem Balanceakt, einerseits eine positive persönliche Beziehung zum Kind aufrechtzuerhalten und andererseits Grenzen zu setzen. Viele Familien lassen ihre Kinder nicht mehr mit Szene-Kleidung aus dem Haus, werfen radikale CDs und Propaganda weg, diskutieren wieder und wieder gegen demokratiefeindliche Vorurteile und Neonazismus an.

Wichtig bei allem Druck sei aber das Beziehungsangebot als Alternative zur rechten Szene, betont auch der Pädagoge Wilhelm Heitmeyer, sonst könnten Jugendliche erst recht in die Arme der Rechtsextremen getrieben werden: "Es ist ja eine Mär, dass in den rechtsextremen Gruppen häufig diese Kameradschaft, diese Wärme vorhanden ist. Da herrscht zum Teil ja auch Gewalt in den Gruppen und diese Aggressivität wird natürlich gemindert, je stärker der Außendruck wird." Claudia Hempel formuliert die empfohlene Elternbotschaft an die Kinder so: "Das, was du machst, denkst, liest, das verurteile ich völlig. Das halte ich für grundverkehrt, menschenverachtend, demokratiefeindlich. Aber du bist und bleibst unser Kind und wir lieben dich."

"Die müssten überall präsent sein"

Eine Hand fotografiert mit einer Handy-Kamera einen Aufkleber mit Aufschrift 'Stellung 88' (Foto: dpa)

Rechte Symbolik: Die Zahl 88 steht für den Gruß "Heil Hitler"

Ohne Unterstützung ist eine solche Gratwanderung schwer durchzuhalten. Kais Mutter fand nach monatelanger Suche eine Beratungsstelle: ein Mobiles Beratungsteam in Mecklenburg-Vorpommern. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl: "Hier versteht jemand meine Probleme." Zeitgleich bat auch Kai darum, ihm beim Ausstieg zu helfen. Er hatte Angst, weil die Neonazis ihn bedrohten und überall auftauchten. Die Beratungsstelle vermittelte den Kontakt zu einem Aussteiger aus der rechten Szene. Kais Mutter ist sehr dankbar für diese Unterstützung. Entsetzt war sie über Meldungen, dass Mittel für Beratungen gekürzt werden könnten: "Ich finde das absurd. Es war so schwierig, die überhaupt zu finden. Sie hatten keine Flyer, keine Anzeigen in den Zeitungen, nichts. Die müssten doch überall präsent sein!"

Der Aufklärungsbedarf ist immer noch groß, das erlebt auch Claudia Hempel bei den Lesereisen mit ihrem Buch "Wenn Kinder rechtsextrem werden". Mehrfach wurde sie von Eltern angesprochen, die ihr sagten, dass sie sich Sorgen um ihr Kind machen, aber noch mit niemandem darüber gesprochen haben, weil sie sich schämten und hilflos fühlten. Zu den Lesungen kommen manchmal auch Neonazis und rechte Kameradschaften. Diskussionen mit ihnen geht Hempel nicht aus dem Weg und hat damit meistens gute Erfahrungen gemacht. Sie selbst und andere Zuhörer haben diskutiert und Aussagen als menschenverachtende Polemik entlarvt: "Dann diskreditieren sich diese Gruppen schnell selbst." Die Zivilgesellschaft, die sonst viel zu oft schweige, sagt Claudia Hempel, gehe dann gestärkt aus so einem Abend hervor.

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