1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Rechtsextremismus: Musik als Szene-Einstieg

Junge Neonazis sind trendbewusst, sie inszenieren sich modern. Ihre Mode orientiere sich an der Populärkultur und am politischen Gegner, sagt der Sozialwissenschaftler Schedler.

Protestierende Neonazis am 1. Mai 2011 in Halle (Saale) (Foto: dpa)

Protestierende Neonazis am 1. Mai 2011 in Halle (Saale)

Deutsche Welle: Herr Schedler, Sie forschen zu aktuellen Formen des Neonazismus wie den so genannten autonomen Nationalisten. Sie beschäftigen sich mit deren Mode und Inszenierung - welche Rolle spielt der spezifische "Style" bei jungen Rechten?

Jan Schedler: Über den neuen Style ist die rechte Szene für Junge in den vergangenen Jahren deutlich attraktiver geworden. Man hat sich vom Skinhead-Style der 1980er Jahre gelöst, der Anteil der rechten Skinheads ist stark rückläufig. Für junge Neonazis ist die Kombination von Kleidung, Frisuren und Logos sehr wichtig für die eigene Identitätsbildung.

Wie ist dieser Stil gekennzeichnet?

Die jungen Rechten orientieren sich stark an dem, was gerade in der linken Szene zeitgemäß und trendig ist, tragen moderne Streetwear: Cargohosen, Kapuzenpullover, Base-Caps und Sneaker. Das rührt daher, dass der Kleidungsstil eng mit der gegenwärtig in der Szene populären Musik verknüpft ist, einer neonazistischen Form des aus dem Punk entstandenen Hardcore. Diesen Musikstil nennt man NS-Hardcore oder auch NSHC (National Socialist Hardcore). Dem NSHC lässt sich ein breites Spektrum von Bands zuordnen, die sich nicht nur als Musiker, sondern auch als politische Kämpfer verstehen. Entsprechend radikal sind ihre Texte.

Volksverhetzende Texte sind in Deutschland verboten. Wie gelingt es den Gruppen, ihre Musik am Gesetzgeber vorbei zu verbreiten?

Eigener Style: Szene aus dem Film Kriegerin, in dem es um junge Neonazis geht

Eigener Style: Szene aus dem Film "Kriegerin", in dem es um junge Neonazis geht

Gegenwärtig kann man mehrere Trends beobachten. Zum einen lassen viele der professionellen, langjährig bestehenden Bands ihre Texte vor der Veröffentlichung durch szenekundige Anwälte prüfen. Die Texte sind im Ergebnis durchaus eindeutig für den, der sie hört und in der Szene aktiv ist. Juristisch können die Urheber aber nicht belangt werden. Außerdem beobachten wir den Trend, dass Bands versuchen, die Identität ihrer Mitglieder geheim zu halten, um dann quasi aus dem Untergrund heraus gezielt Musik mit extrem volksverhetzenden Texten zu veröffentlichen - wie etwa die Band Landser. Diese wurde dennoch letzlich nicht nur wegen Volksverhetzung und dem Verbreiten extrem rechter Propaganda, sondern auch als kriminelle Vereinigung verurteilt. Dies ist allerdings die Ausnahme. Andere wie etwa die "Weissen Wölfe" sangen zwar antisemitische Texte mit Anspielungen auf den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden. Die Beteiligung an der Produktion der Alben konnte den Angeklagten jedoch nicht nachgewiesen werden, so dass sie vom Vorwurf der Volksverhetzung und Gewaltverherrlichung freigesprochen wurden. Ein fatales Signal.

Die Musik prägt also nicht nur den Stil, sondern auch politische Inhalte?

Ja, die Musik hat in den vergangenen Jahren stark an Popularität gewonnen und ist für viele Jugendliche auch der Einstieg in die Szene: Weil man ständig die Texte hört und die hier propagierten Inhalte dann eingeschliffen werden. Jugendliche mit bereits vorhandener rassistischer Grundeinstellung beginnen dann schnell, sich intensiver mit den politischen Zielen auseinanderzusetzen.

Zumindest bei Musik und Mode gibt es eine Parallelität bei rechts- und linksradikaler Szene - setzen Rechte und Linke heute auch Symbole ähnlich ein?

Die Neonazis entwenden gern Symbole des politischen Gegners, um sie später umzugestalten wie etwa das Logo der populären Kampagne "Kein Bock auf Nazis" gegen Rechtsextremismus unter Jugendlichen. In der genau gleichen grafischen Gestaltung heißt es dann: "Kein Bock auf Israel". Beliebt sind auch Buttons wie man sie aus der Punkszene kennt. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man die rechten Motive mit den entsprechenden Slogans wie "Revolution since 1933". Auf einer Demonstration in Berlin und Dortmund zeigte man etwa das Symbol der Antifa-Bewegung - eine schwarze und eine rote wehende Fahne in weißem Kreis, nur das hier in der roten Fahne ein weißer Kreis prangte. Auch ohne das fehlende Hakenkreuz war der Bezug eindeutig, aber eben strafrechtlich nicht verboten.

Wie viele Menschen lassen sich in Deutschland der rechten Szene zurechnen?

Das hängt stark von der Definition ab. Die Zahl der organisierten Neonazis ist in den vergangenen Jahren auf mehr als 5000 gestiegen. Darüber hinaus gibt es viele Parteimitglieder: im wesentlichen die NPD, die darin aufgegangene DVU und die inzwischen weitgehend bedeutungslosen "Republikaner". Und vor allem ein unheimlich großes Spektrum, besonders von Jugendlichen, die sich im subkulturellen Umfeld bewegen, sich nur gelegentlich an Aktionen beteiligen und vor allem die rechte Musik hören. Da schwanken die Zahlen, die Sicherheitbehörden gehen einschließlich der Parteimitglieder von rund 25.000 aus, die Verbreitung etwa extrem rechter Musik geht aber über diesen Kern sicherlich hinaus.

Jan Schedler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er forscht zu aktuellen Formen des Neonazismus wie den "autonomen Nationalisten" und der rechten Jugendarbeit.

Das Gespräch führte Insa Moog
Redaktion: Klaudia Prevezanos

Die Redaktion empfiehlt