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Nahost

Rawabi wird die erste am Reißbrett geplante Stadt für die Palästinenser

Es ist eine Novum in der Geschichte des Westjordanlandes: Rawabi heißt die erste am Reißbrett geplante Stadt für Palästinenser.

Die ersten Häuser in Rawabi sind Ende des Jahres bezugsfertig. Auch die erste Schule ist dann betriebsbereit. Foto: Ulrike Schleicher, Westbank, April 2013

Rawabi im Westjordanland

Rania Mari fährt in eine Straße unterhalb der Baustelle. Sie ist nur 2,8 Kilometer lang, aber ihretwegen wäre der Bau der Stadt Rawabi (Hügel) beinahe gescheitert. Die Straße ist notwendig für die Logistik des derzeit größten Bauprojektes in der Region - Material und Maschinen gelangen über diese Route in die Stadt. Doch die Straße führt auch durch von Israel kontrolliertes Gebiet - mehr als die Hälfte des Westjordanlandes gehören zu diesem so genannten C-Gebiet.

Porträt der PR-Frau Rania Mari (Foto: Schleicher)

Verantwortlich für die PR-Arbeit: Rania Mari

"Es hat uns Jahre gekostet, die Erlaubnis von Israel für den Bau zu bekommen. Jetzt haben wir eine Genehmigung, die jährlich erneuert wird", sagt die junge Frau aus Ramallah. Die 28-Jährige ist verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit von Rawabi, das bislang in keiner Landkarte verzeichnet ist. Aber in wenigen Jahren schon sollen hier bis zu 40.000 Menschen leben. Geplant ist keine Schlaf-Stadt, sondern eine zum Leben. Es wird Schulen geben, Kliniken, Theater, Kinos, Hotels, ein riesiges Einkaufszentrum, Büros, Sportplätze, eine Moschee, ein Amphitheater, eine Kirche und eine eigene Kläranlage für das Abwasser. Auch eine eigene, gewählte Verwaltung soll Rawabi bekommen.

Investitionen von rund einer Milliarde Dollar

Was da auf dem Hügel, unweit von Ramallah, seit 2010 verwirklicht wird, ist der Traum von Baschar Masri. Der 52 Jahre alte Geschäftsmann aus Nablus, der in Amerika studierte, hat 1994 "Massar International" gegründet. Es ist ein Imperium mit 15 Tochterfirmen, zu dem Reiseagenturen genauso gehören wie Aktienfonds und Maklerfirmen in Serbien. Sein Ziel: die erste, moderne Stadt in Palästina zu gründen. Ermöglichen lässt sich dieser Traum nur mit der Unterstützung aus Katar: Zwei Drittel der Investitionssumme von gut einer Milliarde US-Dollar bringt das Emirat auf, Masri und andere kleinere Investoren teilen sich den Rest.

Doch Rawabi ist für den Manager mehr als ein Geschäftsprojekt. Der Bau der Stadt ist für Masri ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einem künftigen Staat Palästina. Und es geht ihm um ein modernes Palästina mit schlichten Häuserfassaden aus heimischem Sandstein, mit Blumenbeeten und Grasflächen - um eines ohne Müll und ohne Satellitenschüsseln vor den Fenstern.

Modell der zukünftigen Stadt Rawabi (Foto: Schleicher)

Wenn Rawabi fertig ist, soll es so aussehen wie dieses Modell: modern, familienfreundlich und mit viel Grün.

Ein Projekt privater Investoren

Ende des Jahres sollen die ersten Bewohner einziehen. Im Showroom sind neben den 3D-Plänen zu den Wohnungen auch Küchen- und Bädermodelle zu besichtigen sowie Fliesen, Wasserhähne und Türen. "Wir bieten die ganze Ausstattung", sagt PR-Frau Rania. Eine Familie aus der Nähe von Ramallah hat sich gerade für ein grün gefliestes Badezimmer entschieden. Das Ehepaar - sie mit Hijab, er in Jeans und T-Shirt - repräsentiert die klassische Zielgruppe für Rawabi: Mittelstand, gut gebildet, Single oder verheiratet mit Kind. "Der Preis für die Wohnungen ist vernünftig", berichtet der Mann, "weil sie einen hohen Standard haben". Für das gleiche Geld bekomme er in Ramallah eine renovierungsbedürftige Wohnung, ohne Platz zum Spielen für seine Kinder. Die Apartments in Rawabi sind zwischen 124 und 230 Quadratmeter groß. 180 Quadratmeter kosten beispielsweise 110.000 Dollar.

Die Stadt Rawabi von Süden her, im Vordergrund ist die Schule zu sehen. (Foto: Schleicher) Foto: Ulrike Schleicher, Westbank, April 2013

Endes des Jahres sollen die ersten Bewohner einziehen

Rania lenkt den Jeep durch die noch unbefestigte, einzige Straße im künftigen Zentrum von Rawabi. Links und rechts schießen mehrstöckige Bauten in die Höhe, gut sichtbar auch für die ungeliebten Nachbarn auf der Spitze eines Hügels Richtung Süden. Dort liegt Ateret, eine nach internationalem Recht illegale, israelische Siedlung. Deren Bewohner betrachten den Bau Rawabis als Provokation: "Wir hatten wirklich Probleme mit ihnen", erzählt Rania. Zu Beginn, als noch weniger Leute auf der Baustelle waren, seien sie nachts gekommen und hätten sie attackiert. Inzwischen haben die Vorfälle nachgelassen. Auch in Ateret wird gebaut: Der Nahostkonflikt wird hier mit Baggern und Zement ausgetragen.

Gut ausgebildete, junge Angestellte

Shifa Saleh kommt aus dem Marketingbüro. Die frisch graduierte Bauingenieurin von der benachbarten Bir Zeit-Universität ist eine von vielen jungen Leuten, die an dem Projekt mitarbeiten. Sie lerne hier sehr viel, sagt die 23-Jährige. Alles sei auf dem modernsten Stand, "alles ist professionell, etwas, was wir in Palästina aufgrund unserer schwierigen Situation sonst nicht kennen". Sie wechselt regelmäßig ihre Einsatzorte und gewinnt so Einblicke in jeden Arbeitsprozess. Insgesamt sind in Rawabi fast 5000 Menschen beschäftigt. Darunter viele Frauen in höheren Positionen.

Amir Dajani, Projektleiter beim Bauträger Bayti (Foto: Schleicher)

"Bis zu 10.000 Jobs in der Bauzeit": Projektleiter Amir Dajani

Projektleiter Amir Dajani sitzt in seinem Büro und unterzeichnet Papiere. Der Mann hat wenig Zeit, die Koordination dieses zum Symbol gewordenen Bauprojektes fordert seine ganze Energie. "Wir brauchen vor allem Wohnungen", erklärt er. Trotz großer Investitionen in den vergangenen Jahren gebe es nicht genug, um den Bedarf zu decken. Ein anderer Grund ist Arbeit. "Wir möchten hier während der Bauzeit bis zu 10.000 Jobs schaffen." Noch wichtiger seien jedoch dauerhafte Arbeitsplätze, die in der künftigen Stadt entstehen sollen.

Draußen vor seinem Fenster dröhnen die Bagger - der Traum von Baschar Masri wird jeden Tag ein Stück mehr zur Wirklichkeit. Auf die vielen Schwierigkeiten durch die israelische Besatzung haben sich die Macher eingestellt: "Wir nennen das nicht mehr Problem, sondern Herausforderung."

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