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Kultur

Raucher raus

Seit 10. Januar 2005 ist in Italien das Rauchen in allen öffentlichen Räumen verboten - ändern wird sich in den Bars und Cafés aber wahrscheinlich wenig. Wie bei fast allen ähnlichen Gesetzen.

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Bitte draußen, Signora

Man wird es irgendwann der jüngeren Generation erklären müssen: Rauchen war einmal eine Frage der Etikette, nicht des Gesetzbuches. Es muss so um 1995 gewesen sein, dass in Europa auf Schulhöfen, Universitäten, Bahnhöfen und Flughäfen, in Büros und Zügen selbstverständlich geraucht wurde. Und in Kneipen gehörten Zigaretten sowieso dazu. Kunde von Tabakächtungen kam damals zwar von jenseits des Atlantiks, wurde aber als uramerikanischer Spleen abgetan - von Rauchern schaudernd als protofaschistische Beschneidung des vermeintlichen Rechts auf Schmauch verdammt.

Die Wandlung Europas

Zehn Jahre später ist das ehemals qualmende Europa kaum noch wieder zu erkennen. Der Zeitgeist hat sich massiv gegen das Rauchen gewandt. Aus öffentlichen Gebäuden sind Raucher inzwischen flächendeckend verbannt, drastische Warnhinweise auf Zigarettenpackungen sind nicht mehr zu übersehen, es darf nicht mehr geworben werden und ständig wird irgendwo ein neues Rauchverbot erlassen.

Raucher in Irland Mann mit Zigarette

Damals: Raucher in irischem Pub

2004 war ein besonders strenges Jahr für die Tabakfreunde: Irland wagte den kulturhistorischen Bruch und verbot das Rauchen in den wichtigsten Sozialinstitutionen des Landes - den Pubs. Norwegen zog nach. In England wird bis 2008 das Rauchen in Pubs, die auch Essen anbieten, verboten. Portugal will 2005 ein Rauchverbot in Bars und Cafés einführen, die Niederlande ebenfalls - auch für den besonderen Rauch in den Coffeeshops. Selbst Indien führte ein Rauchverbot an öffentlichen Plätzen ein.

Rauchfrei: Bhutan, Vatikan, UEFA

Das Himalaya-Königreich Bhutan setzt gleich auf totale Prohibition und verbot am 17. Dezember als erstes Land (nach dem Vatikan) den Verkauf von Tabakwaren. An kalifornischen Stränden darf nicht mehr geraucht werden - und die UEFA untersagte sogar das Rauchen auf den Trainerbänken.

Nun also das bisher fröhlich qualmende Italien: Schon seit dem 12. Dezember 2004 gilt in allen italienischen Zügen Rauchverbot. Am 10. Januar 2005 trat ein Gesetz in Kraft, das Berlusconi als "wahrlich liberal" feiert, aber eines der strengsten Anti-Rauch-Gesetze Europas ist. Dann ist jeglicher Tabakkonsum in öffentlich zugänglichen Räumen - also auch in Bars, Discos und Restaurants - verboten, es sei denn, es wird eigens für Raucher ein abgeschlossenes Zimmer mit einem speziellen Belüftungssystem eingerichtet. Nur sechs Prozent der Gastronomen können umbauen - aus ist's mit der bisher so heiligen Zigarette nach dem morgendlichen Espresso und der abendlichen Grappa. "Diejenigen, die rauchen wollen, können das im Freien tun oder zu Hause", sagte Gesundheitsminister Girolamo Sirchia.

"Krieg ums Rauchen"

Das Rauchverbot hat eine Welle der Empörung und sogar Streit in der Regierung ausgelöst. Zwei Minister - Raucher - stellten sich öffentlich dagegen. Für besonderen Unmut sorgt die Regelung, wonach die Wirte jeden rauchenden Gast anzeigen müssen. Sonst werden 2200 Euro Strafe fällig. "Krieg ums Rauchen", kommentierten Zeitungen. Dabei hat der Gesundheitsminister bereits Erbarmen gezeigt: Eigentlich sollte die Neuregelung vom 1. Januar an gelten. Damit die Italiener aber über Neujahr nicht an Entzugserscheinungen leiden, verschob er das Inkrafttreten auf den 10. Januar.

Wie diese Vorschriften nun umgesetzt werden sollen, ist nicht nur den Gesetzesgegnern ein Rätsel. Es dürfte so enden wie fast überall: Es werden scharfe Anti-Rauch-Gesetze erlassen, aber "wilde Raucher" nur in Ausnahmefällen bestraft. Wie etwa in Frankreich, wo sich kaum jemand um Rauchverbote in den Bistros schert. Oder in Griechenland, wo bis zu drei Monate Gefängnis für die Missachtung von Rauchverboten stehen, bisher aber niemand bestraft wurde.

Rauchbomber nach Schottland

Genau wie sich nur die wenigsten vom Qualmen abbringen lassen: Die irische Gastronomie klagt zwar über einen Umsatzrückgang von 15 Prozent, dafür profitiert ein spezielle Art des Tourismus: Die Buchungen von Billigflügen übers Wochenende ins benachbarte Schottland sind signifikant gestiegen - um dort endlich wieder Bier und Zigarette gleichzeitig genießen zu können. Und wer zuhause im Pub trinken will, muss beim Rauchen vor der Tür nicht zwangläufig unter dem irische Regen leiden: Etliche Firmen bieten inzwischen an Bushaltestellen erinnernde "Smoking Shelters" zum Unterstellen an.

Königin der Raucher

Königin Margrethe II mit Zigarette

Königin der Raucher: Margrethe II. von Dänemark

Vielleicht empfinden es unbeirrbare Qualmer auch als Zeichen der Hoffnung, dass ausgerechnet Zigarrenfan Arnold Schwarzenegger als Gouverneur dem avantgardistisch rauchfeindlichen Kalifornien vorsteht. Vor seinem Büro in Sacramento ließ er eigens ein Zigarren-Zelt aufstellen. Und in Dänemark werden auch schon wieder Ausnahmen gemacht: In der neu erbauten königliche Oper in Kopenhagen ist eigentlich striktes Rauchverbot - außer für Königin Magrethe. Die ist nämlich Kettenraucherin.

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