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Ernährung

Quinoa-Preise als sozialer Sprengstoff

Die Quinoa-Pflanze wird als Wunderwaffe im Kampf gegen den Hunger gefeiert. Doch die steigende Nachfrage in Industrieländern bedroht Kleinbauern in Lateinamerika. Experten warnen vor schwerwiegenden sozialen Folgen.

Quinoa-Felder in Bolivien (Foto: AFP)

Quinoa-Felder in Bolivien

Wenn in den letzten Jahren in Expertenforen weltweit über die Bekämpfung von Hunger diskutiert wurde, fiel fast immer der Name Quinoa. Die Pflanze scheint tatsächlich eine Art Wunderwaffe zu sein: Das auch als Pseudogetreide bezeichnete Gewächs ist reich an Eiweiß und ungesättigten Fettsäuren, zudem fast glutenfrei. Es enthält Vitamine der B- und E-Gruppe und außerdem Kalzium, Magnesium, Eisen und Zink, hat einen höheren Fettgehalt als Weizen und kann sogar entzündungshemmend wirken. Quinoa gedeiht auch unter extremen Witterungsbedingungen und selbst auf sehr nährstoffarmen Böden. Deshalb wird die Pflanze in der Andenregion, besonders in Peru und Bolivien, schon seit Jahrtausenden angebaut.

Quinoa zu teuer für die Armen

Vieles deutet aber darauf hin, dass sich gerade arme Menschen dieses Nahrungsmittel in Zukunft nicht mehr leisten werden. Denn Quinoa erlebt aufgrund seiner Eigenschaften gerade weltweit einen beispiellosen Nachfrage-Boom. Die Folge: Der Marktpreis ist innerhalb von wenigen Jahren um 86 Prozent gestiegen, wie Ursula Chávez Zander vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung erklärt: "Der Anstieg des Quinoa-Preises auf dem internationalen Markt ist ein Anreiz, nur für den Export, aber nicht für den internen Konsum zu produzieren. Hier sehe ich eine Gefährdung für die Ernährungssicherheit in den ärmsten Haushalten." Nach einem Bericht der britischen Zeitung "The Guardian" kostet ein Kilogramm Quinoa in Peru mittlerweile doppelt so viel wie ein Kilogramm Hühnchen und viermal so viel wie dieselbe Menge Reis.

Ein vegetarisches Gericht mit Quinoa (Foto: DW)

Vegetarische Gerichte mit Quinoa sind auch in Industrieländern beliebt

Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung sieht darin eine große Gefahr für die Länder, in denen die Quinoa-Pflanze wächst: "Mit den explodierenden Preisen kann die arme Bevölkerung nicht mithalten. Sie wird ihren Konsum verringern und auf andere Nahrungsmittel ausweichen." Doch mit Reis oder Mais werde die ernährungsphysiologische Bandbreite von Quinoa nicht erreicht. Damit steige die Gefahr von Fehl- und Mangelernährung, was wiederum zu Krankheiten führe. "Gesellschaftlich bedeutet dies eine Zunahme von Armut und Verelendung und ein weiteres Auseinanderdriften von Armen und Reichen."

Verarmte Kleinbauern flüchten in Slums

Ein weiteres Problem: Durch den Anbau von Quinoa haben sich in vielen Regionen bereits Monokulturen etabliert, die traditionelle Anbaumethoden verdrängen und die Biodiversität gefährden. Hinzu kommt, dass zwischen Großproduzenten und Kleinbauern mittlerweile ein gnadenloser Kampf um Anbauflächen tobt. "Aktuell ist die Lage in Bolivien beispielweise so, dass mehr als 95 Prozent der Agrarfläche von rund 20 Prozent der Betriebe genutzt werden", warnt Ursula Chávez Zander. "Die sozialen Unterschiede könnten sich weiterhin verschärfen, sollten keine klaren rechtlichen Regelungen bei der Quinoa-Wertschöpfungskette eingeführt werden."

Kleinbauern "werden durch den Quinoa-Rausch von ihrem Land verdrängt", kritisiert Wilfried Bommert. Das führe zur Landflucht und zur Ausweitung der Slums in den Städten. "Durch dieses Wachstum der Elendsquartiere entstehen politische Spannungen bei weiter steigenden Lebensmittelpreisen." Die Konsequenz: "Ein Verlust an politischer Stabilität."

Fair Trade als Lösung?

Ansicht eines Slums in Lima, Peru (Foto: AFP)

Steigende Preise treiben Bauern in die Slums von Großstädten wie Lima

Hinter den wachsenden Preisen für Quinoa steckt die sehr hohe Nachfrage in westlichen Ländern. Ein Grund dafür mag sein, dass die Vereinten Nationen 2013 zum "Jahr der Quinoa" erklärten. Doch schon früher fand die Pflanze über Reformhäuser ihren Weg in beliebte westliche Restaurants, die Quinoa als moderne und teure Alternative zu Bulgurweizen anbieten. Vor allem in den USA, Kanada, Europa und China ist Quinoa extrem beliebt. Bereits 2011 wurden weltweit mehr als 80.000 Tonnen geerntet. Und so wollen die Hauptexporteure Peru und Bolivien in Zukunft ihren Anbau noch stärker professionalisieren und vermarkten.

Doch schon heute wird Quinoa probeweise auch in den USA oder Kanada angebaut, was langfristig zu einem Konkurrenzkampf zwischen Anbauländern und Industriestaaten und damit zu Preisschwankungen auf dem internationalen Markt führen könnte - was wiederum ein Nachteil für die ärmeren Länder wäre, in denen Quinoa ursprünglich wächst. Ursula Chávez Zander fordert daher Strategien auf internationaler Ebene, damit arme Länder konkurrenzfähig bleiben. Dem stimmt Wilfried Bommert zu und regt zudem "informierte Diskussionen gerade im Kreis der Gesundheitsbewussten" an. Eine Lösung für Deutschland wäre seiner Meinung nach das Modell des "fairen Handels", um Kleinbauern und Genossenschaften als gleichwertige Handelspartner aufzubauen.

Zudem sei zu hoffen, dass sich Quinoa nicht nur als vorübergehender Nahrungsmitteltrend erweist, sagt Bommert: "Die Fakten, die durch den Trend geschaffen wurden, nämlich Umverteilung von Land und Wohlstand, wie auch die Verelendung von Kleinbauern, werden nicht umkehrbar sein."

Bei Quinoa sollte es nicht nur um einen "Ernährungstrend gehen", mahnt auch Ursula Chávez Zander, "sondern um den Versuch, durch eine ernährungsphysiologisch wertvolle Pflanze den Hunger in den ärmsten Gebieten der Welt zu bekämpfen."

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