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Kultur

Prozess gegen den Transporteur des Todes

Adolf Eichmann organisierte die Vernichtung der Juden im Dritten Reich. Dafür wurde er in Israel verurteilt. Der Prozess gegen ihn begann vor 50 Jahren und gilt als Wendepunkt der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechern.

Foto von 1962: Adolf Eichmann während des Prozesses in einem Glaskasten (Foto: AP)

Ein "Eisblock" sei er gewesen, ein Eisblock, an dem alles abprallte. So erinnerte sich Heinrich Grüber an Adolf Eichmann. Grüber gehörte während der Nazizeit zu einer Gruppe evangelischer Christen in Berlin, die Juden halfen. Während des Prozesses gegen Eichmann war er einer der vielen Zeugen, die von ihren Begegnungen mit dem SS-Obersturmbannführer Eichmann berichteten. Seine Aussage ist jetzt in Auszügen in der Ausstellung "Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht" in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin zu hören. Eine Ausstellung, die den wohl bekanntesten Prozess gegen einen NS-Kriegsverbrecher aufarbeitet, der am 11. April 1961 in Israel begann.

Foto von Adolf Eichmann in SS-Uniform (Foto: AP)

Eichmann in SS-Uniform

Acht Monate dauerte damals das Verfahren gegen Adolf Eichmann. Das Urteil gegen den Leiter des sogenannten "Juden-Referats" der Geheimen Staatspolizei am 11. Dezember 1961 war eindeutig: "Schuldig der Verursachung des Todes von Millionen von Juden durch Vernichtungslager, Einsatzgruppen, Arbeitslager-Konzentrierung und Massen-Deportation. Schuldig der Schaffung von Lebens-Bedingungen für Millionen von Juden, durch die diese physisch vernichtet werden sollten. Schuldig der Erzeugung schwerer körperlicher und seelischer Schäden bei Millionen von Juden."

Schreibtischtäter vor Gericht

Andreas Nachama, Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors", bezeichnet Adolf Eichmann als einen "Transporteur des Todes". Eichmann selbst stilisierte sich dagegen während des Prozesses vor 50 Jahren zum "Befehlsempfänger". Er bedaure und verurteile die von der damaligen deutschen Staatsführung angeordnete Vernichtung der Juden, sagte er vor Gericht, aber er selbst sei lediglich "ein Werkzeug in der Hand stärkerer Mächte und stärkerer Kräfte und eines unerfindlichen Schicksals" gewesen.

Das Gericht folgte ihm nicht. Es verurteilte ihn zum Tode. Gabriel Bach war während des Prozesses gegen Eichmann der stellvertretende Ankläger. Inzwischen ist er 84 Jahre alt und reiste extra zur Ausstellungseröffnung in Berlin an. Nie werde er den Moment des Prozesses vergessen, so Bach, als die Richter den Saal betraten, hinter ihnen das israelische Wappen. "Da wurde mir die Bedeutung des Staates Israel auf einmal klarer als in irgendeinem anderen Moment, mehr als durch jede Parade, jede Demonstration oder jeden Zeitungs-Artikel."

BND verweigert Einsicht in Eichmann-Akten

Eichmann konnte allerdings nur deshalb der Prozess gemacht werden, weil der israelische Geheimdienst "Mossad" ihn in Argentinien entführt und nach Israel verschleppt hatte. Das führte zu diplomatischen Verwicklungen mit der Bundesrepublik Deutschland. Später wurde bekannt, dass der Bundesnachrichten-Dienst und andere westdeutsche Stellen schon in den frühen 1950er Jahren über Eichmanns Aufenthaltsort in Argentinien informiert waren, aber nicht reagierten.

Eichmann in Argentinien (Foto: akg-images)

Eichmann lebte seit 1946 in Argentinien

Gerne hätten die Ausstellungsmacher Einblick in die geheimen Unterlagen dazu genommen, aber der BND lehnte es ab, sie herauszugeben. Und das obwohl das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig im Frühjahr 2010 diese Geheimniskrämerei als rechtswidrig verurteilt hatte. Selbst das Bundeskanzleramt, das für die Koordinierung der Geheimdienste zuständig ist, weigerte sich, dem BND politischen Druck zu machen. Der Historiker Norbert Kampe ist entsetzt, "dass das Kanzleramt die Strategie des Geheimdienstes einfach so übernimmt und unterstützt". In anderen kritischen Fällen habe es eine problemlose Öffnung von Archivalien für Forschungszwecke gegeben. "Ich weiß nicht, warum das gerade im Fall Eichmann so unterdrückt werden soll", sagt Kampe.

Viele Fragen sind noch offen

Über die Tatsache, dass lange niemand Interesse an Eichmanns Taten, einer gerichtlichen Verfolgung und auch der Rolle des BND hatte, wundert sich ein anderer Historiker überhaupt nicht: Moshe Zimmermann. Er hat mit anderen Autoren die Nazi-Geschichte des Auswärtigen Amtes aufgearbeitet. Zimmermann sagt, das Interesse am Fall Eichmann, habe sich in Deutschland nur langsam entwickelt, weil sich das historische Bewusstsein über die Bedeutung der Nazi-Zeit in Deutschland erst langsam entwickelt habe. Zu Beginn der 1950er Jahre, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, habe Eichmann noch nicht die Bedeutung gehabt, die er heute habe, so Zimmermann.

Eichmann bei der Urteilsverkündung am 11. Dezember 1961 (Foto: AP)

Während der Urteilsverkündung am 11. Dezember 1961

Erst der Eichmann-Prozess in Israel weckte auch in der deutschen Öffentlichkeit ein größeres Interesse an der Aufklärung von Nazi-Verbrechen. Viele Fragen rund um den Prozess sind allerdings immer noch ungeklärt. Zum Begleit-Programm der aktuellen Ausstellung, die bis Mitte September in Berlin zu sehen ist, gehört deshalb eine internationale Konferenz im Mai. Dabei wird es unter anderem um die Auswirkungen, Entwicklungen und Herausforderungen des Eichmann-Prozesses gehen. Ein Thema dürfte dann auch die fragwürdige Rolle des BND und der deutschen Politik sein.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Marlis Schaum

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