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Nahost

Adolf Eichmann - vor 50 Jahren gefasst

Er organisierte am Schreibtisch den Holocaust: Adolf Eichmann. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges flüchtete er. Vor genau 50 Jahren gelang es dem israelischen Geheimdienst, Eichmann festzunehmen - per Entführung.

Eichmann (Foto: ap)

Adolf Eichmann wurde in Israel vor Gericht gestellt

Am Abend des 11. Mai 1960, es ist kurz nach acht, entsteigt ein gewisser Ricardo Klement dem Linienbus aus San Fernando. Er kehrt wie jeden Tag nach der Arbeit in sein bescheidenes Häuschen am Rande von Buenos Aires zurück. Aber er wird dort nie ankommen. Drei Männer zerren ihn in ein wartendes Auto. Die Szene dauert keine 60 Sekunden.

Ricardo Clement ist rasch enttarnt: Adolf Eichmann ist den Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad in die Falle gegangen. Neun Tage später wird er außer Landes geschmuggelt und nach Israel gebracht. Während der israelische Ministerpräsident David Ben Gurion die Entführung vor der Weltöffentlichkeit rechtfertigt, verurteilen die Vereinten Nationen die Entführung.

Gnadenbrot bei Mercedes-Benz

Eichmann in Argentinien (Foto: ap)

Eichmann lebte in Argentinien unauffällig und in ärmlichen Verhältnissen

Noch vor Kriegsende war Eichmann untergetaucht. 1950 erreichte er mit Hilfe der katholischen Kirche an Bord eines italienischen Schiffes Buenos Aires. In einem Vorort der argentinischen Hauptstadt lebte er unerkannt mit seiner Familie. Eichmann arbeitete in verschiedenen Firmen und landete schließlich bei Mercedes-Benz, zunächst am Fließband, doch schon bald stieg er zur Bürokraft in der Verwaltung auf.

 

Während der NS-Herrschaft mit der Macht ausgestattet, Menschen leben oder sterben zu lassen, war Eichmann nun Vorarbeiter in Argentinien. Als Angehöriger der unteren Mittelschicht, der ausgezeichnet Spanisch sprach und in seinem Exil mit Vorliebe deutsche Musik hörte, schien die Tarnung der kleinbürgerlichen Idylle nahezu perfekt.

Ein Blinder erkennt Eichmann

Pass von Eichmann (Foto: ap)

Mit Hilfe eines falschen Passes war Eichmann nach Argentinien eingereist

Jahrelang suchte ihn der Mossad vergeblich. Denn Eichmanns Verfolger mussten mit einem Handicap fertig werden: Es existierten fast keine Fotos von ihm.

Und doch wollte es die Ironie der Geschichte, dass Ricardo Clement alias Adolf Eichmann von einem blinden deutschen Juden erkannt wurde. Dieser brachte den Mossad auf die Spur des ehemaligen SS-Obersturmbannführers.

Adolf Eichmann muss sich in Argentinien sehr sicher gefühlt haben. Er schien sich keiner Gefahr bewusst und gab sogar Interviews. Der niederländische Journalist und ehemalige SS-Offizier Willem Sassen führte mit Eichmann in den Jahren zwischen 1956 und 1959 über 40, zum Teil mehrstündige Gespräche. Ein übergroßer Rechtfertigungsdrang muss Eichmann  zur Gesprächsbereitschaft veranlasst haben. Er fühlte sich von seinen ehemaligen SS-Kameraden verraten. Eichmann war verbittert: Während viele ehemalige Mitstreiter aus NSDAP und SS im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik Karriere machten, erhielt er bei Mercedes Benz Argentina eher ein Gnadenbrot.

Fluchtpunkt Argentinien

Eichmann in SS-Uniform (Foto: ap)

SS-Mann Adolf Eichmann

1992 ließ Argentiniens Präsident Carlos Menem staatliche Archive öffnen. Darin gefundene Dokumente belegen, dass Nationalsozialisten wie KZ-Arzt Josef Mengele sichere Zuflucht in Argentinien fanden. Auch KZ-Kommandant Joseph Schwammberger gelang es, legal nach Argentinien auszuwandern. Und bis zu seiner Auslieferung im Sommer 1995 hatte SS-Offizier Erich Priebke unbehelligt im argentinischen Andenort Bariloche gelebt. Verantwortlich dafür war die Regierung unter Juan Peron Ende der vierziger Jahre. Mit Hilfe argentinischer Konsulate in Europa wurden Schiffe organisiert, um international gesuchte Nationalsozialisten über Italien nach Argentinien zu bringen. NS-Kriegsverbrechern und Kollaborateuren konnten sich so in Südamerika eine neue Existenz aufbauen und entgingen ihrer Gerichtsbarkeit. Noch heute leben vermutlich unentdeckt gebliebene Nationalsozialisten in Argentinien.

Eichmann vor Gericht

Eichmann und israelische Wachen (Foto: ap)

Eichmann wurde während des Prozesses rund um die Uhr bewacht

Knapp ein Jahr nach seiner Entführung eröffnete am 11. April 1961 die Sonderkammer des Bezirksgerichts Jerusalem das Strafverfahren gegen Eichmann. Er wurde beschuldigt, während der NS-Zeit maßgeblich für die Ermordung von mehr als fünf Millionen Juden verantwortlich gewesen zu sein. Für die israelische Gesellschaft bedeutete Eichmann in Jerusalem nicht nur die Konfrontation mit den Massenmorden in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern. Erstmals wurde das Schweigen über die Shoah gebrochen. "Der Eichmann-Prozess hatte eine ungeheuer wichtige Bedeutung für die Gesellschaft in Israel", resümiert Tom Segev. "Bis dahin hatte man nur sehr wenig vom Holocaust gesprochen. Der Holocaust war ein Tabu. Eltern haben ihren Kindern nichts erzählt, Kinder haben nicht gewagt, zu fragen. Der Eichmann-Prozess war eine kollektive Therapie für unsere ganze Gesellschaft."

BND und CIA kannten Eichmanns Aufenthaltsort

Gleichwohl unterließ es Staatsanwalt Gideon Hausner im Prozess danach zu fragen, wie Eichmann überhaupt aus Nachkriegsdeutschland entkommen konnte. Vor kurzem hat der US-amerikanische Geheimdienst CIA Dokumente über Eichmann freigegeben. Die Akten belegen, dass die CIA und der deutsche Bundesnachrichtendienst Eichmanns Aufenthalt schon früh gekannt, aber jahrelang nichts unternommen hatten, um Eichmann festzunehmen.

Todesurteil

Am 15. Dezember 1961 verkündete der vorsitzende Richter das Urteil: Eichmann wurde schuldig gesprochen und ein halbes Jahr später im Gefängnis von Ramleh bei Tel Aviv gehängt, der Leichnam anschließend verbrannt. Die Asche musste von der Besatzung eines Polizeibootes ins Meer gestreut werden - außerhalb der israelischen Hoheitsgewässer. Es sollte keine Pilgerstätte geben für die alten und neuen Nazis.

Autor: Michael Marek

Redaktion: Mirjam Gehrke