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Nahost

Provokateur und Volkstribun: Ahmadinedschad ein Jahr im Amt

Seit einem Jahr ist Irans Präsident Ahmadinedschad im Amt. In dieser Zeit ließ er keine Gelegenheit aus, den Westen zu provozieren. Doch auch im eigenen Land stößt er zunehmend auf Unmut.

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Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad

Wie kaum ein anderer versteht es Mahmud Ahmadinedschad, die Sprache des einfachen Volkes zu sprechen. Damit gelingt es ihm von Mal zu Mal, einen Großteil der Iraner in seinen polemischen Bann zu ziehen. So scheut er sich nicht, wie bei einer Volksversammlung in Lorestan vergangenen März, den Anwohnern zu versichern, zur Not gar selbst die Spitzhacke in die Hand zu nehmen, um das Land eigenhändig aufzubauen: "Ihr könnt Euch darauf verlassen: Wir werden stolz darauf sein."

Ein Mann aus dem Volk

Fußball - Irans Staatspräsident Mahmoud Ahmadinedschad beim Training

Ahmadinedschad pflegt sein Image als einfacher Mann

Das Rezept ist einfach: Er stellt sich als ein Mann aus dem Volk hin, und man nimmt ihm dies ab. Denn Ahmadinedschad stammt tatsächlich aus einfachen Verhältnissen, er pflegt keinen aufwendigen Lebensstil und hat den Ruf, gegen jede Korruption gefeit zu sein - ganz im Gegensatz zu den meisten der anderen bekannten Politiker seines Landes.

Diese Eigenschaften waren es wohl auch in erster Linie, die Ahmadinedschad am 25. Juni 2005 den Wahlsieg bescherten. Zwar erst im zweiten Wahlgang, dafür aber mit 61 Prozent der Stimmen - einem so großen Abstand vor dem eigentlichen Favoriten, Akbar Haschemi Rafsandschani, dass der ebenfalls unterlegene ehemalige Parlamentspräsident Mehdi Karroubi öffentlich von Wahlbetrug sprach. Solche Vorwürfe sind längst verstummt, seit Ahmadinedschad am 3. August 2005 sein Amt als sechster Präsident der Islamischen Republik übernahm. Dafür hält der Präsident sein Land - und mehr noch die Welt - in Atem.

Anti-westliche Hetze und provozierendes Selbstbewusstsein

Kombo Iran USA Mahmoud Ahmadinedschad und George Bush

Eine Annäherung zwischen USA und Iran scheint ausgeschlossen

Mit populistischen Erklärungen, mit einer virulent anti-israelischen und anti-amerikanischen Rhetorik sowie einer selbstbewusst-provozierenden Haltung im Atomstreit hat Ahmadinedschad seinem Land innerhalb nur eines Jahres mehr außenpolitische Probleme eingehandelt, als alle seine Vorgänger zuvor.

Immer wieder verschärfte er seine Angriffe auf den Westen im Allgemeinen, und die USA im Speziellen. Gegenanschuldigungen seitens der USA, die ihrerseits nicht zuletzt auch Verletzungen der Menschenrechte und der Freiheit im Iran anprangern, lässt Ahmadinedschad nicht gelten: Sein Volk habe Kultur und Zivilisation, es sei ein freies und revolutionäres Volk.

Wohltäter der iranischen Unterschicht

Wahlbetrug oder nicht: Der Wahlsieg Ahmadinedschads war einerseits auf Politikverdrossenheit der Iraner zurückzuführen, andererseits auf die unerfüllten Hoffnungen der Unterprivilegierten, die es auch in der Islamischen Republik zu nichts gebracht hatten. Der studierte Ingenieur Ahmadinedschad, der erst zwei Jahre zuvor Oberbürgermeister von Teheran geworden war, versprach Abhilfe. Und in der Tat: Er machte sich daran, den kleinen Leuten billige Kredite zu verschaffen, ihnen den Erwerb von Wohnungen zu erleichtern und auch Krankenversicherungen anzubieten.

Iran hat erfolgreich Uran angereichert Ahmadinedschad

Ahmadinedschad bei Pressekonferenz zu iranischem Atomprogramm

Dennoch zeichnete sich bald ab, dass Ahmadinedschad kein unproblematischer Präsident sein würde: Er berief alte Weggefährten aus seiner Zeit bei den Revolutionsgarden in Ministerposten und andere hochrangige Ämter - manche musste er wegen Inkompetenz später wieder austauschen - und er begann, sich zunehmend auch auf außenpolitischem Gebiet zu profilieren: Bei einem Auftritt vor der UN-Vollversammlung betonte er zwar die Gerechtigkeit als oberstes Gebot der UN sowie die Gleichheit aller Mitgliedstaaten, allerdings mit deutlichen Spitzen in Richtung der USA: "Größere Macht oder größerer Reichtum sollten keinem Mitglied mehr Rechte geben."

Witzfigur mit ungewohnter Härte

Die Freude der Iraner über soviel Selbstbewusstsein wurde bald getrübt: Der Präsident berichtete nach seiner Heimkehr, er habe während seiner Rede in New York einen grünen Lichtschein gesehen und die UN-Delegierten seien fasziniert von seiner Rede gewesen. Man begann im Iran, Witze über den Präsidenten zu machen, aber bald wurde vielen klar, dass mit Ahmadindedschad nicht zu spaßen war: Der Präsident verschärfte die Gangart im Atomstreit, indem er resolut jeden Kompromiss als Zeichen unzumutbarer Kapitulation ablehnte. Demonstrativ ließ er eine erste Anreicherung von Uran bejubeln und verkündete, man werde nie auf das Recht verzichten, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Israel solle entweder ausgelöscht, oder verlagert werden

Gleichzeitig aber eröffnete Ahmadinedschad eine zweite Front: Er verschärfte die Angriffe auf Israel. Dieses solle von der Landkarte ausradiert werden - so zitierte er Revolutionsführer Khomeini - und überhaupt: Wenn der Holocaust wirklich stattgefunden habe, dann müssten doch die Schuldigen dafür die Verantwortung tragen und dürften sie nicht den unterdrückten Palästinensern aufbürden. So wandte er sich in einer Fernsehansprache direkt an die Europäer und den Westen:

Iran Demonstration in Teheran gegen Israel

Anti-israelische Demonstration in Teheran, Oktober 2005

"Wenn ihr ein Verbrechen begangen habt, dann ist es nur angemessen, dass ihr einen Teil eures Landes zur Verfügung stellt - in Europa, den USA, Kanada oder Alaska - damit die Juden dort ihren eigenen Staat errichten können. Ihr könnt versichert sein, dass das iranische Volk nichts dagegen hat." Natürlich alles unter der Voraussetzung, die Berichte über sechs Millionen jüdische KZ-Opfer entsprächen überhaupt der Wahrheit, was Ahmadinedschad zumindest indirekt stets zu bezweifeln pflegt.

Anerkennung im arabischen Raum

Ein internationaler Sturm der Empörung setzte ein. Mit der Folge, dass Ahmadinedschad sich bestätigt fühlte und seine Attacken steigerte: Nachdem er die USA unter anderem bereits mit Dschingis Khan verglichen hatte, bezeichnete er nun Israel als Hitler. In der muslimischen Welt konnte er damit punkten, insbesondere in den arabischen Ländern, wo man trotz allen Misstrauens gegenüber dem Iran in Ahmadinedschad einen aufrechten Mann zu sehen begann, der bereit war, den USA und Israel die Stirn zu bieten. Verhängnisvoll, dass Abscheu und Verärgerung des Westens sich dort mit der Atomfrage verquickten und die Haltung gegenüber Iran verhärten ließ. Obwohl der Atomstreit schon vor Ahmadinedschads Amtsantritt begonnen hatte, und obwohl auch seine Vorgänger eine Israel-feindliche und anti-amerikanische Politik verfolgten.

Selbstauferlegte Isolation

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt ist es Mahmud Ahmadinedschad zwar gelungen, Massen zu begeistern, politisch hat er den Iran aber in die Ecke manövriert. Sucht man nach einer logischen Erklärung hierfür, dann findet sich nur eine: Ahmadinedschad möchte die Atmosphäre der frühen islamischen Republik wiederherstellen. Denn nur in solch einer selbstauferlegten Isolation kann solch eine Theokratie auf Dauer überleben. Nicht aber, wenn sie sich gleichzeitig gegenüber der Außenwelt öffnet.

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