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Fußball

Protokoll eines Aufstiegs

Der 1. FC Köln kehrt in die erste Fußball-Bundesliga zurück. DW-Sportredakteur Stefan Nestler ist FC-Fan, solange er zurückdenken kann. Den vorzeitigen Aufstieg erlebte er im Stadion, mit viel Herzblut.

18.30 Uhr: Abfahrt mit dem Fahrrad. Wie immer. Das muss sein, die langsame Anfahrt, wie ein Crescendo in der Musik. Immer mehr Fans, der ansteigende Lärmpegel, je näher ich dem Stadion komme. Ich erinnere mich an mein erstes Mal. 1971 in der Kölner Radrennbahn, weil das Stadion umgebaut wurde: 2:1 gegen Borussia Dortmund, Simmet und Rupp trafen für meinen FC. Acht Jahre war ich damals. Mit 15 feierte ich am Geißbockheim mit, als mein Verein das Double holte. Lange ist es her. Der Erfolg ging, die Liebe zum Verein blieb. Heute will ich mit ihm in die Bundesliga aufsteigen.

18.40 Uhr: "Effzeh, Effzeh", brüllen mir zwei Passanten hinterher. Sie tragen Trikots der Kölner Haie. Die haben heute im dritten Playoff-Spiel um die deutsche Eishockey-Meisterschaft gegen Ingolstadt 1:4 verloren. Hoffentlich kein schlechtes Omen.

19.20 Uhr: Ich erreiche das Stadion. Rund um die Arena herrscht Karnevalsstimmung, nicht am Rosen-, sondern am Ostermontag. Die Fans schunkeln sich warm, die Spieler erledigen das auf dem Rasen.

20.10 Uhr: Die Hymne. Gänsehautstimmung. Fast 50.000 Zuschauer aus Köln erheben sich von den Plätzen, halten ihre Schals hoch und singen "Mer stonn zu dir FC Kölle, un mer jonn mit dir, wenn et sin muss, durch et Füer, ..." (Wir stehen zu dir, FC Köln, und wir gehen mit dir, wenn es sein muss, durchs Feuer). Heute hoffentlich nicht, heute wollen wir feiern.

20.15 Uhr: Anstoß. Die Fans singen immer noch die Hymne.

Stefan Nestler als Kind im FC Köln Trikot (Foto: Nestler)

Stefan Nestler als Kind im Kölner Trikot

20.30 Uhr: Die erste Viertelstunde ist herum, ein zerfahrenes Spiel. Der Bochumer Trainer Neururer hat sich gesetzt. Der war auch mal anderthalb Jahre bei uns, Ende September 1997 wurde er entlassen. In jener Saison stieg mein FC erstmals ab. Danach noch viermal. Wir haben viel leiden müssen. Ein Abstieg hat nur eine gute Seite, du kannst wieder aufsteigen. Hoffentlich spielt der Neururer heute nicht den Spielverderber, so wie in der Hinserie, als wir in Bochum verloren.

20.36 Uhr: Tinnitus-Alarm! Nagasawa ist im Strafraum der Bochumer zu Fall gekommen. Wir wollen einen Elfmeter. Schiedsrichter Winkmann aber nicht. Deshalb wird er ausgepfiffen. Dem werden die Ohren klingeln. Objektiv betrachtet hatte er vielleicht Recht, aber heute bin ich subjektiv.

20.42 Uhr: Das darf nicht wahr sein. Wie kann Helmes dieses Anspiel im Strafraum der Bochumer verstolpern? Nagasawa macht es besser und zwingt VfL-Torwart Luthe zu einer Glanzparade. Geht doch! "Come on, FC, schieß ein Tor!", rufen die Fans. Ein Treffer liegt in der Luft. Und Neururer steht wieder. Unser Trainer Stöger sowieso, und wie immer hat er dabei die Hände in den Taschen.

20.50 Uhr: Erster Warnschuss von Helmes. Zu hoch angesetzt, aber die Richtung stimmte. Immerhin. Dann ein Konter der Bochumer. Zum Glück sind die bisher harmlos. Ich will mich amüsieren, nicht zittern.

20.55 Uhr: Ich schreibe es nicht gerne, aber meinem FC fällt im Augenblick nicht viel ein. Der VfL wird stärker. Sprang der Ball da wirklich an den Pfosten des FC-Tors? Ich will es nicht glauben.

20.57 Uhr: Oh nein! Jetzt der liegt der Ball wirklich in unserem Tor. Latza hat ihn nach einer Ecke über die Linie gedrückt. 42. Minute, 0:1. Das hatte ich mir anders vorgestellt.

21.01 Uhr: Schiri Winkmann pfeift zum Pausenkölsch. Das brauche ich jetzt auch.

21.16 Uhr Die zweite Hälfte läuft. Stöger hat gewechselt, Risse für Matuschyk. Hoffentlich hat er der Mannschaft den Marsch geblasen: "Jungs, ihr könnt heute aufsteigen, aber dafür müsst ihr gewinnen, nicht verlieren!"

21.21 Uhr: Toooor! Stöger, du Trainergott, du hast das goldene Händchen! Der eingewechselte Risse zieht aus 18 Metern ab. Ein Schuss wie ein Strich, ins linke untere Eck. 1:1, 50. Minute! Das Stadion steht kopf, ich auch.

21.28 Uhr: Der FC macht weiter Druck. Fast hätte Risse den Führungstreffer nachgelegt, Bochums Torwart Luthe muss sich lang machen, um den Schuss noch über die Latte zu lenken.

Stefan Nestler mit FC Köln Flagge am Nordpol (Foto: Nestler)

Sogar zum Nordpol durfte die FC-Fahne mit - wahre Liebe kennt eben keine Minustemperaturen

21.36 Uhr: Toooor! 2:1 für den FC! Helmes fällt im Strafraum und bekommt den Elfmeter, dazu noch Rot für den Bochumer Acquistapace. Eine harte Entscheidung, aber egal, heute bin ich parteiisch. Helmes schießt selbst, scheitert zunächst an Luthe, staubt den Abpraller aber zum 2:1 ab. Bliebe es so, wäre der FC aufgestiegen. Jaaaa!

21.40 Uhr: Die FC-Fans feiern bereits, als wären wir in der 90., dabei sind wir erst in der 69. Minute: "Erste Bundesliga, erste Bundesliga!" Dazu La Ola, die Welle.

21.45 Uhr: Wir wollen den dritten FC-Treffer sehen, das Ende aller Sorgen. Das sollte gegen zehn Bochumer doch möglich sein. Aber noch lässt uns die Mannschaft zappeln.

21.48 Uhr: Stöger wechselt Ujah für Helmes ein. Die Fans erheben sich und verabschieden den Torschützen zum 2:1 mit tosendem Applaus. Überragend gespielt hat er nicht, aber seine Bude gemacht. Mehr muss ein Stürmer nicht leisten.

21.52 Uhr: Ujah hat die Chance, sich gleich mit einem Treffer einzuführen. Doch dafür hätte die Latte fünf Meter höher liegen müssen.

21.54 Uhr: Toooor! Jetzt hat es Ujah besser gemacht. Allein läuft er auf Luthe zu und schiebt den Ball ins rechte Eck. 3:1! Stand er im Abseits? Das ist mir so egal wie die Tatsache, dass Neururer jetzt tief in seinem Stuhl versinkt und auf die Uhr blickt.

21.56 Uhr: "Nie mehr 2. Liga, nie mehr, nie mehr!", ertönt es aus dem weiten Rund wie aus einem Mund. Ordner beziehen schon jetzt am Spielfeldrand Position, um zu verhindern, dass die Fans nach dem Abpfiff den Platz stürmen. Die Fans lauern auf den Zäunen.

22.01 Uhr: Die letzte Minute der regulären Spielzeit läuft. Die meisten Zuschauer stehen.

22.03 Uhr: Abpfiff! Geschafft, der FC ist vorzeitig aufgestiegen! Die ersten Fans haben es doch auf den Platz geschafft – trotz der Ordner und des Pfeifkonzerts der meisten Zuschauer. Und plötzlich ist der Rasen voll besetzt. Die Spieler feiern am Rand in Trikots mit der Aufschrift "Mission erfüllt", abgeschirmt von drei Reihen Ordnern.

22.11 Uhr: Und ich? Ich packe meine Sachen zusammen. Zufrieden, glücklich. Aufstieg ist wie Meisterschaft. Fast jedenfalls! Bundesliga, wir kommen!

22.25 Uhr: Ach ja, die Hymne habe ich dann eben doch noch mitgesungen und den Schal geschwungen. Aber jetzt gehe ich wirklich. Das Aufsteiger-Kölsch wartet, und vielleicht auch noch ein zweites...

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