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Kultur

PRO Elite-Unis

Die deutschen Verhältnisse machen es Spitzen-Unis nicht leicht. DW-World sprach mit Heide Ziegler, Präsidentin der International University in Germany.

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Professor Doktor Heide Ziegler: "Studiengebühren wirken leistungsfördernd"

DW-WORLD: Es gibt bereits Elite-Schmieden in Deutschland. Zum Beispiel Privathochschulen wie die Ihre: die International University in Bruchsal. Warum ist Ihre Hochschule besser als andere? Heide Ziegler: Aus dem Humboldt’schen Wertekanon haben wir das Ideal der Verbindung von Forschung und Lehre übernommen. Eins unserer Alleinstellungsmerkmale ist die exzellente Betreuungsrelation zwischen Lehrenden und Lernenden, die in den Master-Programmen zur Zeit eins zu drei, in den Bachelor-Programmen eins zu fünf beträgt. Lehrende und Lernende arbeiten drei Trimester lang pro Jahr eng zusammen. Allerdings nützt die beste Betreuung nichts, wenn nicht die Lehrenden zugleich gute Forscher sind und wenn nicht die Studenten ebenfalls von ausgesuchter Qualität sind. Letzteres stellen wir über ein striktes Ausleseverfahren sicher. Nur wenn beides zusammenkommt, Quantität der Betreuung und Qualität der Leistung, kann eine Elite-Universität entstehen.

Das Stuttgarter Institut of Managment and Technology musste sich wegen finanzieller Engpässe von Hochschulstatus verabschieden und läuft nun unter Weiterbildungsakademie. Auch die International University in Bruchsal steckt finanziell in einer Krise, nachdem sie 2004 keine Förderung aus Landesmitteln mehr erhält. Warum klappt die Finanzierung nicht?

Eine kleine Anmerkung vorweg: Die International University in Germany steckt zur Zeit keineswegs in einer finanziellen Krise. Elite-Universitäten können ohne Studiengebühren nicht bestehen. Einerseits, weil sie mehr Personal brauchen und weil dieses Personal den größten Kostenfaktor in einem Universitäts-Budget darstellt. Andererseits, weil Studiengebühren leistungsfördernd wirken – sowohl für die Lehrenden als auch für die Lernenden. Der Student als Kunde erfordert von dem Professor größere Aufmerksamkeit; der Professor kann an einen Studenten, der zahlt, größere Anforderungen stellen, da dieser sein Geld bewusst in das eigene Fortkommen investiert. In einem Umfeld, wo Studiengebühren generell immer noch verpönt sind, kann sich diese Einsicht aber nur schwer durchsetzen. Darum haben es private Hochschulen schwer in Deutschland.

Ist das Finanzierungsproblem das einzige?

Keineswegs. Ich nehme an, wir sprechen hier nur von Leistungseliten. Unsere Studenten an der International University in Germany etwa machen in dem vorgegebenen Zeitrahmen ihren Abschluss, und sie wollen dann unter Beweis stellen, was sie gelernt haben. Das heißt: Sie wollen an einer Stelle arbeiten, wo Leistung anerkannt wird und sich auch bezahlt macht. In einer Gesellschaft wie der deutschen, wo Chancengleichkeit immer noch so verstanden wird, dass sie nicht jeweilige Ausgangsbasis für die eigene Entwicklung ist, sondern wo mit allen Mitteln verhindert wird, dass sich jemals jemand größere Chancen erarbeiten darf als ein anderer, kann sich eine Leistungselite nicht behaupten. Darum gehen unsere besten Hochschulabsolventen ins Ausland. Nicht der Bezahlung wegen, die dort in der Regel gar nicht einmal besser ist, sondern des gesellschaftlichen Klimas wegen.

Wie lange würde es dauern, aus einer Uni wie der Humboldt-Universität eine Elite-Schmiede zu machen? Das ist schwer zu sagen und kommt auf verschiedene Faktoren an. Ich mache einmal folgende Rechnung auf: Unter den Bedingungen, dass die Humboldt-Universität Studiengebühren erheben darf, ihre Studenten sorgfältig aussucht, Professoren nach Leistung in Forschung und Lehre bezahlt, auf international anerkannte Professoren aus den Max-Planck-Instituten auch für die Lehre zurückgreifen oder mit zusätzlichen Steuer-Geldern international renommierte Forscher und Lehrer einstellen kann, alle genannten Bedingungen sofort erfüllt würden, bräuchte es etwa eine Studentengeneration, also etwa fünf Jahre, bis die Humboldt-Universität wieder eine Elite-Schmiede ist.

Den deutschen Hochschulen geht es schlecht. Einen aktuellen Bericht des statistischen Bundesamtes ist zu entnehmen, dass die öffentlichen Ausgaben für Lehre und Studierende seit 1980 real um rund 15 Prozent gesunken sind. Studenten protestieren massenweise gegen zu volle Hörsäle, schlechte Ausstattung und Personalmangel. Die besten Absolventen wandern scharenweise ins Ausland ab. Vor dem Hintergrund der gesamten Bildungsmisere: Stehen in Deutschland derzeit nicht wichtigere Themen auf der Agenda als Eliten zu schmieden?

Eliten sind immer die Spitze des Eisbergs. Wer zur Elite zählt und wer nicht, hängt immer auch von den gerade für eine Gesellschaft vordringlichsten Aufgaben statt. Ein exzellenter Seismologe etwa würde im Iran viel eher zur gefragten gesellschaftlichen Elite zählen, als derselbe Seismologe in Deutschland. Das aber heißt: Man kann keine Eliten top down schmieden. Man kann nur die Bedingungen schaffen, in denen viele leistungsfähige Menschen ihr Bestes an Arbeit und Einsatz für die Gesellschaft, in der sie leben, geben wollen. Aus diesen rekrutiert sich dann eine Elite. Wobei manche Persönlichkeiten immer zur Elite gehören werden. Aber diese Persönlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass alles, was sich um sie herum zuträgt, sie fördert, weil sie alles als Förderung zu begreifen wissen. Für eine möglichst große Anzahl solcher Persönlichkeiten kann jedes Land nur dankbar sein.

Geht es den Beführwortern des Elite-Konzepts bei dem ganzen Gerangel nicht nur darum, die eigene Hochschule, die eigene Stadt als möglichen Standort an die Öffentlichkeit zu tragen? Es geht schon um ein "Gerangel", aber eher um ein solches zwischen Bund und Ländern. Die Länder besitzen die Kulturhoheit und wollen sich diese nicht durch den Bund streitig machen lassen. Der Bund dagegen will durch die Schaffung von Elite-Universitäten in die Kulturhoheit eingreifen, indem er die vorhandenen Universitäten zum Wettbewerb um -nicht vorhandene- Gelder anspornt, die der Bund bereitstellen will. Damit würden diese Universitäten vom Bund abhängig.

Wären Elite-Unis der Abschied vom bisherigen Anspruch der Chancengleichheit?

Wenn der Begriff Chancengleichheit richtig verstanden wird: nein. So sagen etwa Befürworter von Studiengebühren, dass Studiengebühren "sozial verträglich" gestaltet werden müssen. Das aber heißt, dass jeder, der begabt und leistungswillig ist, auch an einer Elite-Universität studieren kann – sofern er die Aufnahmebedingungen erfüllt. Allerdings müsste er wohl bereit sein, zumindest einen Teil der Studiengebühren an die Universität oder das Land oder den Bund nach Abschluss des Studiums zurückzuerstatten. Daneben wird es aber immer solche Studenten geben, denen die Eltern das Studium finanzieren können und wollen. Auch wird es immer die Schöneren, die Sportlicheren, die Begabteren und auch die Glücklicheren unter uns geben. Gleiche Startchancen von Staats wegen zu garantieren – das ist fair. Mehr nicht. Es ist wie beim 100-Meter-Lauf. Alle dürfen zum selben Zeitpunkt loslaufen. Aber nicht alle kommen zur gleichen Zeit ins Ziel - und sie sollen es auch nicht!

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