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Kultur

CONTRA Elite-Unis

DW-WORLD sprach mit Nele Hirsch, Vorstandsvorsitzende des freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften über die Pläne für Elite-Universitäten.

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Nele Hirsch: "Elite-Hochschulen führen zu einer Zwei-Klassen-Bildung"

DW-WORLD: Frau Hirsch, Sie bezeichnen den SPD-Vorschlag, "Elite"- bzw. Spitzen-Unis ins Leben zu rufen als ein "konzeptionsloses Prestigeobjekt". Was meinen sie damit? NELE HIRSCH: Die SPD redet auf der einen Seite von einem sozial gerechten Bildungssystem. Auf der anderen Seite plädieren die Sozialdemokraten für die Einführung von Elite-Unis. Das passt einfach nicht zusammen. Die Einführung von Elite-Hochschulen führt zu einer Zwei-Klassen-Bildung. Wer aus einer sozial schwachen Schicht stammt, wird aufgrund struktureller Benachteiligung kaum die Chance haben, ohne gezielte Förderprogramme den Zugang zu einer Elite-Hochschule zu schaffen. Mehr als fraglich ist auch, ob er stattdessen ein Studium an einer zweitklassigen "Normaluniversität" aufnehmen wird.

Bisher werden schlechte wie gute Studierende gleichmäßig auf die Universitäten verteilt. Die von der SPD angekündigten Leitlinien zur Innovations- und Wissenschaftspolitik beinhalten das Ziel, begabte Studierende besonders zu fördern. Was haben sie daran auszusetzen? Es ist ein typisches Symptom in der deutschen Bildungspolitik, dass in Zeiten von Sparmaßnahmen plötzlich die "Elite" entdeckt wird. Immer dann, wenn Politiker, gleich welcher Couleur, ein breit zugängliches und integratives Bildungssystem nicht mehr finanzieren wollen, kümmern sie sich plötzlich in rührender Weise um die "Begabten". Jetzt müssen sie sich nur noch um die Elite und nicht den nervigen Rest kümmern. Denn der ist an seinem schlechten Abschneiden im höheren Bildungssystem selbst schuld (und nicht etwa Gebühren und schlechte Hochschulausstattung), denn er gilt ja als "weniger begabt".

In ihren Vorschlägen will sich die SPD am großen Vorbild Amerika orientieren. Und zieht als Beispiel Elite-Uniersitäten wie Harvard, Columbia oder Stanford heran. Ist vor dem Hintergrund der verschiedenen Bildungssysteme in Deutschland und Amerika ein deutsches Harvard möglich?

Das Problem ist, dass Deutschland für eine Spitzenuniversität wie Harvard in keinem Falle die erforderlichen Mittel zur Verfügung hat. Die Gelder, die die Bundesregierung zusätzlich für deutsche Spitzenhochschulen zur Verfügung stellen will, sind nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Es macht keinen Sinn "zweitklassige Spitzenhochschulen" einzuführen und dafür in Kauf zu nehmen, dass sich die Gesamtsituation an den Hochschulen noch weiter verschlechtert. Weltklasseinstitutionen brauchen Geld.

Der renommierten New Yorker Columbia University stehen pro Jahr etwa 2 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Davon können deutsche Unis nur träumen. Vor diesem Hintergrund ist die Diskussion um Studiengebühren wieder entflammt. Die sind in Deutschland bisher verboten. Sehen Sie jetzt den Versuch, Studiengebühren durch die Hintertür einzuführen?

Es wird zur Zeit quer durch alle Parteien die Einführung von Studiengebühren gefordert. Das ist erschreckend und verkennt, dass Studiengebühren keine Lösung des Problems darstellen. Was wir brauchen, ist eine Neuorientierung in der Steuer- und Finanzpolitik, um weiterhin einen offenen Bildungszugang und eine qualitativ hochwertige Bildung für alle zu ermöglichen. Studiengebühren wirken abschreckend und sind sozial selektiv. Es muss aber darum gehen, mehr Menschen an die Hochschule zu holen und gerade auch Menschen aus niedrigen sozialen Schichten. Mit einem niedrigen Bildungsniveau ist Gerhard Schröders Innovationsoffensive von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Es gibt ja durchaus gute Ansätze wie die frühkindliche Förderung oder die Ausweitung des Ganztagsschulenprogramm. Hier muss man aber weitermachen und darf dann nicht plötzlich den Zugang zu den Hochschulen einschränken.

SPD-Generalsekretär Olaf Scholz wünscht sich neue deutsche Nobelpreisträger. Deutschlandweit demonstrieren Studenten gegen ein brach liegendes Bildungssystem. Gibt derzeit nicht dringendere Aufgaben als mit ein paar internationalen Ausnahme-Hochschulen zu wetteifern? Natürlich gibt es dringendere Aufgaben. Die Hochschulen in Deutschland sind chronisch unterfinanziert. Gleichzeitig wird über eine größere Hochschulautonomie geredet. De facto handelt es sich dabei aber um eine Mangelverwaltung in Selbstverantwortung. An unsere Hochschulen werden derzeit von allen Seiten Ansprüche gestellt. Dann wundert man sich, wenn nichts passiert oder Deutschland in Untersuchungen mal wieder Schlusslicht ist. Dabei ist es wirklich simpel zu verstehen, dass ohne Mittel auch kaum etwas passieren kann. Personifiziert man unsere heutigen Hochschulen, dann erscheinen sie so, als hätte man Ihnen an Arme und Beine schwere Mühlsteine gebunden, sie ins Wasser geworfen und zu ihnen gesagt: Los, jetzt schwimmt!

Das kann nicht funktionieren.

Wir wünschen uns Bewegung in den Hochschulen. Wir brauchen beispielsweise dringend eine inhaltsorientierte Studienreform, die sich eben nicht auf eine reine Strukturdebatte beschränkt.

Wir wünschen uns, dass Studierende an den Diskussionen zur Zukunft der Bildung beteiligt werden. Dialog heißt für uns nicht, dass sich Kanzler Schröder mit einigen Vertretern der Wirtschaft hinsetzt und über ein Konzept für Elite-Unis debattiert. Wir wollen - genau wie alle anderen gesellschaftlichen Grupen - mitreden. Und es muss um Konzepte gehen, mit denen es gelingt, Ziele wie Öffnung der Hochschulen und Erhöhung der Bildungsbeteiligung umzusetzen.

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