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Kultur

Presseschau: "Politisch korrekte Entscheidung"

Internationale Medien untersuchen vor allem die politische Dimension der Entscheidung, den Literaturnobelpreis an Orhan Pamuk zu verleihen.

Zeitungsstapel

Das türkische Massenblatt Hürriyet nimmt Pamuk in die Pflicht:

Auf diese Auszeichnung sollten die Türken stolz sein. Überall in der Welt sprechen jetzt viele Menschen darüber, dass ein türkischer Schriftsteller den Nobelpreis erhalten hat. Viele Menschen werden die Romane eines Autors lesen, den sie zuvor nie gelesen haben. Sie werden uns, die Orte, wo wir leben, unsere kulturellen Werte kennen lernen. Das sollten wir zu schätzen wissen. Diese Auszeichnung bringt auch für Orhan Pamuk große Verantwortung mit sich. Jeder Schritt, den er tut, jedes Wort, das er sagt, wird künftig mit anderen Augen gesehen. Und sicher gehört er zu den wenigen, die sich ein Recht darauf erworben haben, nach Frankreich zu gehen und ihnen (den Franzosen) vorzuhalten, welchen Fehler sie gemacht haben. Er muss hin gehen und sagen, in der Türkei bin ich nicht ins Gefängnis geworfen worden, obwohl ich gesagt habe, dass "eine Million Armenier umgebracht wurden".

Die liberale türkische Radikal blickt auf das Heimatland:

So spielt das Leben. Eine Stunde nach der verdrießlichen Nachricht aus der französischen Nationalversammlung kam die gute Neuigkeit: Der Literatur-Nobelpreis ist Orhan Pamuk zuerkannt worden. Sie wissen, was diese hohe Auszeichnung bedeutet. Die Türkei wird künftig auch als das Land Orhan Pamuks angesehen werden. Alle Welt, allen voran die an Literatur interessierten Kreise, werden noch einmal einen aufmerksameren Blick auf die Türkei, die türkische Literatur und Orhan Pamuks Stadt Istanbul werfen. Pamuk, dem dieser vertiefte Blick auf die Türkei, Istanbul und das Leben gelungen ist, ist eine Ehre für unsere Sprache, unsere Literatur und unser Land. Vergesst den französischen Unsinn, wir können uns mit Pamuk rühmen.

Die konservative spanische ABC findet die Würdigung unangemessen:

Orhan Pamuk hat sicher seine literarischen Verdienste. Diese sind aber noch kein Grund, einem relativ jungen Autor, der noch kein Werk der Weltliteratur geschrieben hat, zu universellem Ruhm zu verhelfen. Dass die Wahl auf den Türken fiel, war vor allem eine politisch korrekte Entscheidung. Pamuk ist Muslim und Laizist. Das passt in die Zeiten der "Konflikte" und der "Allianzen" von Zivilisationen. Wenn es darum ging, die türkische Literatur zu fördern, war Pamuk ohne Zweifel eine richtige Wahl. Mit Weltliteratur hat dies jedoch nichts zu tun. Und das sollte die schwedische Akademie eigentlich wissen.

Die russische Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta zeigt sich erfreut:

Während die vorigen zwei Preisträger - Elfriede Jelinek und der englische Dramatiker Harold Pinter - überhaupt nicht vorhersagbar waren, ist die schwedische Akademie in diesem Jahr wieder zu ihrer hundertjährigen Tradition zurückgekehrt. Der Nobelpreis für Literatur bleibt nach wie vor eine gewichtige Karte im großen geopolitischen Spiel. Es ist im übrigen erfreulich, dass Orhan Pamuk neben seinen gesellschaftlichen Ansichten auch durch das hochrangige literarische Niveau seiner Werke überzeugt.

Die Neue Zürcher Zeitung hofft auf weitere Werke:

Mit Orhan Pamuk ehrt die Schwedische Akademie einen Autor, der seit über dreissig Jahren mit unermüdlicher Konsequenz und Konzentration alles, was er sieht, riecht, schmeckt, liest und erlebt, in Literatur verwandelt; einen Schriftsteller, der sich weder in seinen fiktionalen Texten noch in Essays zur Tagespolitik scheut, Widersprüche beim Namen zu nennen; und einen politischen Kopf, der bereit ist, sich mit seinen Worten im eigenen Land in Gefahr zu begeben. Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an einen Mann, der - so bleibt zu hoffen - dem Westen wie dem Osten noch vieles zu sagen, noch viel zu erzählen hat.

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