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Wirtschaft

Power aus der Lausitz

Auf der Motorshow in Detroit stehen in diesen Tagen vor allem Autos mit Elektroantrieb im Rampenlicht. Auch Daimler setzt auf diese Technologie - gemeinsam mit einem kleinen Unternehmen aus Sachsen.

Blauer Kasten mit Schriftzug li-Tec

Lithium-Ionen-Batterie aus Sachsen erobert den Weltmarkt

Das Jahr 2009 ist noch keine zwei Wochen alt, da wurden Roland Dantz, Oberbürgermeister des sächsischen Städtchens Kamenz und Michael Harig, Landrat des Kreises Bautzen beim Geschäftsführer der Kamenzer Firma Li-Tec vorstellig. Li-Tec hat den beiden Kommunalpolitikern wohl den schönsten Jahreswechsel seit Jahren verschafft: Denn was der in Kamenz ansässige Batteriehersteller am 15. Dezember der Presse bekannt gab, war ein Knaller: Der große Daimler-Konzern will die Batterien für seine Elektroautos in Kamenz herstellen.

Schriftzug li-Tec und Evonik auf Schild

Haupteingang li-Tec in Kamenz

Bis zu 1000 Arbeitsplätze könnten hier entstehen - für die strukturschwache Region ein Segen. Hier im sorbischen Teil der sächsischen Lausitz sind die Ortsschilder zweisprachig, es gibt viel Folklore, eine hübsche Landschaft und Kamenz nennt sich stolz "Lessingstadt", denn hier wurde der große Dichter geboren. Doch die Arbeitslosenquote liegt im Landkreis bei über 13 Prozent. Da ist man über jede Ansiedlung froh. Geradezu euphorisch hätten seine Bürger die Nachricht aufgenommen, erzählt Oberbürgermeister Dantz. Das Oberhaupt der Stadt mit knapp 18.000 Einwohnern spricht von Hoffnung, die das Daimler-Engagement bringe.

Per Zufall nach Kamenz

Zwei restaurierte alte Türme in der Alstadt von Kamenz

Roter Turm und St. Annen Kirche in Kamenz

Dabei sei es Zufall gewesen, dass die Evonik-Tochter Li-Tec vor drei Jahren nach Kamenz kam, erzählt Geschäftsführer Andreas Gutsch. Schon vor sieben Jahren hatte man, damals noch beim Spezialchemiekonzern Degussa - der heute zu Evonik gehört - an einer speziell konstruierten Lithium-Ionen-Batterie geforscht, die bei mobilen Anwendungen und damit auch Elektro-Autos, eingesetzt werden kann. Das Problem war, dass herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien schnell heiß werden und sogar explodieren können. Darum entwickelte man einen speziellen Keramik-Separator, der genau dies verhindern soll. Doch kein Hersteller von Lithium-Ionen- Batterien wollte das Konzept haben – zu groß wären die Produktionsumstellungen gewesen. Und so sei es gekommen, erzählt Gutsch, dass sich das Unternehmen dafür entschied, die entwickelte Batterie selbst serienreif zu machen. Für die Herstellung solcher Batterien braucht man spezielle Trockenräume oder Reinräume. Die einzige damals zum Verkauf stehende Fabrik mit solchen Räumen war die eines pleite gegangenen Handy-Zellen-Herstellers in Kamenz.

Schnelles Wachstum

So startete Li-tec 2005 mit vier Mitarbeitern, heute arbeiten dort 120. Und neben der Produktion wird auch geforscht. In einem Testraum summen hunderte Batteriezellen im Dauertest vor sich hin. "Die hier fährt grad über die Alpen", erklärt Gutsch, eine andere sei "gerade auf einer Rennstrecke". Bis zu 3000 Mal werden die Batterien aufgeladen – jedes Mal innerhalb von 20 Minuten. Übersetzt für einen normalen PKW bedeutet das eine Reichweite von 150 bis 180 Kilometern. In einem anderen Bereich werden in einer Art "Modellbau" verschiedene Batterien ausprobiert. Deshalb stehen auch überall diverse elektrisch betrieben Gefährte herum – vom Mofa bis hin zum Kleinwagen. 30 Prozent der Li-Tec –Angestellten sind Akademiker. Es gebe keine Probleme, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, so Gutsch. Sogar aus dem Ausland kämen gelegentlich Bewerbungen, sagt er, von Leuten, die das, was in Kamenz passiert, so spannend fänden, dass sie gern nach Sachsen zögen.

Ein Mercedes-Flitzer im Rampenlicht von Detroit

Noch ohne Strom: Mercedes-Benz SLR

200.000 Lithium-Ionen-Zellen will Li-Tec 2009 herstellen. Die Hälfte geht in die Serienproduktion für Industrieanwendungen wie Gabelstapler oder Notstromaggregate, der andere Teil wird für die PKW-Entwicklung geliefert. Dafür müssen Sicherheitstests durchgeführt und Konstruktionen erstellt werden, denn schließlich ist die Batterie für ein Elektro-Auto mit 80 x 50 x 45 Zentimetern Abmessung nicht gerade klein. Eine echte Serienproduktion für die Batteriezellen für Elektroautos gebe es aber erst, betont Gutsch, wenn es das dazugehörige Auto gibt. Das will nun Daimler bauen. Die Stuttgarter waren in punkto künftiger Zusammenarbeit am schnellsten, die weltweit patentierte Keramik-Konstruktion hatte sie überzeugt. Der Autohersteller erwarb 49,9 Prozent der Anteile an Li-Tec und verpflichtet sich, alle seine Elektro-Batterien mit Li-Tec-Zellen zu bestücken.

Entscheidungen stehen aus

Blauer li-Tec-Batteriekasten

Auf die Kontakte kommt es an

Irgendwann sollen sich die in die Batterie-Entwicklung investierten 80 Millionen Euro rentieren. Andreas Gutsch rechnet ab 2012 damit. Bis dann wirklich Gewinne erzielt werden, kann es aber noch viel länger dauern und es ist vom Markt für Elektrofahrzeuge abhängig. Läuft alles wie geplant, ist die jetzige Fabrik in Kamenz 2011 zu klein. Dann will Li-Tec erweitern – und das am liebsten in Kamenz. Geschäftsführer Gutsch verhehlt allerdings nicht, dass der Mutterkonzern Evonik nach der Pressemeldung im Dezember nun aus ganz Deutschland Angebote bekommt, in leer stehende Fabriken mit Reinräumen zu ziehen.

Ob Daimler die PKW-Batterien, die mit den Li-Tec-Zellen bestückt werden, auch in Kamenz bauen lässt, ist noch offen. Oberbürgermeister Dantz und Landrat Harig wollen aber alles dafür tun, dass die Stuttgarter kommen – Gewerbeflächen und Flugplatz sind schon mal reserviert.

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