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Psychologie

Posttraumatisches Wachstum: Wenn das Trauma stärker macht

Erhöhtes Selbstbewusstsein, intensivere Beziehungen und mehr Gelassenheit. Was nach dem Ergebnis eines Wellness-Urlaubes klingt, kann auch das Resultat eines besonders schlimmen Erlebnisses sein.

Offene Tür Symbolbild (Danilo Rizzuti - Fotolia.com)

Das Trauma als Tür in ein besseres Leben?

Fred trägt nie kurze Hosen. Seine Beine sind von den vielen Durchschüssen vernarbt und er will sie nicht zeigen. Fred ist erst 35 Jahre alt, aber was er an schlimmen Dingen erlebt hat, würde für zehn Leben reichen. Er kennt Krieg, Hunger und Tod. Fred musste aus seiner Heimat Ruanda fliehen, weil er sich als Journalist für die Pressefreiheit einsetzte und so zum Staatsfeind wurde. Seitdem lebt er von seiner Familie, seinem kleinen Sohn getrennt. Furchtbar, oder? Kann Fred überhaupt etwas anderes sein, als ein gebrochener Mann?

"Ich bereue mein Leben nicht. Meine Vergangenheit hat mich geformt und stärker gemacht. Tauchen heute Probleme auf, denke ich oft: Ich habe Schlimmeres erlebt"," sagt Fred. Posttraumatisches Wachstum (Posttraumatic Growth, PTG) nennen Psychologen das, was Freds Prioritäten und Wertevorstellungen nach all seinen traumatischen Erlebnissen in eine neue Ordnung gebracht hat. 

Weg mit den Befindlichkeiten

Wir neigen dazu, Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, ausschließlich zu Opfern zu erklären. Olaf Schulte-Herbrüggen ist Traumatherapeut an der Charité und der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik in Berlin. Er meint, dass sowohl Laien als auch Therapeuten zu wenig darüber wissen, wie Betroffene die belastenden Ereignisse verarbeiten. "Es ist nicht so, dass ein schlimmes Ereignis automatisch krank macht." Das sei eine mittlerweile veraltete Perspektive. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die meisten Menschen auch nach schwersten Ereignissen nicht krank würden. 

Syrien Kinder im Krieg in Aleppo (picture-alliance/AA/E. Sansar)

Wer Krieg und Armut kennt, für den sind andere Probleme Kleinigkeiten. Zu viel Arbeit zum Beispiel.

Es stimmt natürlich: Menschen, die einen Terroranschlag, eine Naturkatastrophe oder Gewalt erlebt haben sind Opfer. Einige kämpfen ihr Leben lang mit den schrecklichen Bildern des Erlebten, leiden unter Angststörungen, Depressionen oder anderen posttraumatischen Belastungsstörungen. Doch es gibt auch die Möglichkeit, innerlich zu wachsen.

Manche werden stressresistenter und gelassener, so wie Fred. Beziehungen können sich vertiefen, weil die Fähigkeit, Empathie zu empfinden und Nähe zuzulassen, steigen kann. Fast immer ordnen sich die persönlichen Prioritäten nach einem dramatischen Ereignis neu. 

Posttraumatisches Wachstum: Ergebnis oder Bewältigungsstrategie

"Posttraumatisches Wachstum ist gar nicht so selten", sagt Hansjörg Znoj, Psychologe am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern. "Laut aktueller Studienlage erleben etwa 30 Prozent derer, die ein Trauma erfahren, ein inneres Wachstum danach." Welche Voraussetzungen nötig sind, um von einem traumatischen Ereignis zu profitieren und nicht daran zu zerbrechen, darüber sind sich Forscher uneins. "Ich glaube, dass jemand ein gewisses Maß an Optimismus mitbringen muss, um posttraumatisches Wachstum zu erleben", sagt Znoj. 

Znoj beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit dem Phänomen und hat selbst zahlreiche Studien durchgeführt. Dass es posttraumatisches Wachstum gibt, ist unumstritten. Uneins sind sich die Forscher allerdings über das Wesen des Phänomens. Statt eines Ergebnisses nach dem Trauma könnte es sich auch bloß um eine Strategie zur Bewältigung des Ereignisses handeln, sagt Znoj. Dabei versuchen die Betroffenen dem traumatischen Geschehen im Nachhinein eine Bedeutung zu verleihen. Entlang der Frage "warum ist das schlimme Ereignis passiert?" setzt sich ein Interpretationsprozess in Gang, der für den Betroffenen hilfreich und stärkend sein kann. 

Thailand Tsunami 2004 (picture alliance/epa/R. Yongrit)

Es muss keine Naturkatastrophen sein: Auch ein Unfall oder der Verlust eines geliebten Menschen können traumatisieren.

Die Validierung des Leidens der Betroffenen hilft nicht

"Ich könnte nicht so vielen anderen Menschen helfen, wenn ich nicht all die schlimmen Dinge erlebt hätte", sagt Fred. Anderen zu helfen, beispielsweise indem er als Journalist seinem Volk eine Stimme gibt, ist für Fred der Sinn seines Lebens. Diese besonders altruistische Haltung sei typisch für Menschen, die wie Fred die dunkle Seite des Lebens gut kennen, sagt Znoj und erzählt von seiner Großmutter: "Während des Krieges seien die Menschen so hilfsbereit und nett gewesen, hat sie immer gesagt. Schlimme Zeiten können eben auch diese positiven Aspekte mit sich bringen."

Es geht nicht darum, schlimme Ereignisse klein zu reden, nach dem Motto: 'Macht nichts, du wirst daran wachsen'. In der Öffentlichkeit geschieht sowieso das Gegenteil: Die Berichterstattung nach einem Terroranschlag oder einer Naturkatastrophe ist hochemotional, ebenso wie die Begrifflichkeiten, die Politiker wählen, um ihr Mitgefühl auszudrücken. 

Der Traumatologe Schulte-Herbrüggen nennt das die "Validierungsstrategie." Damit möchte die Öffentlichkeit den Schmerz der Opfer würdigen. Oft hilft denen das aber gar nicht - im Gegenteil. "Eine halbwegs positive Entwicklung in der Therapie verschlechtert sich häufig, weil das schlimme Ereignis auf einer anderen Ebene aufgewertet wird", sagt er. Gut gemeint ist hier das Gegenteil von gut. Um zu einem normalen Leben zurückkehren zu können, müssen die Betroffenen die ausschließliche Opferperspektive irgendwann verlassen. 

Das Bewusstsein, dass schlimmen Ereignissen auch die Möglichkeit zur Entwicklung innewohnen kann, könnte dabei helfen.