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Welt

Politi: Papst will Reformen durch Konsens

Kann Papst Franziskus die katholische Kirche reformieren? Einschätzungen zur Bischofssynode über Ehe, Familie und Sexualität von Vatikan-Insider Marco Politi.

Herr Politi, kommt die Synode voran?

Marco Politi: Ganz bestimmt. Diese Synode hat schon ein Erdbeben in der Hierarchie ausgelöst. So etwas hat es seit 50 Jahren nicht gegeben. Papst Franziskus will aus der Synode ein Werkzeug der Kollegialität, der Mitentscheidung machen. Er will keine monarchische, absolutistische Kirche mehr. Er versteht die Synode als konsultatives Instrument, das konkrete Vorschläge macht.

Schon aus der allgemeinen Debatte der ersten Woche sind wichtige Zeichen gekommen und auch wichtige Worte, die man vorher nie gehört hat. In dem offiziellen Dokument nach der generellen Debatte hat man z.B. gesagt, dass die Homosexuellen Gaben und Eigenschaften haben, die sie den christlichen Gemeinschaften anbieten können. Man hat von den Kindern in den homosexuellen Familien gesprochen. Man hat gesagt, dass es positive Elemente auch in Ehen gibt, die nur zivil getraut sind oder auch in den Partnerschaften. Und natürlich hat man gesagt, dass es möglich sein könnte, dass wiederverheiratete Geschiedene - nach einer Zeit der Buße - wieder an der Kommunion teilnehmen dürfen, so wie es z.B. der ehemalige Präsident der Deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, in Freiburg organisiert hatte.

Sie sehen die Kardinäle also auf einem Weg des Fortschritts bei der Überwindung der Kluft zwischen kirchlicher Lehrmeinung und Leben?

Wir sind in einem Prozess. Und natürlich ist die Reaktion der konservativen Seite sehr stark gewesen. Kardinal Müller hat unterstrichen, dass er nicht mehr in der Regie ist. Er hat das erste Dokument der Generaldebatte als "nicht annehmbar" bezeichnet. Der Präsident der Polnischen Bischofskonferenz hat kritisiert, man entferne sich von der Lehre von Johannes Paul II. Der amerikanische Kardinal Burke hat gesagt, die Synode werde manipuliert. Ich glaube, da steht uns noch viel Streit ins Haus. Papst Franziskus gefällt das.

Was ist die Rolle des Papstes bei dieser Synode. Er hält sich auffällig mit eigenen Meinungen zurück…Hat er Angst vor der Macht?

Nein, es ist Strategie. Als Papst weiß Franziskus, dass man eine so große Organisation mit einer Milliarde von Gläubigen, mit Hundertausenden Priestern, Tausenden von Ordensleuten und Bischöfen, nicht mehr autoritär regieren kann. Wenn man einen Reformprozess anstoßen will, dann muss das auf Konsens basieren – genau wie im Zweiten Vatikanischen Konzil. Gerade durch die freie Debatte will Franziskus die Bischöfe dazu bringen, dass sie einen Konsens finden für eine neue seelsorgerische Linie.

Aber am Ende bestimmt der Papst…?

Am Ende wird es so sein wie im Konzil, wo der Papst die Konzilsentscheidung akzeptierte und in Kraft setzte.

Wie ist Franziskus' Vision von seiner Kirche – demokratisiert und dezentralisiert?

Franziskus will eine stärker gemeinschaftliche Kirche, in der natürlich der Papst bleibt, als Endinstanz, die entscheidet – also er soll nicht Präsident eines multinationalen Konzerns werden. Aber er will die Bischöfe konkret in den Entscheidungsprozess einbeziehen. Zum einem hat er einen Kardinalsrat eingesetzt, in dem alle Strömungen der Kirche vertreten sind. Er arbeitet in einer inklusiven Weise. Da gibt es den konservativen Kardinal Pell, es gibt offene Reformer wie Kardinal Maradiaga oder Persönlichkeiten der Mitte wie den deutschen Kardinal Marx. Der Kardinalsrat ist schon ein erstes Instrument der Kollegialität. Zweitens bringt der die Bischöfe zu einer Instanz zusammen, die Vorschläge macht. Und drittens will er den nationalen Bischofskonferenzen mehr Rechte geben.

Was wird im Abschlusspapier dieser Synode stehen?

Wahrscheinlich ist es nicht so brisant wie das Referat über die Generaldebatte. Vermutlich wird Wasser in den Wein geschüttet. Vielleicht wird es auch ein wenig holprig klingen. Aber die Richtung ist gesetzt. Jetzt haben wir ein Jahr Zeit, um zu sehen, was in den Diözesen passiert.

Marco Politi ist deutsch-italienischer Journalist und Buchautor. Er gilt als gut vernetzter Vatikan-Insider und ist Kommentator der Tageszeitung Il Fatto Quotidiano. Vor zwei Jahren veröffentlichte er die Monographie "Benedikt. Krise eines Pontifikats" – ein Abgesang auf den deutschen Papst, der kurze Zeit darauf von seinem Amt zurücktrat. In dieser Woche legte er, zunächst auf Italienisch, sein neuestes Buch vor: "Franziskus. Papst unter Wölfen". Darin schildert er den Machtkampf hinter den hohen Mauern des Vatikan.

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