1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Pokern in der Pampa

Russlands Regierung hat seit dem 1. Juli das Glücksspiel im ganzen Land verboten. Wer zocken will, muss in eine der wenigen Sonderzonen - und die liegen zum Teil im fernen Sibirien, weit weg von den großen Metropolen.

Pokerspiel (Foto: dpa)

Das Glücksspiel ist in Russland verboten - mit wenigen Ausnahmen

Das "New York" war eines der beliebtesten Casinos in Moskau. Jetzt musste es schließen. Stammgäste wie Igor, der noch kurz vor der Schließung Black Jack und Poker spielte, sind enttäuscht. "Das Spielen an sich war anziehend. Für mich ist Glücksspiel einfach eine zivilisierte Art, sich zu entspannen", schwärmt der 45-Jährige, der als Manager in einer Druckerei arbeitet. "Ich konnte gut essen, konnte spielen, war im Zentrum von Moskau und nutzte diesen Ort als eine Art Büro. Und die Shows waren auch gut."

Igor ist verärgert, weil das New York und die vielen anderen Casinos in der russischen Hauptstadt dicht machen mussten. Er glaubt, die Entscheidung schade der Regierung. "Ich verstehe die Behörden einfach nicht. Man muss zunächst zwischen richtigen Casinos und den Spielhöllen mit Münzautomaten unterscheiden", meint er. "Einarmige Banditen sind schlecht, weil man bei denen eigentlich nicht gewinnen kann. Ich bin gegen die Spielautomaten, aber ich liebe die Casinos, die als geschlossener Klub betrieben werden und die nicht jeden hereinlassen." Der Eintritt habe 100 Dollar gekostet, 50 Dollar für Damen. Es habe keine armen Rentner dort gegeben. "Ich verstehe nicht, warum die Regierung auf all die Einnahmen aus dem Spielen verzichtet."

Zahlreiche Entlassungen

Sotschi (Foto: dpa)

Sotschi ist eine der Zonen, in denen noch gespielt werden kann

Das Glücksspiel ist in der Tat ein wichtiger Zweig der russischen Wirtschaft. Storm International, der Betreiber des "New York", beschäftigte bis vor Kurzem 4500 Menschen. In Moskau arbeiteten rund 50.000 Menschen in den einschlägigen Betrieben. Die meisten mussten nun entlassen werden, sagt Lavrenty Gubin vom ehemaligen New York Casino: "Für die Kellner, Barmänner und die übrigen Angestellten der Spielhallen gibt es keine Arbeit mehr. Das ist ein großes Problem. In ganz Russland stehen 350.000 Menschen in dem Sektor vor dem Nichts."

Die Studentin Anna hat als Croupier am Roulettetisch im "New York" gearbeitet. Sie ist schweren Herzens gegangen. "Das ist eigentlich ein guter Job für Studenten", sagt sie. "Wo sonst kann man so gutes Geld als Student verdienen? Nirgends. Die Arbeit ließ sich gut mit dem Studium koordinieren. Wir haben aufgegeben, denn wir wussten ja schon lange, dass wir gehen müssen. Ich mache jetzt Ferien und dann werde ich weitersehen."

"Unattraktiv und hässlich"

Roulettetisch (Foto: AP)

Glücksspiel ist ein großer Wirtschaftsfaktor

Während der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts hat sich das Glücksspiel in Russland wie eine Seuche ausgebreitet. Spielhöllen und Casinos gab es an jeder Straßenecke, angeblich vom Organisierten Verbrechen kontrolliert. Vor drei Jahren entschied die Regierung, das sie verschwinden sollen. Nur in bestimmten Zonen in abgelegenen Teilen des riesigen Landes darf weiter gespielt werden. Die Zonen, zum Beispiel Königsberg liegen 1000 Kilometer von Moskau entfernt, manchen Zonen in Sibiren gar 6000 Kilometer. Dort sollen Spielerparadiese nach dem Vorbild von Las Vegas entstehen.

Bis jetzt hat sich aber wenig getan. Die Industrie investiert nicht, weil sie nicht an die Zukunft der Glücksspielzonen glaubt, sagt Lavrenty Gubin vom ehemaligen Casino New York. "Meine Firma wird sich dort nicht engagieren", winkt er ab. "Die Zonen sind nicht besonders attraktiv. Die Orte sind hässlich, haben keine Infrastruktur, das Klima ist schlecht. Wir denken gar nicht daran, dort hin zu gehen."

"Das geht nicht"

Der Unternehmer Lavrenty Gubin glaubt, dass die reichen Kunden des New York wohl lieber in die Casinos in Europa fahren werden, als auf eine russische Version von Las Vegas zu warten. "Auf lokaler Ebene wird das Konzept vielleicht irgendwann funktionieren. Aber das wird dauern. Russland braucht sieben Jahre, um die Olympischen Winterspiele an einem einzigen Ort, nämlich Sotschi, vorzubereiten. Die wollen jetzt, dass viermal Las Vegas aus dem Boden gestampft werden soll, in nur zweieinhalb Jahren. Das ist unmöglich."

Einige der geschlossenen Glücksspieltempel in Moskau werden als Restaurant oder Nachtklub wieder eröffnet werden. Die großen Casinobetreiber werden ins Ausland abwandern und einige, da haben Fachleute wenig Zweifel, werden in den Untergrund gehen. Spieler werden sich in diskreten Landhäusern vor Moskau treffen. Die Polizei hat angekündigt, die Entwicklung genau zu beobachten.


Autor: Geert Koerkamp

Redaktion: Andreas Ziemons

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema