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Kunst

Pieter Hugo: Ein Fotograf, der Geschichte und Gegenwart vereint

Seine Porträts brennen sich in die Köpfe des Betrachters. Wenn der Südafrikaner Pieter Hugo Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft fotografiert, wirkt das manchmal skurril, aber immer authentisch.

Ein muskulöser, tätowierter Mann steht mit nacktem Oberkörper vor einem Busch und hält ein Baby im Strampler fest. Der Mann schaut ernst in die Kamera, das Baby beinahe grimmig. Das Bild zeigt den Künstler Pieter Hugo mit seinem Sohn im südafrikanischen Nature's Valley - eines von vielen eindrucksvollen Bildern in der Ausstellung "Between the Devil and the Deep Blue Sea" im Wolfsburger Kunstmuseum. 

Das Foto gehört zu Hugos Serie "Kin", was so viel wie "Sippe" bedeutet. In dieser Reihe fotografierte er seine Freunde und Familienmitglieder und andere Menschen aus seiner Heimat. Er fragte sie, was "Familie" und "Heimat" für sie bedeuten und auch, was es für ihn selbst heißt. Wie lebt man in einer Gesellschaft, die Jahrzehnte lang von Apartheid und Unterdrückung geprägt war? Und wie zieht man in einem konfliktbeladenen Land wie Südafrika seine eigenen Kinder groß? Diese und ähnliche sozialkritische Fragen spiegeln sich in den Werken Hugos wider. Dabei schafft er es, mit lebensnahen Porträts der Menschen, aber auch in seinen Stillleben und Landschaftsaufnahmen, Geschichte und Gegenwart in der Kunst zu vereinen. 

Fotos von Außenseitern und Randgruppen der Gesellschaft

Hugos Porträts zeigen nicht nur seine Freunde und Familienmitglieder, sondern auch Schrottsammler, Bettler, Drogenabhängige, Albinos und Blinde. Gezielt fotografiert er Randgruppen und Außenseiter der Gesellschaft. Als weißer Südafrikaner sieht er sich selbst als Außenseiter. Hugo bewegt sich sensibel durch die Gesellschaft, zeigt soziale Probleme und paradoxe Machtstrukturen auf. Seine Bilder werfen Fragen auf, sollen aber keine Antworten bieten. Sie machen dem Betrachter soziale Missstände und Gegensätze deutlich. Der Ausstellungstitel "Between the Devil and the Deep Blue Sea" greift eine englische Redewendung auf, die ein Dilemma verdeutlicht: Die Wahl zwischen dem Teufel und den Tiefen des Meeres kommt der deutschen Redewendung "zwischen Pest und Cholera" gleich. 

Von der eigenen Landesgeschichte geprägt

Pieter Hugo wurde 1976 in Johannesburg geboren. Das Jahr 1994, in dem Nelson Mandela als erster schwarzer Präsidenten Südafrikas sein Land aus der Apartheid führte und Angehörige der Hutu in Ruanda mehrere hunderttausend Tutsi und gemäßigte Hutu ermordeten, war für Hugo ein wichtiges Jahr. Er war 18, wurde mit der Schule fertig und verließ sein Zuhause. Er begann, als freier Fotojournalist in Kapstadt zu arbeiten, bis es ihn im Jahr 2004 nach Ruanda führte. In seiner Serie "Vestiges of a Genocide" dokumentierte er die Auswirkungen des Genozids, zehn Jahre nach dem Massenmord. 

Mit den Augen eines Kindes

Weitere zehn Jahre später kehrte er nochmal nach Ruanda zurück. Diesmal entstand die Serie "1994": Mit Porträts von in Ruanda lebenden Kindern wirft er die Frage auf, wie die nach dem Völkermord geborene Generation die Geschichte ihres Landes aufarbeitet. Hugo ist fasziniert von der Unvoreingenommenheit und der neutralen Sicht der Kinder, wie er im Katalog der aktuellen Wolfsburger Ausstellung beschreibt. Sie sind nicht in dem Maße betroffen von der Geschichte wie die Generation ihrer Eltern, doch trotzdem lastet sie auch auf ihren Schultern. Auf einem Foto sieht man zwei Jungen in einem Blumenfeld, in scheinbar unberührter Natur, frei von jeglichem "historischen Gepäck", wie Hugo selbst es ausdrückt. Doch die Kinder in seinen Porträts wirken nicht kindlich, sie schauen ernst und direkt in die Kamera. Ihre Blicke wirken anklagend. Die Fotos spiegeln eine kindliche Ernsthaftigkeit wider und hinterlassen ein unruhiges Gefühl beim Betrachter.

 

Auch international unterwegs

Pieter Hugo beschränkt sich aber nicht auf die Geschichten und Gesellschaften des afrikanischen Kontinents. Er fotografiert auch in Kalifornien und China. Er holt Kinder und alte Menschen, Leute verschiedener sozialer Schichten und Berufe vor seine Linse. Er zollt allen Menschen den gleichen Respekt in seinen Bildern: Neben Fotos von Richtern und seinen eigenen Familienmitgliedern hängen Porträts von Obdachlosen, Transsexuellen oder psychisch Kranken im Kunstmuseum Wolfsburg. Sein Interesse gilt den verborgenen und offenkundigen Gegensätzen innerhalb einer Gesellschaft und dem Konflikt zwischen Tradition und Moderne. So entstand bei einem Aufenthalt in China die Fotoreihe "Flat Noodle Soup Talk". Auch hier sieht man auf den Fotos Subkulturen, Menschen die nicht dem "Ideal" entsprechen. Ein halbnacktes, homosexuelles Liebespaar oder ein junges Mädchen vor einem blühenden Kirschbaum, ein klischeehaften Bild, das aber durch die Piercings im Gesicht des Mädchens durchbrochen wird. 

Doch ganz gleich, auf welchem Kontinent und in welchem Land er fotografiert: Pieter Hugo schafft es immer wieder in seinen Werken, soziale Dissonanzen und die feinen Risse in der Gesellschaft fotografisch abzubilden und den Betrachter dadurch zum Nachdenken zu bringen. 

Pieter Hugos Ausstellung "Between the Devil and the Deep Blue Sea" im Wolfsburger Kunstmuseum findet statt vom 19.02. bis zum 23.07.2017.

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