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Fotografie

Irans wilde Siebziger: Brisante Fotos aus dem Teheran Museum of Contemporay Art

Kaum einer wusste von der Existenz der Fotografien, die Ende der 1970er-Jahre im Teheran Museum of Contemporay Art entstanden. Die Fotografin hütete sie wie einen Schatz. Jetzt präsentiert sie die Bilder in Berlin.

Was für ein Fest! An drei Abenden wälzten sich Tänzer und Performer, halbnackte Figuren in roten Zottelkostümen und aneinander gekettete Fantasiewesen durch das Tehran Museum of Contemporary Art (TMoCA). Spärlich bekleidete Männer tanzten vor einem Picasso. Mittendrin der Schah und seine Ehefrau, Kaiserin Farah Diba, die Förderin der Künste und Inititiatorin des Museums. Zwar interessierte sich der Schah mehr für Panzer und schnelle Autos, doch an diesem Abend kam er mit ins Museum - und hatte einen peinlichen Auftritt.

Es war eine Nacht, wie sie der Iran noch nicht erlebt hatte und wohl so bald nicht wieder erleben würde. Stars aus der ganzen Welt waren angereist, auch der amerikanische Vizepräsident war zugegen. Und das alles wegen einer Museumseröffnung, die für den Iran Symbolcharakter haben sollte: Es ging darum, das damals westlich orientierte Land auf der Karte der internationalen Kunst zu platzieren und die Welt mit einer einzigartigen Kunstsammlung zu verblüffen.

Fauxpas des Schahs bei der Museumseröffnung

Iran Kaiserin Farah Diba von Persien (picture-alliance/ dpa)

Schah Reza Pahlavi und Kaiserin Farah Diba

"Ich war sehr jung und verstand nicht viel von dem, was da als Kunst zelebriert wurde", sagt Jila Dejam, die Fotografin des TMoCA. Sie besaß als einzige die offizielle Lizenz zum Fotografieren. Doch sie erinnert sich noch an die Schrecksekunde, als Schah Reza Pahlavi bei seinem Rundgang auf ein merkwürdiges Bassin stieß. Es war mit einer schwarzen, glatten, glitzernden Flüssigkeit gefüllt, das Werk eines japanischen Künstlers.

Der Schah fragte, was das sei. Man antwortete ihm: Öl. Doch der Schah lachte, mochte es nicht glauben und langte mit dem Arm voll hinein. Als er ihn wieder herauszog, hielt er ihn triefend schwarz in die Höhe. Jemand machte ein Foto. Doch binnen Sekunden war der Geheimdienst zur Stelle. Der berüchtigte persische Geheimdienst Savak nahm dem Fotografen und allen Anwesenden die Filme ab. Deshalb gibt es kein Foto von jenem Abend, an dem das TMoCA eröffnet wurde, wohl aber von den anderen Tagen der großen Party.

Brisante Bilder aus dem Iran der späten 1970er Jahre

Fotografen leben manchmal gefährlich im Iran. Das war schon damals so. Umso verwunderlicher, dass plötzlich 40 wunderbare Dokumentarfotografien aus dieser Zeit aufgetaucht sind - in Berlin! Bis vor kurzem wusste kaum jemand von der Existenz dieser Fotos.

Ausstellung Tanz in Berlin TMOCA Opening 1977 Box Freiraum (Jila Dejam 1977)

Wilde Siebziger: Tanzperformance vor einem Picasso im Teheran Museum of Modern Art

Die heute 64-jährige Jila Dejam hatte sie 40 Jahre lang an einem geheimen Ort unter Verschluss gehalten. Dass diese Bilder jetzt ans Licht kommen, ist eine Sensation - eine Welturaufführung. Und die Bilder sind brisant. Nicht direkt politisch, doch sie haben es in sich.

"Ich habe meine Bilder 40 Jahre lang beschützt. Sie waren die ganze Zeit für mich sehr wertvoll, mit Geld kann man so etwas nicht aufwiegen. Nun möchte ich, dass diese Zeitdokumente endlich gezeigt werden – und dass die Geschichte Irans richtig aufgearbeitet wird."

Farah Diba flirtet mit der Kunst

Jila Dejam steht in einem Kunstraum in Berlin, der "Box Freiraum" in Friedrichshain, und sieht sich um. Eine wunderbare Location. An den rostbraunen Wänden des umgebauten ehemaligen Pferdestalls kommen ihre Schwarz-Weiß-Fotos besser zur Geltung als in jedem White Cube. Nicht einmal die Fotografin selbst hat ihre Bilder so gesehen – gerahmt und groß aufgehängt. Und sie besitzt noch viel mehr davon: hunderte Fotos, aus denen die Iranexpertin Anahita von Plotho 40 ausgewählt hat, bevor sie vom "Box Freiraum"-Team um die Architektin Carolina Mojto, einer privaten, höchst kreativen Initiative, gezeigt werden.

Jila Dejam steht vor einer ihrer besten Arbeiten. Man sieht Farah Diba, wie sie sich über ein Frauenporträt beugt, ein fotografischer Glücksmoment. Die Kaiserin scheint mit dem Kunstwerk zu flirten.

Symbolische Hinrichtung der Kaiserin

Doch Jila Dejam war immer auch eine aufmerksame Beobachterin: "Ich bemerkte bei der Eröffnung des Museums, dass das Publikum aus ganz verschiedenen Schichten bestand. Verschleierte Frauen waren in das Museum geströmt, aber auch die intellektuelle Elite. Für mich war das alles ein Fragezeichen, aber ich spürte, dass hier etwas aneinander geraten könnte."

Die ehemalige iranische Kaiserin Farah Diba Pahlavi (privat)

Kaiserin Farah Diba und Künstler Andy Warhol

Sie behielt Recht. Der Frühling des Museums war von kurzer Dauer. 1979, nach nur zwei Jahren, besetzen Revolutionsgarden das Museum, stürmten das Depot, zerrten die Bilder heraus – zum Beispiel ein Farah-Diba-Porträt von Andy Warhol. Das Bild wurde auf brutale Weise vernichtet, die Kaiserin symbolisch hingerichtet, die Fetzen der Leinwand verbrannt. Jila Dejam aber hat das geheime Gedächtnis an diese Zeit gerettet. Das TMoCA spiegelte die Geschichte des Landes, und Dejams Fotografien kondensieren das Lebensgefühl dieser Zeit geradezu.

Geplatzte Blockbuster-Schau in Berlin

Ein wenig pikant ist es schon, dass das TMoCA, das eine der größten Sammlungen der westlichen Moderne enthält, genau dasjenige Museum ist, um das sich das Auswärtige Amt in Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz so verzweifelt bemüht hatten. Dreißig der Rothkos und Rauschenbergs, Bacons und Giacomettis sollten ja nach Berlin geholt werden, für eine Blockbusterausstellung moderner Kunst. Doch Ende Dezember 2016 wurde die Teheran-Ausstellung abgesagt. Offizieller Grund: Die Iraner hätten die Ausfuhrgenehmigung verweigert. Die wirklichen Gründe dürften allerdings etwas komplexer sein.

Jila Dejam - Fotografin (DW/W. Bloch)

Fotografin Jila Dejam

Bedauert Jila Dejam, dass die Iran-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie gescheitert ist? Nicht wirklich: "Es wäre schön gewesen, wenn die Welt mitbekommen hätte, was für einen fantastischen Kunstschatz wir haben. Aber es müssen die richtigen Bedingungen gegeben sein. Ich verstehe die berechtigten Sorgen der Iraner, dass die Kunstwerke möglicherweise nicht vollständig zurückkommen könnten und dass der Schatz, den wir mit so viel Mühe aufbewahrt haben, durch Unachtsamkeit verloren geht."

Andererseits: Jetzt ist der Geist des TMoCA auf andere Weise nach Berlin gekommen – durch die Bilder Jila Dejams. Wer das Teheran der 1970er Jahre verstehen will – nirgendwo kann er das besser als hier. Ein Stadtleben mit Alkohol, Miniröcken und schnellen Autos. Teheran war gemeinsam mit Beirut das New York des Nahen Ostens.

Teherans Museumsgeschichte ist spannender als ein Krimi

Teheran ist den Deutschen in diesem Winter wohl näher gerückt als je zuvor. Die iranische Kunstszene explodiert. Das Goethe-Institut, Deutschlands  renommierteste Institution im Ausland, veranstaltet seit Dezember auch in Deutschland ein schwergewichtiges  Programm zu Kunst, Musik und Literatur des Iran.

Nun gibt es dazu auch noch einen Film, der die Geschichte des Tehran Museum of Contemporary Art erzählt: Der Dokumentarfilm "Der verborgene Schatz", gedreht von der ARD-Korrespondentin Natalie Amiri. Sie spürt dem Krimi um die Ausstellung und der wechselvollen Geschichte dieses Museums in nie gesehenen Einstellungen nach. Selbstverständlich spielt Jila Dejam darin eine Hauptrolle. Ausgestrahlt wird der Film am 26. Februar auf Arte. Er ist spannender als jeder Tatort.

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