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Wissen & Umwelt

Pestizid unter Krebsverdacht

Nach einer neuen Studie der WHO löst der beliebte - und gleichzeitig umstrittene - Unkrautvernichter "Roundup" von Monsanto "wahrscheinlich" Krebs aus. Der Saatgut-Konzern wehrt sich. Zu Recht?

Er ist einer der weltweit am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln: Glyphosat. 1974 kam er erstmals als Wirkstoff im Herbizid "Roundup" auf den Markt. Heute wird er sowohl in der Agrarindustrie als auch unter Hobbygärtnern verwendet. Der Zweck: Wildkrautbekämpfung und Vorerntebehandlung (Sikkation), um die Reifung des Getreides zu beschleunigen und gleichmäßiger zu gestalten.

Das Mittel ist allerdings schon seit langem umstritten. Immer wieder gab und gibt es Diskussionen und Untersuchungen, wonach der Wirkstoff gesundheitsschädlich und sogar krebserregend sein soll. Nun greift auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein. Oder besser gesagt: Sie lässt eingreifen, von der angegliederten Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die in dermedizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" eine Studie veröffentlichte, nach der Glyphosat "wahrscheinlich krebserzeugend" sei. Roundup könne bei Menschen etwa Lymphdrüsen- und Lungenkrebs auslösen. Die Folge: Die WHO hat Glyphosat in seinem Risikopotenzial hochgestuft: zu "probable or possible carcinogens" - also wahrscheinlich oder möglicherweise krebserregend.

Erneute Genehmigungsrunde

Die Konsequenz daraus könne nur ein sofortiges Verbot sein, so Heike Moldenhauer, Leiterin Gentechnik und TTIP-Politik beim BUND, denn "zum einen ist die Einstufung als "krebserregend" ein absoluter Verbotsgrund, zum anderen gebietet das Vorsorgeprinzip, dass die Behörden bereits dann tätig werden müssen, wenn der letzte Beweis für die Gesundheitsschädlichkeit eines Stoffes noch nicht vorliegt." Ein Verbot sieht sie umso dringlicher, als Glyphosat das meist eingesetzte Spritzmittel der Welt ist und Menschen ihm nicht ausweichen können.

Besonders Monsanto, das Roundup vertreibt und der wohl der erfolgreichste Hersteller von Glyphosat ist, geht nach dieser neuen Meldung auf die Barrikaden - und stützt sich auf die bisherige Einschätzung der Behörden, die vor dem aktuellen Bericht hieß: unbedenklich.

BUND-Sprecherin Moldenhauer kritisiert nun das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für seinen bisherigen Umgang mit Glyphosat: Es habe zuletzt im Rahmen der EU-Wiederzulassung alle Hinweise auf die krebserregende Wirkung von Glyphosat ignoriert, sich zu sehr auf die von der Industrie vorgelegten Studien verlassen. "Es hat Ergebnisse unabhängiger Wissenschaftler, die seit Jahren auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch Glyphosat hinweisen, fast schon routinemäßig damit abgeschmettert, sie seien fachlich nicht fundiert." Ihre Hoffnung: Dass die WHO-Einstufung diese Voreingenommenheit der deutschen Behörden nun auflöst.

Die aktuelle Genehmigung für den Wirkstoff auf EU-Ebene endet im Dezember 2015. An dieser Beurteilung war auch das BfR beteiligt. "Wir haben hierzu einen sehr umfangreichen Bericht von etwa 2000 Seiten geschrieben - wo unter anderem auch die krebserzeugende Wirkung untersucht wurde. Zu dem Punkt haben wir elf Studien ausgewertet und über 30 epidemiologische Studien betrachtet", sagt Roland Solecki, Leiter der Abteilung Sicherheit von Pestiziden am BfR.

Wissenschaftliche Grundlagen unklar

Über die neueste IARC-Publikation ist das BfR trotzdem überrascht. Solecki gibt zu, er könne die Meldung zurzeit auch nur sehr schwer nachprüfen, da nur fünf Publikationen genannt werden – vermutlich sind es Studien, die auch vom BfR ausgewertet wurden: "Nun kann es entweder sein, dass das andere Gremium die gleichen Studien anders interpretiert, oder dass Studien, die dem BfR vorgelegen haben, nicht berücksichtigt worden sind", meint Solecki. Gewundert habe ihn auch die Tatsache, dass scheinbar nicht immer die aktuellsten Publikationen von der WHO berücksichtigt worden seien.

"Wir brauchen hier einfach die volle Information, wie diese Bewertung zustande gekommen ist, um zu entscheiden, wie wir damit umgehen", sagt Solecki. Dennoch werde das BfR nun schon einen konkreten Schritt einleiten, und die europäische Lebensmittelagentur (Efsa) informieren.

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Vollständiger Bericht erwartet

Solecki hält die IARC durchaus "für ein solide arbeitendes Gremium". Er wartet nun auf einen umfassenden Bericht der WHO zu ihrer jüngsten Beurteilung – normalerweise werde diese spätestens nach einem halben Jahr veröffentlicht, so Solecki. "Dann kann man nachvollziehen, wie genau die Studien beurteilt worden sind." Und dann könne man höchstwahrscheinlich auch nachvollziehen, warum sich diese Bewertung von den bisherigen unterscheide.

"Diese Argumente müssen dann in das Gesamtbild der wissenschaftlichen Diskussion mit einbezogen werden - und eine Entscheidung zur oder gegen die Verlängerung der Genehmigung getroffen werden." Die Entscheidung hierfür ist bis Ende 2015 fällig.

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