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Kultur

Pater Nikodemus: "Neue Dimension der Gewalt"

Vor dem Besuch von Papst Franziskus im Heiligen Land klagen Christen über zunehmende Attacken aus Kreisen der Siedler-Bewegung. Politik und Justiz reagieren halbherzig, sagt Benediktiner-Pater Nikodemus.

DW: Pater Nikodemus, in Israel hat es in den vergangenen Wochen wieder vandalistische Attacken gegen christliche und muslimische Einrichtungen gegeben. Auch Ihr Benediktiner-Orden war betroffen. Was genau ist vorgefallen?

Pater Nikodemus: Wir sind Kummer gewöhnt. Seit zwei Jahren werde ich fast jeden Tag angespuckt. Das gehört hier mittlerweile schon zum Alltag. Es gab auch mehrere sogenannter "Preisschild-Attacken". Dahinter stehen fast immer extremistische, national-religiöse Juden, die der Siedler-Bewegung nahestehen und die Logik verfolgen: Wenn eine Siedlung geräumt wird oder keine Baugenehmigung bekommt, muss dafür ein Preis bezahlt werden. Und in der Regel trifft das dann Moscheen, in der letzten Zeit auch Kirchen - sei es, dass Molotow-Cocktails geworfen werden, sei es, dass Autoreifen durchstochen, Scheiben zertrümmert oder Kreuze zerstört werden. Klassisch ist dazu ein Graffiti mit der Aufschrift "Tod den Christen!" oder mit Schmähungen gegen Jesus. Dazu steht dann meistens auch - als Begründung - zum Beispiel der Name einer zerstörten Siedlung.

Haben die Attacken im Vorfeld des Besuchs von Papst Franziskus zugenommen?

Ja, die neue Dimension ist, dass nun auch das bisher friedliche Galiläa betroffen ist, zum ersten Mal auch unser Kloster am See von Genezareth. Am Weißen Sonntag haben sich laut Augenzeugen 70 bis 80 Jugendliche vom Ufer her den Freiluftaltären genähert, haben am ersten Altar einen Gast, der dort betete, mit Steinen beworfen und angespuckt. Sie haben auch Steine gegen das Altarkreuz geworfen. An einem zweiten Ort, wo still gebetet wird, haben sie das Kreuz zerstört. An einem weiteren Altar haben sie das gusseiserne Kreuz demontiert - wir haben es bis heute nicht gefunden. Dann haben sie den Altar mit Schlamm beworfen und alle Sitzbänke ans Ufer gebracht und einen Davidstern hineingeritzt. Als ein weiterer Gast hinzukam, haben sie auch ihn beschimpft, mit Steinen beworfen und bespuckt.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesen Taten und dem bevorstehenden Papst-Besuch?

In diesen Kreisen wächst die Nervosität, man macht Stimmung gegen den Papst und sagt, er sei nicht willkommen. Es zirkulieren auch verschiedene Gerüchte. Heute zum Beispiel sagte ein Rabbiner, dass der Papst scharenweise Juden zum Katholizismus konvertieren wolle. Es gibt keine einzige Pressemeldung, kein einziges Statement, das in diese Richtung deutet! Ganz im Gegenteil: Dieser Papst wäre wohl der letzte, der eine Juden-Mission planen würde. Aber wenn Emotionen geschürt werden, lösen sie bei pubertierenden Jugendlichen gewisse Reaktionen aus. Und das ist auch das Traurige. Die Täter sind meistens Jugendliche und werden auch nicht belangt, weil sie noch nicht voll strafmündig sind. Dahinter stehen Erwachsene, die Hass schüren und sich selbst religiös nennen. Das sind Ereignisse, die jetzt vor dem Papst-Besuch in den Medien hochkochen. Denn natürlich wächst auch die Nervosität bei den Sicherheitskräften. Man weiß ja nicht, wozu diese Leute noch fähig sind. Und das letzte, was sich Israel wünscht, ist natürlich eine Attacke auf den Papst.

Die israelische Regierung hat Anfang dieser Woche angekündigt, schärfer gegen die Täter solcher Hassatacken vorgehen zu wollen. Geht es ihnen nun tatsächlich an den Kragen?

Preisschild-Attacken in Jerusalem - DW/Tania Krämer

Auch die deutsche Dormitio-Abtei war mehrfach Ziel antichristlicher Attacken

Es gab bisher starke Lippenbekenntnisse von der Politik, aber noch keine konkreten Handlungen. Bis heute hat wirklich noch keiner derjenigen, die hinter den "Preisschild-Attacken" stehen, das Gefängnis von innen gesehen, viele noch nicht einmal einen Gerichtssaal. Manche werden von der Polizei verhaftet und sofort wieder freigelassen. Dieser Unwillen der Politik, härter durchzugreifen, scheint sich in den letzten Tagen gewandelt zu haben. Durch die Medien ging gerade der Fall dreier junger Frauen, die verhaftet wurden, die eine unserer Pilgergruppen und noch weitere Christen angegriffen haben. Da ist die Frage, was jetzt passiert: Gibt es tatsächlich Konsequenzen - oder ist das eine starke mediale Inszenierung? Ich bin da etwas skeptisch. Denn solche Lippenbekenntnisse gab es immer wieder. Die Botschaft höre ich wohl; allein es fehlt mir der Glaube.

Wie steht die israelische Bevölkerung zu diesen Angriffen?

So unfähig die Politik darauf reagiert, so unglaublich wunderbar reagiert die Zivilgesellschaft. Wir hatten noch nie so viele jüdische Freunde wie in den letzten Jahren, seit Beginn der Anschläge. Es gibt die Initiative "Freunde Zions", Juden, die sagen: "Das ist eine Schande für unsere Religion, sie erzieht uns zu anderen Werten." Es gibt viele Initiativen, die sich sehr um uns bemühen. Wir erfahren da sehr viel Solidarität.

Wenn diese Solidarität so groß ist - wie erklären Sie sich, dass die Politiker bisher nicht härter durchgegriffen haben?

Ich glaube, das Problem der Politik ist ihre Angst vor diesen Gruppierungen. Wir haben es ja mit der Siedler-Bewegung zu tun, einer nicht zu unterschätzenden gesellschaftlichen Kraft, die ein gewisses Gewaltpotenzial birgt. Die Attacken richten sich ja nicht nur gegen Moscheen und Kirchen sondern auch gegen Militär- und Polizeistationen. Das heißt, diese Gruppen greifen sogar die staatliche Gewalt an. Natürlich sitzen in der Regierung auch Politiker, die der Siedler-Bewegung nahestehen. Und da gibt es gewisse Beißhemmungen, weil sie Angst vor ihrer Stammwählerschaft haben.

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Benediktiner-Pater Nikodemus ist Pressesprecher der Domitio-Abtei in Jerusalem, zu dem das Taghba-Kloster am See von Genezareth gehört.

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