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Wirtschaft

Paris - Europas neues Silicon Valley?

Paris könnte zum Silicon Valley Europas werden. Startups bekommen dort inzwischen mehr Kapital als zum Beispiel in Berlin. Doch ganz einfach ist es für junge Unternehmen in Frankreich nicht.

In der Lagerhalle in der Pariser Vorstadt La Courneuve herrscht geschäftiges Treiben. Dutzende junge Frauen und Männer laufen in weißen Kitteln herum. Sie waschen Plastikwannen, betrachten Kurven auf Computerbildschirmen oder verschwinden in einem der großen weißen Container. Aus denen kommt rosa Licht und manchmal jemand mit einer Schachtel Erdbeeren. Denn die sind das Herzstück des Startups Agricool, das nichts weniger plant, als die Landwirtschaft zu revolutionieren - indem es Früchte und Gemüse in Containern hochzieht, mitten in der Stadt. Das Startup ist eins von vielen, das aus Paris bald Europas Silicon Valley machen könnte.

Ein Paradies für Früchte

Gegründet haben das Unternehmen Guillaume Fourdinier und Gonzague Gru. Beide sind Söhne von Landwirten und mit schmackhaften Früchten auf dem Land aufgewachsen. "Als wir in die Stadt zogen, waren wir schockiert, wie viel schlechter hier die Früchte schmecken", sagt Fourdinier.

"Mit unserer Geschäftsidee möchten wir das ändern. Wir schaffen in unseren Containern ideale Voraussetzungen für Früchte wie Erdbeeren: das richtige Licht, die richtige Temperatur und Feuchtigkeit. Die Container sind ein Paradies für leckere Früchte - ohne Pestizide!" Agricool bezieht ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien. Deswegen, und weil bei den Früchten aus den Containern der Weg zum Kunden kurz ist, brauche diese Anbaumethode sieben mal weniger Ressourcen als herkömmliche Landwirtschaft, so Fourdinier.

Das Unternehmen gibt es seit einem Jahr. In dieser Zeit haben die Gründer bereits vier Millionen Euro Kapital eingesammelt - von privaten Investoren wohlgemerkt. "Das hat uns geholfen, unsere Entwicklung schnell voranzutreiben", erklärt Fourdinier. "Schließlich gibt es ein riesiges Marktpotenzial in vielen Ländern - vor allem da, wo es sehr heiß, sehr kalt oder die Luft sehr verschmutzt ist." Die ersten Container wollen die Unternehmer schon nächstes Jahr in französischen Städten aufstellen - und zwar im Franchise-System. Sogenannte Cultivateurs, also Anbauer, sollen sich jeweils um mehrere Container gleichzeitig kümmern. Die sind zentral mit Agricool verknüpft, das darauf aufpasst, dass auch immer optimale Anbaubedingungen herrschen.

Startups Agricool (DW/L. Louis)

Guillaume Fourdinier vor einem Container, in dem Erdbeeren gezüchtet werden

Eine der ersten Adressen Europas für Startups

Agricool ist eins von Tausenden Startups in Paris. Die haben im ersten Halbjahr 2016 mehr als eine Milliarde Euro Startgeld eingeworben. Die Stadt zählt damit zu den ersten Adressen in Europa - nur London übertrifft das noch. Dennoch ist Frankreich kein ideales Land für Startups. Das jedenfalls meint Arthur Ho, Mitgründer das Unternehmens Estis, das maßgefertigte Möbel zum kleinen Preis verkauft.

"In Frankreich haben sich viele noch nicht so richtig an das Konzept Startup gewöhnt", meint er. "Das beginnt bei der Suche nach Mitarbeitern. Vielen erscheint das Arbeitsplatz-Risiko zu hoch. Und bis staatliche Förderungen fließen, hat man sein Produkt schon längst entwickelt." Bisher mussten die beiden Gründer die Entwicklung des Unternehmens daher aus eigener Tasche finanzieren.

Startups schaffen kaum Arbeitsplätze

An Frankreichs hoher Arbeitslosigkeit werden Startups aber wohl erstmal nichts ändern. Die liegt schon seit Jahren bei über zehn Prozent. "Es gibt hier zwar relativ viele junge Unternehmen und sie finden auch Investoren, aber Angestellte haben sie meist nicht", sagt Christopher Dembik, Ökonom bei der Saxo Bank.

So kreierte bisher kaum ein französisches Startup Massenprodukte. Und die meisten von ihnen würden in einem relativ frühen Entwicklungsstadium von großen französischen Unternehmen aufgekauft.

Startups Station F (DW/L. Louis)

Noch wird gebaut: Roxanne Varza, Direktorin der Station F

Besser entwickeln könnten Startups sich bald in der "Station F". So heißt das Förderzentrum, das der Internetunternehmer Xavier Niel gerade im südlichen Paris bauen lässt. Auf den 34.000 Quadratmetern können 1000 Startups unterkommen, es wäre der größte Inkubator der Welt.

"Wir kreieren hier eine ganze Unternehmenswelt unter einem Dach - wie auf einem amerikanischen Campus", sagt Roxanne Varza, die Direktorin der Station F. "Daneben haben wir noch andere Projekte - zum Beispiel wollen wir 600 Wohnungen für Mitarbeiter von Startups bauen." Den Gründern von Station F gehe es darum, die jungen Unternehmer besser in die französische Gesellschaft zu integrieren.

"Paris könnte die Nummer eins in Sachen Startups werden"

Für Varza ist Paris schon heute eine der dynamischsten Städte der Welt. Schließlich sei Frankreich weltweit für seine gut ausgebildeten Ingenieure bekannt. "Ich glaube, dass die Stadt die Nummer eins in Sachen Startups werden kann", sagt Varza. Station F soll im nächsten Frühjahr eröffnet werden. Seit kurzem können sich junge Unternehmer um einen Platz bewerben.

Arthur Ho und sein Geschäftspartner werden wohl erst einmal weiterhin ihr Büro in einem Inkubator im südlichen Paris haben. Dennoch gehe diese Initiative genau in die richtige Richtung, meint Ho: "Frankreich braucht seine Startups. Wir sind sehr dynamisch und haben jeden Tag Ideen für neue Services und Produkte. Das ist Voraussetzung, um die Wirtschaft weiterzuentwickeln. Es ist deshalb wichtig, Startups zu unterstützen." Sein Unternehmen Estis ist gerade auf der Suche nach neuem Kapital. Für weitere Möbelstücke, die es exportieren will - auch nach England und Deutschland.

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