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Wirtschaft

Portugal hofft auf Startup-Szene

"Das hier ist nicht das neue Silicon Valley", heißt es auf dem Web Summit, der größten IT-Konferenz in Europa - derzeit in Lissabon. Portugal hofft aber mit Startups aus der Krise zu kommen. Tilo Wagner aus Lissabon.

Auf dem ehemaligen Gelände der Weltausstellung in Lissabon von 1998 steht eine Plakatwand mit einer simplen Botschaft in englischer Sprache: "Das hier ist nicht das neue Silicon Valley. Das hier ist Portugal". Der leicht ironische Hinweis richtet sich an die über 50.000 Besucher aus aller Welt, die in den kommenden Tagen auf dem Expo-Gelände erwartet werden: Der Web Summit, die größte IT-Konferenz Europas, hat seinen Geburtsort Dublin verlassen und schlägt zum ersten Mal seine Zelte am Tejo-Fluss auf.

Die Portugiesen fieberten seit Wochen dem Event entgegen - mit Sonderseiten in den Zeitungen, Newslettern von Online-Portalen und regelmäßiger Berichterstattung im Fernsehen. Selten gab es in Portugal einen derartig großen Medienrummel um eine Konferenz. Und das hat seinen Grund.

Portugal Krise Schaufenster Werbung Guimaraes (picture alliance / Robert B. Fishman, ecomedia)

Schaufensterwerbung in Portugal: Krise wird sarkastisch auf die Schippe genommen

Mit dem Web Summit hofft das Land sein Image aufzupolieren, dass seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise tiefe Risse aufweist: Seit fast zehn Jahren stagniert die portugiesische Wirtschaft, der öffentliche Schuldenberg ist in diesem Jahr auf ein neues Rekordniveau angewachsen und die Arbeitslosigkeit liegt trotz zuletzt positiver Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt immer noch bei 10,8 Prozent.

Krise führt zu Stimmungsumschwung

Die Krise habe aber auch wie ein Katalysator gewirkt, sagt der Wirtschaftsprofessor und ehemalige Finanzminister Luís Campos e Cunha: "Meine Studenten wollen nicht mehr, so wie früher, in einer Bank arbeiten, sondern ihre Ideen umsetzen und ein eigenes Unternehmen gründen. Und das liegt auch an den portugiesische Universitäten und Business Schools, die im internationalen Vergleich mittlerweile sehr erfolgreich sind."

Mitten in der Krise ist so in Portugal eine lebhafte Landschaft von Startup-Unternehmen entstanden; und im IT-Bereich haben sich junge portugiesische Firmen wie Uniplaces oder Feedzai bereits weltweit positioniert.

"Es gibt in Portugal immer mehr Unterstützung für Startups, und das führt dazu, dass immer mehr Firmen gegründet werden", sagt Pedro Pessanha. Zusammen mit vier Freunden aus der nordportugiesischen Metropole Porto betreibt er die Internetplattform Air Courts, über die private Nutzer Fußball- oder Tennisplätze unkompliziert buchen können. Das Unternehmen ist eines von 67 portugiesischen Startups, die von der Regierung ausgewählt wurden, um ihre Ideen auf dem Web Summit zu präsentieren. Für die Jungunternehmer bietet sich so die Möglichkeit, auf ausländische Geldgeber zu treffen.

Geldgeber und -nehmer zusammenbringen

Pedra Pessanha (Foto: DW/T. Wagner)

Pedro Pessanha

An der Konferenz sollen rund 1300 Investoren teilnehmen, die auf Tausende von Unternehmen treffen werden. An die Startups, die sich im vergangenen Jahr in Dublin auf dem Web Summit präsentierten, sollen Investitionen in Höhe von einer Milliarden Dollar geflossen sein. Pedro Pessanha hat ein paar Gesprächstermine mit möglichen Investoren bereits organisiert. Und trotzdem macht er sich keine großen Hoffnungen, dass der Web Summit den erwünschten Geldregen bringen werde: „Für uns geht es vor allem darum, unsere Sichtbarkeit und unser Marketing zu verbessern. Vor der Konferenz scheint sich in Portugal aber die Idee durchzusetzen, dass sich die finanzielle Situation der Unternehmen mit einer Teilnahme am Web Summit über Nacht schlagartig verändern werde. Aber das ist natürlich nur Wunschdenken."

Die Finanzierung bleibt eine der Schwachstellen der portugiesischen Wirtschaft. Gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt das Kapital, um ihr Geschäft weiter auszubauen. Das Investitionsniveau der Firmen ist im Vergleich zum Jahr 2008 um 27 Prozent zurückgegangen: schlechter geht es im europäischen Vergleich nur den Unternehmen in Griechenland.

Politik will Startups finanziell fördern

Die sozialistische Minderheitsregierung hat deshalb die finanzielle Unterstützung der Startups zu einer ihrer Hauptaufgaben im Wirtschaftsbereich erklärt. Wie die Wochenzeitung "Expresso" berichtet, soll das Budget für die jungen Unternehmen im kommenden Jahr von 200 Millionen auf 400 Millionen Euro aufgestockt werden. Dahinter steckt auch ein politisches Kalkül: Die Regierung hofft, dass der Erfolg der portugiesischen Startup-Szene auch auf sie zurückfällt. Denn insgesamt zeigt die Wirtschaftspolitik der Sozialisten noch keine tiefgreifende Wirkung.

Immobilien-Schild an Balkon in Portugal (Foto: Imago)

Portugal kämpft darum, nach einem kleinen Aufschwung nicht wieder in die nächste Krise zu rutschen

Die Minderheitsregierung, die seit knapp einem Jahr an der Macht ist, hatte gehofft, dass durch die Rücknahme von Einkommens- und Rentenkürzungen aus den Krisenjahren der private Konsum stark angekurbelt und die Wirtschaft im laufenden Jahr über zwei Prozent wachsen würde. Mittlerweile musste das Finanzministerium seine Prognose deutlich nach unten korrigieren.

Für Wirtschaftsprofessor Campos e Cunha ist die Unterstützung der Startup-Unternehmen ein wichtiger Schritt, um dem Land eine neue Richtung zu geben. Er glaubt, dass Portugal durchaus davon träumen kann, irgendwann einmal zum Kalifornien Europas zu werden: "Wir haben das Klima, wir haben den Ozean, wir haben gute Universitäten und talentierte Fachkräfte und dann braucht es einfach ein bisschen Glück. Schließlich ist Silicon Valley auch nur entstanden, weil ein Nobelpreisträger seine Leute erst um sich geschart hat, aber er so unausstehlich war, dass die Kollegen nicht mit ihm arbeiten wollten, sondern lieber ihre eigenen Firmen aufgemacht haben."

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