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Hintergrund

Papst warnt vor "Kulturlosigkeit"

Die lange erwartete Rede des Papstes im Bundestag war eine wissenschaftliche Abhandlung. Aussagen zu aktuellen Problemen der Kirche oder der Politik machte Benedikt XVI. in Berlin nicht.

Papst Benedikt XVI. bei seiner Rede im Bundestag (Foto: dapd)

Papst Benedikt XVI. bei seiner Rede im Bundestag

War die ganze Aufregung umsonst? Die Proteste einiger Parlamentarier aus Reihen der Oppositionsfraktionen SPD, Grüne und Linke gegen die Rede des Papstes im Bundestag könnten ins Leere laufen. Denn das, was Benedikt XVI. im Parlament tatsächlich sagte, glich eher einer Vorlesung über das Verhältnis von Vernunft und Glauben als einer politischen Ansprache. Hier sprach der ehemalige Theologieprofessor Joseph Ratzinger.

Der Papst dozierte darüber, wie schwierig es in unserer komplexen Welt für Politiker sei, die Frage zu beantworten, was wirklich Gerechtigkeit in der Gesetzgebung ist und wie man wahrhaftes Recht erkennt. Er riet dazu, sich auf die christlichen Wurzeln des europäischen Rechtsempfindens zu besinnen. Natur und Vernunft seien die wahren Rechtsquellen, wenn sie in der schöpferischen Vernunft Gottes gegründet seien.

Vernunft und Glaube

Benedikt XVI. erteilte in seiner halbstündigen Rede einer rein wissenschaftlichen, funktionalen Betrachtung der Natur und des Menschen eine klare Absage. Eine rein funktional begründete Vernunft, eine positivistische Vernunft ohne Glauben, sei abzulehnen sagte der Papst: "Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt - und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall -, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist."

Bundespräsident Christian Wulff (M., r.) und Papst Benedikt XVI. (M., l.) stehen in Berlin vor der Rede des Papstes im Bundestag Foto: dapd)

Als Bespiel für eine politische Bewegung, die sich vom rein wissenschaftlichen, positivistischen Weltbild gelöst habe, nannte der Kirchenlehrer Joseph Ratzinger ausgerechnet die ökologische Bewegung, also die "grünen" Parteien. Die hätten erkannt, dass mit dem Umgang mit der Natur etwas nicht stimmt. Natur sei nicht nur Materie oder Material, sondern habe aus sich heraus eine Würde. Er wolle keine Propaganda für eine Partei machen, aber in diesem Punkt sei die ökologische Bewegung "ein Schrei nach frischer Luft gewesen." Bündnis90/Die Grünen hatten zuvor heftige Kritik daran geübt, dass ein Religionsführer im Parlament sprechen darf. Das Lob der Ökologie quittierten auch die Grünen im Parlament mit Beifall.

Kultur Europas

Der Papst entwickelte aus seiner Erkenntnis den Gedanken, dass auch der Mensch eine Ökologie, eine Natur habe. Diese bestehe nicht nur aus "selbst machender Freiheit", sondern auch aus Geist und Willen. Nur so vollziehe sich wahre menschliche Freiheit, die wiederum in Menschenrechten, der Würde des Menschen mündet. Schließlich müsse man die Frage stellen, ob nicht die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeige, eine schöpferische Vernunft, einen schöpfenden Gott voraussetze.

Benedikt XVI. sagte, in Europa hätten sich die Menschenrechte und die Kultur aus dem Glauben an einen "Schöpfergott" heraus entwickelt. Diese Kultur Europas gelte es zu bewahren. Europa nur als reinen funktionierenden Mechanismus aufzufassen, würde heißen, Europa verglichen mit anderen Weltregionen der "Kulturlosigkeit" preiszugeben. Diese Thesen wollte der Papst als Aufforderung an die Abgeordneten verstanden wissen und empfahl ihnen, sich ein "hörendes Herz" zu wünschen, die Fähigkeit, Gut und Böse unterscheiden und wahres Recht setzen zu können. Ein "hörendes Herz" wünschte sich laut Bibel einst der junge König Salomon, als Gott ihm einen freien Wunsch gewährte. Der Papst sprach vor nahezu vollbesetzten Rängen im Plenarsaal. Nur die hinteren Plätze der "Linken"-Fraktion waren nicht besetzt. Die anwesenden Parlamentarier, auch die der Linken, spendeten stehend Applaus.

Demonstration kleiner als erwartet

Kreuz in einer Puppenhand, dahinter Demo-Plakate vor dem Brandenburger Tor (Foto: dpa)

Missbrauchsopfer demonstrierten gegen den Papstbesuch

Während die Abgeordneten im Reichstagsgebäude dieser theologisch geschliffenen Rede lauschten, begannen außerhalb der Bannmeile sechs Demonstrationen gegen den Papstbesuch. Die größte Demonstration mit rund 5000 Teilnehmern richtete sich nach Angaben der Veranstalter gegen die unzeitgemäße Sexualmoral des Vatikans und gegen die Schwulenfeindlichkeit der katholischen Kirche. Aus Sicherheitsgründen waren die Demonstrationen aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Bundestages auf den einen Kilometer entfernten Potsdamer Platz verlegt worden. Ursprünglich waren bis zu 20.000 Demonstranten erwartet worden, tatsächlich kamen sehr viel weniger. Rund 6000 Polizisten waren in Berlin im Einsatz, um die Sicherheit des Papstes zu gewährleisten und den Verkehr rund um abgesperrte Gebäude und Straßen zu regeln.

Benedikts erster Besuchstag ging am Donnerstagabend mit einem Gottesdienst im Berliner Olympiastadion zu Ende. Daran nahmen mehr als 60.000 Gläubige teil. Zu dem Gottesdienst waren in Sonderzügen Tausende Pilger aus dem Westen Deutschlands angereist. In Berlin und den neuen Bundesländern gibt es nur wenige Katholiken. Bei seiner Begrüßung durch Bundespräsident Christian Wulff hatte der Papst gesagt, er freue sich auf die Begegnung mit den Menschen und wolle keine Politik machen. Wulff forderte die katholische Kirche auf, ihren Standort neu zu bestimmen und Fragen nach Verfehlungen ihrer Amtsträger zur Rolle der Frau zu beantworten. Die deutsche Gesellschaft brauche die Kirche, so Wulff.

Die katholischen Laien erwarten, dass sich der Papst im Laufe seiner Reise auch zur aktuellen Krise der katholischen Kirche in Deutschland äußert. Sie hatte nach der Aufdeckung von Missbrauchsfällen an kirchlichen Einrichtungen stark an Mitgliedern verloren. Opfer des Missbrauchs fordern von Papst Benedikt klare und klärende Worte, wie er sie schon bei anderen Auslandsreisen gefunden hatte. Zwischen Geistlichen und Laien läuft zurzeit ein förmlicher Dialog, der zur Erneuerung führen soll. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch aus Freiburg, erwartet, dass der Papst diesen Dialog unterstützen und Mut machen wird.

Autor: Bernd Riegert
Redaktion: Julia Elvers-Guyot

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