1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Hintergrund

Chefdenker auf dem Stuhl Petri

Seit 2005 ist der deutsche Papst Benedikt XVI. Oberhaupt der katholischen Kirche. Allerdings ist der strenge Dogmatiker nicht unumstritten - sowohl in Kirchenkreisen, als auch in seiner Heimat Deutschland.

Papst Benedikt XVI. steht am Montag (11.09.2006) zusammen mit seinem Bruder Georg Ratzinger (r) in der Kirche St. Oswald in seiner Geburtsstadt Marktl am Inn vor dem Taufstein, an dem er die Taufe empfangen hatte. Foto: Andreas Gebert dpa/lby Pool +++(c) dpa

Benedikt und Bruder Georg Ratzinger

Seit Martin Luther habe kein Deutscher die christliche Kirche so sehr geprägt wie Papst Benedikt XVI., soll ein Theologe im Vatikan gesagt haben. Andere bezeichneten den 1981 nach Rom berufenen Kardinal Joseph Ratzinger als "Chefdenker". Schon damals galt er als höchst einflussreicher, aber auch umstrittener Dogmatiker der katholischen Lehre.

Berufsziel Kardinal

Ratzinger bei einer Bergmesse bei Ruhpolding (Sommer 1952). Foto: KNA +++(c) dpa - Report

Ratzinger 1952 bei einer Bergmesse

Joseph Ratzinger wurde am 16. April 1927 im oberbayerischen Marktl am Inn als jüngstes von drei Kindern geboren; der Vater war Gendarmeriemeister, die Mutter Köchin. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Traunstein, wo er als Ministrant bei Gottesdiensten mitwirkte. Möglicherweise stammt bereits aus dieser Zeit sein Wunsch, später Kardinal zu werden. Zunächst jedoch kam Joseph Ratzinger 1941 zur Hitler-Jugend und wurde zu Kriegsende als Flakhelfer eingezogen. 1946 begann er in Freising ein Theologie- und Philosophiestudium, wurde 1951 zum Priester geweiht und habilitierte mit nur 30 Jahren im Bereich Dogmatik und Fundamentaltheologie. Ab 1958 lehrte er als Professor in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg.

Karrieresprung in Rom

Professor Joseph Ratzinger, Erzbischof von München und Freising, wird am 1. Juli 1977 stürmisch von der Münchener Bevölkerung begrüßt. In Rom war ihm von Papst Paul VI. die Kardinalswürde verliehen worden. picture-alliance / dpa (c) dpa - Bildarchiv

1977 feiert München seinen neuen Erzbischof

1977 wurde Joseph Ratzinger von Papst Paul VI. zum Erzbischof von München und Freising ernannt und empfing kurz darauf die Kardinalswürde. Nach nur 4 Jahren in München kam mit der Berufung nach Rom durch Papst Johannes Paul II. der große Karrieresprung für den Münchner Erzbischof: Im Vatikan übernahm Ratzinger den Posten des Präfekten der Glaubenskongregation. Nach Beobachtermeinung blieb er in Rom das, was er auch schon vorher war: Professor, Bekenner, Lehrer - kein Mann der Kanzel, sondern des Katheders, der mit intellektueller Schärfe und gleichzeitiger Sorge die Schwächen von Gesellschaft und Kirche aufzeigte. Allerdings hatte Ratzinger sich noch vor seinem Amtsantritt in der 'Heiligen Stadt' bereits vom kritischen Reformenbefürworter zum eher konservativen Hüter der Lehre gewandelt.

Auf dem Stuhl Petri

German Cardinal Joseph Ratzinger gives communion to a nun during a Mass in St. Peter's Basilica at the Vatican, in this April 18, 2005 file photo. Cardinal Joseph Ratzinger of Germany, a longtime guardian of doctrinal orthodoxy, was elected the new pope Tuesday April 19, 2005 in the first conclave of the new millennium. He chose the name Pope Benedict XVI. (AP Photo/Pier Paolo Cito/ File)

Kardinal Joseph Ratzinger bei einer Messe im Vatikan

In Rom stieg der deutsche Kardinal rasch zum engen Vertrauten des Papstes auf. Beide Männer verband nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch eine strikt konservative Glaubenshaltung - ob Verdammung künstlicher Geburtenregelung, Verbot weiblicher Priester oder Befreiungstheologie in Lateinamerika. Als Joseph Ratzinger nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. am 19. April 2005 zu dessen Nachfolger gewählt wurde, stieß diese Wahl vor allem in Deutschland auf Skepsis. Viele deutsche Theologen sahen in Benedikt XVI. ein Symbol für Dogmatismus und Konservativismus. Doch der neue Papst verblüffte seine Kritiker mit der Zusage, an der Verwirklichung des reformorientierten Zweiten Vatikanischen Konzils festhalten zu wollen. Und auf dem Weltjugendtag in Köln wurde er wie ein Popstar gefeiert.

Zwischen Euphorie und Kritik

Papst Benedikt XVI. spricht vor seinem Deutschlandbesuch am Samstag (17.09.11) um 22:55 Uhr in der ARD das «Wort zum Sonntag», undatierte Aufnahme von der Aufzeichnung der Sendung im Vatikan. Der Pontifex reist am 22. September zuerst nach Berlin und besucht in den folgenden Tagen Thüringen und Freiburg, bevor er am 25. September nach Rom zurückfliegt. Foto: ARD/BR (honorarfrei im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter Sendung bei Nennung: «Bild: ARD/BR» (S2) (zu dpa 0353 am 17.09.2011)

Papst Benedikt XVI. 2011 vor seinem Deutschlandbesuch

Auch bei seinen Reisen in andere Länder begeistert der überaus redegewandte Papst, der viele Sprachen beherrscht, die Gläubigen; häufig wird er mit lautstarken "Benedetto"-Rufen gefeiert. Die Deutschen dagegen beobachten ihren Papst weiterhin kritisch - vor allem die evangelische Kirche. Denn die empfindet es als Affront, dass sie von Benedikt als "kirchliche Gemeinschaften" bezeichnet wird. Auch seine Einstellung zur Ökumene trifft bei den Protestanten nicht auf Gegenliebe. Aber auch sonst geriet der Papst in den vergangenen Jahren mehrfach in die Kritik: So stieß die Rehabilitierung des britischen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson 2009 auf empörte Proteste. Auch bei den jüngst aufgedeckten Missbrauchsfällen von katholischen Geistlichen an Kindern und Jugendlichen fielen die Reaktionen aus dem Vatikan vielen Deutschen nicht entschieden genug aus. Jetzt ist Benedikt XVI. jetzt in seinem Heimatland unterwegs, die Mission ist nicht ganz einfach: Die Gläubigen erwarten offene Worte vom Papst zu den Themen Sexualmoral, Zölibat und Ökumene.

Autoren: Klaus Gehrke, Martin Muno, Oliver Samson
Redaktion: Silke Wünsch