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Politik

Pannonisch, belgisch, boreal

Der politische Betrieb in Brüssel kommt nach der Sommerpause langsam, aber sicher wieder in Gang. Für den schleichenden Übergang von der Erholungs- zur Schreibtischphase gibt es harmlose Themen. Aale, zum Beispiel.

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Alexander Kudascheff

Inzwischen treffen sich schon wieder die Außen-, die Justiz-und Innenminister - aber entschieden wird nichts. Weder zu den Verhandlungen über das Atomprogramm mit dem Iran, noch zur leidigen Türkeifrage. Die täglichen Pressekonferenzen der Europäischen Kommission gibt es wieder, aber sinnvolle Informationen sind die Ausnahme.

Die Klamotten können kommen

Immerhin: In Sachen Textilstreit mit China hat man den Gordischen Knoten zerschlagen. An die 80 Millionen Pullover, Hemden, Hosen, Blusen, T-Shirts - vor langer Zeit bestellt und auch bezahlt - dürfen endlich nach Europa. Der mögliche ökonomische Crash für viele Händler ist erst einmal vermieden. Dabei ist der Fall selbst symptomatisch für die EU. Erst beschließt man, alle Quoten für Textilien aus China aufzuheben, plant eine siebenjährige Übergangszeit - und zieht dann, wenn endlich alle Grenzhürden fallen, sofort wieder die Reißleine, weil drei Länder plötzlich Protektionismus wollen. Dann gilt weder der ausgehandelte Vertrag ( "Schluß mit allen Importkontigenten") noch die marktliberale Floskel ("Wir wollen Freihandel und keine Schutzzölle"), die sonst alle im Mund führen. Das war ein Trauerspiel - und die Kommission einschließlich des Kommissars Mandelson hat sich auch nicht Ruhm bekleckert.

Verkorkste Verfassung

Genauso wenig ein Ruhmesblatt: Auf dem letzten Gipfel hat man beschlossen, man wolle nach den zwei gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden richtig und substantiell über einen Ausweg aus der Krise nachdenken. Doch bis heute gibt es noch nicht einmal einen Zeitplan, wie es weitergehen soll. Kein Ruhmesblatt für die britische Ratspräsidentschaft, die auch nicht weiter über die stockenden Haushaltsgespräche beraten will. Aber es ist ja noch Spätsommer. Man hat ja Zeit. Oder will vielleicht erst einmal die Wahlen in Deutschland abwarten, ohne das laut oder gar zu laut zu sagen.

Schöne Gegend

Aber womit beschäftigt man sich stattdessen? Beispielsweise mit NATURA 2000 - einem Naturtschutznetz, das nun auf die zehn neuen Mitgliedsländer ausgedehnt wird. Jetzt erfahren die Esten wie die Ungarn, die Zyprer wie die Polen, die Tschechen wie die Litauer endlich, ob ihre Länder und Regionen zu den pannonischen, borealen, kontinentalen, atlantischen, alpinen, makaronesischen oder mediterrranen Gegenden gehören. Und dann gibt's natürlich Geld aus dem "Lifefonds", der mit 300 Millionen Euro ausgestattet ist. Aber zuerst gibt es eine Liste - welches Land zu welcher Region gehört.

Glas-aalig

Und wer sich nicht sicher ist, der kann ja ein Seminar in Ungarn besuchen. Thema: die pannonische Region. Wem das noch nicht absurd genug ist, der kann dem CDU-Europaabgeordneten Langen helfen, und zwar bei seinem Kampf für "dringend erforderliche Erhaltungsmaßnahmen zur Aalbewirtschaftung". Dabei geht es um den natürlichen Aal, aber vor allem um den Glasaal. Deswegen, so der CDU-Parlamentarier, müsse die EU Erhaltungsziele für alle Aalpopulationen in europäischen Flüssen festlegen. Und das Ganze natürlich europäisch harmonisieren. Da sieht man, welche Probleme Europa wirklich bewegen: Nicht die Massenarbeitslosigkeit. Nicht das Atomprogramm des Iran. Nicht die chinesische und indische Herausforderung. Nicht die Vergreisung des alten Kontinents. Nein: der Schutz der Aalpopulation. Wohl bekomm's.

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