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Asien

Pakistan am Scheideweg

Der Tod eines weiteren hochrangigen Al-Kaida-Anführers in Pakistan Mitte August wirft erneut die Frage auf: was wird aus Pakistan im internationalen Kampf gegen den Terrorismus?

Luftaufnahme von Waziristan (Foto: Abdul Sabooh)

Waziristan ist als Al-Kaida-Hochburg bekannt

Waziristan ist eine abgeschiedene Region im Osten Pakistans. Dass sie gerade in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt, hat sie einem wenig rühmlichen Umstand zu verdanken. Am 22. August 2011 wurde dort der Al-Kaida-Vize Atijatullah Abdel-Rahman von einer amerikanischen Drohne tödlich getroffen, vermelden amerikanische Regierungskreise. Der gebürtige Libyer starb gut drei Monate nachdem Al-Kaidas Nummer 1, Osama bin Laden, ebenfalls in Pakistan getötet wurde.

Gefahrenherd Pakistan

Die Nachricht versetzt Sicherheitsexperten in Alarmbereitschaft: 180 Millionen Menschen leben in Pakistan, von denen gut zwei Drittel Analphabeten sind. In Pakistan scheinen sich Hiobsbotschaften aneinander zu reihen wie Perlen an einer Kette: Pakistan ist Nuklearmacht, hat einen besonders undurchschaubaren Geheimdienst.

Kinder holen am Wasser an einer Handpumpe in einem Slum in Lahore, Pakistan (Foto: AP/K.M.Chaudary)

Millionen Pakistaner leben unter der Armutsgrenze

Und mit seiner fast mittelalterlichen Ordnung - einer bitterarmen Landbevölkerung und märchenhaft reichen Landbesitzern, die sich für alles, außer für die Probleme Pakistans zu interessieren scheinen - ist das Land zunehmend anfälliger für Islamismus. 

Ein General mit Botschaften

Generallieutenant Talat Masood (links) und Olaf Kellerhoff, Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Pakistan (rechts) im Gespräch (Foto: DW/Hempelmann)

Talat Masood (links) diente 39 Jahre in der pakistanischen Armee

Vierzig Jahre lang hat Talat Masood im pakistanischen Militär gedient. Als Generalleutnant schied er 1991 aus, wurde Berater des Verteidigungsministeriums in Pakistan. Nun ist er ein Botschafter seines Landes in politischen, militärischen und nuklearen Fragen. In diesen Tagen erfordert das diplomatisches Geschick. Wie tief die Gräben speziell zwischen den USA und Pakistan sind, offenbart nämlich schon die Sprache.

Die radikal-islamischen Taliban oder das militant islamistische Haqqani-Netzwerk bezeichnet Masood schlicht als "Stammesvertreter", und erläutert, warum Islamabad nicht an einem Konflikt mit diesen Gruppen gelegen sei: "Für uns sind diejenigen wichtiger, die Pakistan zur Zielscheibe haben, also nicht die afghanischen Taliban oder die afghanischen Aufständischen."

Jede Predator-Drohne polarisiert ein Stück mehr

So eine Prioritätensetzung betrachtet die westliche Welt vorerst mit Stirnrunzeln. Während in Amerika und Deutschland der Tod von Terroristen wie Bin Laden oder Abdel Rahman mit Erleichterung, Genugtuung oder gar Freude zur Kenntnis genommen wird, lösen die Nachrichten in Pakistan bestenfalls gemischte Gefühle aus. Sogar bei Pakistanern, die sich strikt gegen jeden Terror aussprechen. Amerikas unbemannte Flugkörper untergraben nicht nur Pakistans staatliche Souveränität. Ihr Einsatz ist zudem durch kein Recht der Welt gedeckt. Und sie sind bei weitem nicht treffsicher.

Amerikanische Denkfabriken wie die "Brookings Institution" schätzen, dass für jeden getöteten Terroristen rund zehn unschuldige Pakistaner bei amerikanischen Drohnenangriffen sterben müssen. Das schüre den Anti-Amerikanismus im Land, erklärt Masood: "Ich denke, der beste Weg für die Terrorbekämpfung ist die Unterstützung des pakistanischen Volkes zu gewinnen."

Arbeitsplätze und Alphabetisierung als Anti-Terror-Strategie

Arbeitsplätze schaffen, Bildung, einen effektiven Geheimdienst, die Unterstützung des Volkes, unabhängige Medien - das wünscht sich Masood als umfassenden Anti-Terror-Ansatz. Einzig die Demokratie würde Politikern abverlangen, nicht am Volk vorbei zu entscheiden und sei deshalb die effektivste Regierungsform, folgert der General.

Schulmädchen nehmen in Pakistan an einer Unterrichtsstunde unter freiem Himmel teil (Foto: dpa)

Experten fordern mehr Schulen für Pakistans Kinder

Wer mag kann darin Kritik an der Führungselite Pakistans erkennen, die der Pakistan-Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung, Olaf Kellerhoff, auf den Punkt bringt: Politische Führungsschwäche und ein Militär, das Gefahr läuft mit dem Trend zu immer radikaleren Islam-Auslegungen wie dem Wahabismus von Islamisten unterwandert zu werden: "Neulich ist ein pakistanischer Journalist ermordet worden, der Verbindungen zwischen Al-Kaida und dem Militär aufgedeckt hat. Es ist nicht das Bestreben des Militärs. Aber einzelne Militärangehörige arbeiten in diese Richtung."

Respekt im Dialog

Trotz dieser Schwierigkeiten warnt Kellerhoff davor, Pakistan als so genannten Schurkenstaat in Bausch und Bogen zu verdammen. Das Land und sein Volk brauchten in erster Linie Respekt, argumentiert er. Im Grunde gleichen bilaterale Beziehungen diesbezüglich einer Ehe: Auf Pauschalkritik reagiert der Kritisierte mit Trotz und Ablehnung. Respekt öffnet die Tür zum Dialog. Und den braucht Pakistan. Gerade jetzt. Mehr denn je.

Autorin: Ute Hempelmann
Redaktion: Ziphora Robina

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