Oscargewinner und Romanautor: Graham Moore | Filme | DW | 26.02.2017
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Filme

Oscargewinner und Romanautor: Graham Moore

2015 gewann Moore den Oscar für sein Drehbuch "The Imitation Game". Sein Roman "Die letzten Tage der Nacht" handelt von einem Wirtschaftskrieg im 19. Jahrhundert. Und steckt voller Bezüge zu aktuellen Ereignissen.

"Amerika war ein Land, in dem die Mächtigen und die Populären in eine unbehagliche Allianz gezwungen wurden: Natürlich zählte Geld - auch das alte New Yorker Geld. Aber Geld war eben nicht mehr alles. Die wahre Muskelkraft der USA lag bei den Populären, den Beliebten und Angesagten. Popularität war in Mode. Und zu Popularität verhalfen einem die anderen Leute."

Nein, dies ist kein Roman über Donald Trump.

"'Nichts besonderes', antwortete Paul und ging weiter zu dem zweiten, hinten liegenden Büroraum, der vielversprechender wirkte. In ihm standen ein schlichter Schreibtisch aus Kirschholz, ein hoher Stuhl und zwei Aktenschränke. Von hier aus führte Brown wohl sein wahres Geschäft: die Manipulation der öffentlichen Meinung."

Und nein, dies ist auch kein Roman über Steve Bannon, den strategischen Chef-Einflüsterer des neuen amerikanischen Präsidenten.

"Die letzten Tage der Nacht" des 1981 in Chicago geborenen Schriftstellers Graham Moore ist ein Roman über einen großen amerikanischen Wirtschaftskonflikt im 19. Jahrhundert, den sogenannten Stromkrieg. Es war die in aller Schärfe geführte Schlacht um die Elektrifizierung der Vereinigten Staaten, die sich vor allem in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts abspielte. Und doch fallen einige Parallelen zwischen den Ereignissen von damals und heute ins Auge.

Nikola Tesla (public domain)

Der aus Serbien stammende Erfinder Nikola Tesla spielt im Roman eine wichtige Rolle

Auf der einen Seite stand der berühmte Erfinder und skrupellose Geschäftsmann Thomas Alva Edison, der mehrere Patente auf Glühbirnen besaß und das Land mit Hilfe von Gleichstrom elektrifizieren lassen wollte. Sein Gegner war der Unternehmer George Westinghouse, der Wechselstrom als bessere Grundlage für die Zukunft ausgemacht hatte. Wechselstrom verfügte über erhebliche Vorteile, das wurde relativ schnell deutlich. Doch Westinghouse hatte einen entscheidenden Nachteil. Er besaß keine Patente für die Produktion von Glühlampen. Edison hingegen spielte diesen Vorteil aus, obwohl Gleichstrom weniger effektiv war.

Streit zwischen Wirtschaftsbossen

Die beiden Unternehmer überzogen das Land mit vielen kleinen, regional verankerten Stromnetzen, beide setzten jeweils auf ihre Techniken. Versuche von Westinghouse, den Streit zu schlichten, schlugen fehl. Edison ließ nicht mit sich reden. Das führte zu hässlichen Szenen. Es wurden Tierversuche unternommen, die beweisen sollten, dass das jeweils eigene System das bessere ist. Edison, der Wechselstrom als gefährlich für den Menschen erachtete, demonstrierte das mit Tieren: Die Probanden litten grausam. Und auch die Erfindung des elektrischen Stuhls fiel in jene Jahre. Edison wollte seinen Konkurrenten loswerden, dessen Wechselstrom musste mit allen Mitteln diskreditiert werden. Auch durch die grausame Zurschaustellung Hingerichteter.

Thomas Alva Edison (picture-alliance/dpa)

Dunkler Gegenspieler des literarischen Helden: Thomas Alva Edison

Die Rollen sind klar verteilt - Edison hat den dunklen Part übernommen

Der Roman ist aus der Perspektive des jungen Westinghouse-Anwalts Paul Cravath geschrieben. Und so sind die Rollen klar verteilt. Edison ist der geniale, aber auch dämonische Gegenspieler. Westinghouse, für den Graham Moores (fiktiver) literarischer Held gegen Edison vor Gericht zieht, der machtvolle, wiewohl sympathische Geschäftsmann.

Moore hat den einzelnen Kapiteln des Romans kurze Zitate von berühmten Persönlichkeiten vorangestellt. Edison taucht häufiger auf, auch der Erfinder des Telefons, Alexander Graham Bell, oder Denker wie Albert Einstein und Karl Popper. Besonders oft zitiert Moore aber Steve Jobs:

"Die Leute wissen nicht, was sie wollen - bis man es ihnen zeigt."

"Picasso hat gesagt: 'Gute Künstler kopieren. Richtig gute Künstler stehlen.' Wir haben richtig gute Ideen schon immer gestohlen, ohne uns dafür zu schämen." 

(Steve Jobs, der Picasso hier fälschlicherweise ein Zitat zuschreibt, was wiederum bezeichnend ist...)

Technologische Konflikte - bis aufs Blut ausgereizt

Und so scheinen in dem Roman über einen Technologie- und Wirtschaftsstreit aus dem vorletzten Jahrhundert zwischen den Zeilen immer wieder Parallelen zum Hier und Jetzt auf. Über Gleich- und Wechselstrom mag man sich geeinigt haben - Wechselstrom setzte sich in den USA schließlich durch, die letzten Gleichstromsysteme wurden in den USA erst vor rund zehn Jahren außer Stand gesetzt. Doch der "Krieg" zwischen Edison und Westinghouse lässt immer wieder an technologische Auseinandersetzungen aus dem 21. Jahrhundert denken. Auch die wurden und werden schließlich mit aller Schärfe und Konsequenz ausgefochten.

Steve Jobs als kühler Technokrat als Stichwortgeber

So ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Steve Jobs am häufigsten zitiert wird. Dass Jobs ein Marketinggenie war, steht außer Zweifel. Doch sein Geschäftsgebaren, wie man es den Steve-Jobs-Biografien und aktuellen Filmen entnehmen kann, erinnert in vielem an die Verschlagenheit eines Thomas Edison. Auch Jobs drängte viele kreative Köpfe an den Rand.

Und dann sind da die ganz aktuellen Anklänge: Graham Moore wird beim Schreiben von "Die letzten Tage der Nacht" noch nicht an den Immobilienunternehmer Donald Trump und seinen Stab gedacht haben. Und doch verblüffen manche Passagen in diesen Wochen - weil vor dem geistigen Auge des Lesers Trump und Co. vorbeiziehen. Gute historische Romane spielen mit zeithistorischen Parallelen, ob gewollt (wie hier bei Steve Jobs) oder ungewollt (im Falle Trumps).

Wirtschaftskrieg und Liebesgeschichte

Moore hat zudem einen Roman geschrieben, der in bester Hollywood-Manier unterhält. Die mächtigen Männer Edison und Westinghouse sind im Hintergrund stets präsent. Auf der großen Bühne spielt der Anwalt Paul Craveth die Rolle des sympathischen Helden. Ihm zur Seite gestellt hat der Autor Agnes Huntington, eine aus scheinbar gutem Hause kommende Partie aus der New Yorker Society mit nicht ganz astreiner Vergangenheit - und den skurrilen aus Serbien stammenden Erfinder Nikola Tesla.

Filmszene aus The Imitation Game - EINSCHRÄNKUNG (The Weinstein Company)

Matthew Goode als Alan Turing in "The Imitation Game"

Für sein letztes Drehbuch gab's den Oscar

Graham Moores Roman ist ein süffig zu lesender, literarisch nicht allzu anspruchsvoller Page-Turner, der Wissenschaftsgeschichte und Melodrama geschickt zusammenfügt. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass Moore aus dem Roman auch noch ein brauchbares Drehbuch fertigt. Schließlich hatte auch seine Vorlage zum Film "The Imitation Game" auf die effektvolle Verbindung von Wissenschaftsgeschichte und privatem Melodrama gesetzt und dafür einen Oscar erhalten. Man darf gespannt sein, ob Moore nun aus seinem neuen Roman auch noch einen spannenden historischen Filmstoff bastelt.

Graham Moore: "Die letzten Tage der Nacht", Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln 2017, 464 Seiten, ISBN 978-3-8479-0624-7

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