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Politik

Orhan Pamuk: "Alles, was ich heute tue, ist politisch"

Er sei kein Brückenbauer, sondern eine literarische Person, die Geschichten schreibt, sagt der Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk über sich selbst.

Orhan Pamuk (AP)

Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren. Bevor er mit dem Schreiben begann, studierte er Architektur und Journalismus

Deutsche Welle: Es ist etwa zwei Jahre her, seit Sie erfahren haben, dass Sie den Literatur-Nobelpreis erhalten. Wie hat sich Ihr Leben als Schriftsteller seitdem verändert?

Orhan Pamuk: Als ich erfuhr, dass ich den Nobelpreis für Literatur gewinnen würde, war meine erste instinktive Reaktion, meinem Agenten, der es mir sagte, zu erwidern: 'Dies wird mein Leben nicht verändern'. Heute weiß ich, dass ich zu optimistisch war. Es hat mein Leben verändert, aber es hat nicht meine Arbeitsweise geändert. Ich halte mich immer noch an meine strikte Disziplin: Ich stehe früh auf, ich schreibe, ich halte mich an meinen gesetzten Zeitplan und so weiter. Aber ich bin berühmter als vorher, es hat mir mehr Leser eingebracht, und was am schwerwiegendsten ist: Es hat meine Arbeit politischer gemacht. Alles, was ich heute tue, ist politisch. Mehr, als ich es erwartet habe.

Vor drei Jahren haben Sie in Frankfurt eine Rede gehalten, als Sie den Börsenpreis des deutschen Buchhandels erhielten. Sie sagten, die Türkei träume von Europa, und Europa könne sich nicht ohne die Türkei definieren. Sind Sie dieser Meinung auch heute noch?

Ich habe damals die Tatsache betont, dass Europa ohne die Türkei nicht vorstellbar ist, und die Türkei nicht ohne den Traum von Europa. Leider sind die Verhandlungen zwischen Europa und der Türkei in den letzten zwei Jahren etwas im Sande verlaufen. Vielleicht wegen des extrem rechten Flügels in der Türkei, wegen der Führungsschicht und auch der Armee, die den Weg in die Europäische Union blockiert. Es liegt auch am Widerstand in einigen europäischen Ländern, an den Konservativen in Frankreich und Deutschland, die dagegen sind, dass die Türkei ein vollwertiges Mitglied in der EU wird. Das Thema bleibt problematisch und es sieht nicht mehr so sonnig aus, wie vor drei Jahren. Trotzdem ist dies eine Idee, an die ich sehr stark glaube: Früher oder später wird die Türkei ein integrierter Bestandteil Europas sein. Im Moment macht mir die Situation Sorgen. Aber ich breche deswegen nicht in Tränen aus, ich bin nun mal Schriftsteller. Und wenn ich weinte, würde ich die Schönheit meines Buches ruinieren.

Es gibt eine Menge Einschüchterungsversuche gegen Sie und andere in der Türkei von Seiten der ultra-nationalistischen oder ultra-religiösen Gruppen. Hat das Auswirkungen auf Ihr Leben und auf das intellektuelle Leben der Türkei?

Natürlich. Ich muss praktisch mit Leibwächtern leben, und das ist kein Honigschlecken. Ich mache mir schon Sorgen. Manchmal starten auch einige etablierte Zeitungen Angriffe oder Kampagnen gegen mich. Aber weil ich ein Semester im Jahr an der Columbia-Universität in den USA lehre und meine Bücher überall veröffentlicht werden, fahre ich gerne zu Konferenzen. Ich reise außerhalb der Türkei, ich lehre in New York. Die Hälfte meiner Zeit - bedauerlicher- oder glücklicherweise, wer weiß das – verbrachte ich in den letzten zwei Jahren außerhalb der Türkei. Dies hängt wohl teilweise mit dem Nobelpreis zusammen. Mein Ruhm ist größer geworden. Natürlich habe ich hier meine Heimat. Ich kann mir kein Leben ohne Istanbul vorstellen, mit Leibwächtern mitten in der Nacht oder alleine in Istanbul, in welcher Form auch immer. Wenigstens bin ich noch in den Straßen Istanbuls, beobachtend, genießend, und meine Geschichten werden weiterhin der Welt von Istanbul erzählen.

Eine Fähre zieht an der Hafenstadt Istanbul vorüber (DPA)

Istanbul: Die Stadt am Bosporus ist Pamuks Heimat


Es klingt, als versuchten Sie ein Gleichgewicht in Ihrem Leben zu finden: zwischen Istanbul und dem Reisen, ein politischer Mensch zu sein und gleichzeitig ein Künstler.

Ja, so muss man es machen. Ich lebe zum Beispiel nicht im Exil. Als versucht wurde, mich dorthin abzuschieben, habe ich nein gesagt. Ich werde aus freien Stücken aus der Türkei ausreisen, wann ich will. Ich kann hier 365 Tage im Jahr leben, wenn ich es so will. Außerdem ist es angenehm in New York zu leben, Reisen ist angenehm. Es ist so: Ich möchte mich nicht als Opfer darstellen. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass ich aus einer Kultur komme, die nie kolonisiert oder anderweitig schikaniert wurde. Ich stelle mich nicht gerne als Opfer von internationalen Mächten oder des türkischen Staates dar. Ich stehe auf eigenen Füßen, bin glücklich und genieße es, meine Bücher zu schreiben. So sehe ich mein Leben.

Sie wollen also kein Brückenbauer sein?

Das ist ein Klischee.Die Brücke wird auf mich projiziert, nur weil ich Türke bin. Und die Türkei ist natürlich das erste, an das jeder denkt, weil sie zwischen Osten und Westen liegt. Um eine Brücke sein zu können, müssen sie die Eigenarten einer Kultur verstehen, ihre Schattenseiten, die dunklen Stellen, unlogische Besonderheiten, ihre Hoffnungen, den Blick auf die Zukunft, die täglichen Momente, die Schwächen, das Elend. Meine Aufgabe ist es, das zu sehen, bevor ich sage: 'Ha, ich bin eine Brücke', oder dies oder das. Diese Art politischer oder repräsentativer Aufgabenstellung habe ich nicht. Ich bin im Wesentlichen eine literarische Person, die Geschichten schreibt. In meinen Büchern gibt es auch eine philosophische Seite, ich bin Essayist, ich erlaube mir Urteile über Kultur und Politik, aber zuallererst bin ich ein Geschichtenerzähler.

Ihr neues Buch heißt "Museum der Unschuld". Es ist ein Roman über eine große Liebe, über Istanbul natürlich, und auch über Museen. Es ist wohl der erste Roman, der sein eigenes Museum hat. Wie kam das?

Die Liebesgeschichte im "Museum der Unschuld" handelt von Kemal, einem Mann aus der Oberschicht, der 1975 gerade 30 Jahre alt ist. Erzählt wird die Geschichte seiner Liebe zu Füssün, einer Kusine zweiten Grades. Sie ist 18 Jahre alt, ein einfaches Mädchen in einem Geschäft und sehr hübsch. Als eine Art Genugtuung für sein Versagen, ihr Herz zu erobern, sammelt er alles, was er in die Hände bekommen kann, das sie berührt hat. Am Ende entsteht ein Museum mit diesen Objekten, die in ihrer gemeinsamen Geschichte vorkamen. Mein "Museum der Unschuld" ist ein wirkliches Museum, das versucht, diese Gegenstände festzuhalten. Ich habe fast sechs Jahre lang Objekte dafür gesammelt. Ich habe ein Haus gekauft, in dem die Geschichte auch spielt und habe es in ein Museum umgewandelt. Das "Museum der Unschuld" ist beides: Ein Museum und ein Roman. Der Genuss des Romans und die Freude am Museum sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das Museum ist kein Abbild des Romans, und der Roman ist kein Führer durch das Museum. Sie sind vielleicht zwei Darstellungen der gleichen Geschichte.

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