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Kultur

Olympia-Knigge: Pekinger im Dauerstress

Olympia naht. Auch die Pekinger müssen für das Groß-Ereignis trainieren. Denn die Regierung will ihnen mit Erziehungskampagnen die schlechten Manieren austreiben.

Chinesen trainieren das Jubeln und Anfeuern (Quelle: AP)

Chinesen trainieren das Jubeln und Anfeuern

Am 8.8.2008 ist es so weit. Dann werden die Olympischen Spiele in Peking eröffnet. Die chinesische Hauptstadt wird dann nicht nur Schauplatz sportlicher Highlights sein. Sie wird auch zur Bühne für die aufgeputzte Seite einer künftigen Weltmacht. Millionen Gäste werden erwartet. Aus dem Ausland reisen rund eine halbe Million Besucher an - und die sollen sich wohlfühlen.

Doch ganz so einfach wird der Alltag wohl nicht werden. Denn zum Beispiel die meisten Schilder sind nur auf Chinesisch beschriftet. Und nur wenige Chinesen sprechen Englisch. Das Problem hat die Regierung erkannt und gehandelt: In einem Verwaltungsakt wurden die Bürger aufgefordert, Englisch zu lernen. Allen voran die Taxifahrer, denn sie sind die wesentlichen Kontaktpersonen zwischen Gast und Einheimischen. "Guten Tag!", "Wo soll’s hingehen?", oder "Wir sind da" - Sätze wie diese sollen sie beherrschen, wenn die Olympia-Gäste im August in die Stadt kommen. Zudem hat die Verkehrsbehörde eine Broschüre mit 100 praktischen Floskeln auf Englisch publiziert.

"Ich kann nur Bye-bye sagen"

Allerdings nehmen nicht alle die Kampagne so ernst, wie die Regierung das gerne hätte. Zum Beispiel Herr He. Er fährt seit 20 Jahren in Peking Taxi. In der Hauptstadt kennt er jede Ecke und sagt von sich selbst, er sei der beste Taxifahrer der Welt. "Wenn ich Englisch könnte, würde ich wohl nicht mehr als Taxifahrer arbeiten. Soll ich jetzt wegen meinem mangelhaften Englisch während der Olympiade nicht mehr Taxi fahren? Ich kann nur eines auf Englisch sagen: Bye-bye!"

Olympia-Logo

Das Logo der Olympischen Spiele in Peking

Doch nicht nur Taxifahrer, alle Pekinger sollen für Olympia Englisch büffeln. An Schulen und Universitäten, in Betrieben und Wohnvierteln – überall werden Info-Blätter und Vokabel-Listen verteilt. Aber auch hier lassen sich nicht alle darauf ein. Die Rentnerin Frau Feng etwa hält die Englisch-Kampagne für wenig sinnvoll: "Junge Leute müssen Englisch- und Computerkenntnisse haben. Aber was sollen wir Rentner damit? Mit wem sollen wir denn reden? Ich finde, man sollte das Geld in andere, sinnvolle Projekte stecken und uns mit dem Englischlernen in Ruhe lassen!"

Mit 1-2-1 dabei

Andere Projekte gibt es natürlich auch: Etwa seit Jahren das so genannte Nationale Fitnessprogramm 1-2-1. Das bedeutet: 1 Mal am Tag Sport treiben, dabei 2 verschiedene Sportarten ausüben und sich 1 Mal im Jahr ärztlich untersuchen lassen. An fast jeder Straßenecke in Peking sieht man knallgelbe Fitnessgeräte für Laufübungen, Klimmzüge, Sit-ups und vieles mehr. Transparente fordern zum Üben auf.

Im olympischen Jahr will die Regierung keine abgeschlafften und unsportlichen Chinesen auf den Straßen. Die Gastgebernation soll sich in Bestform präsentieren.

Geldstrafen gegen das Spucken

"Olympia willkommen heißen. Zivilisiert sein. Neue Sitten etablieren!" heißt eine weitere Kampagne der Regierung. Mit der sollen den Bürgern schlechte Manieren ausgetrieben werden. Drängeln, Fluchen, lautes Reden, Rülpsen und Ähnliches - was bislang zum ganz normalen Alltag gehörte, ist fortan in der Öffentlichkeit untersagt.

Besonders verpönt ist lautes Auf-den-Boden-Spucken, obwohl das Geräusch-Ensemble sogar scherzhaft als Chinas zweite Nationalhymne bezeichnet wird. In den Ohren der Regierung, und wohl auch einiger Gäste ist das nämlich alles andere als Musik. Wer es dennoch tut, dem drohen 50 Yuan Bußgeld, umgerechnet fünf Euro.

Die späte Braut

Lachende Chinesen (Quelle: AP)

Perfekt lächeln können die Chinesen - doch das reicht der Regierung nicht

Aber selbst die Gründung einer neuen Behörde, die die Umerziehung der Bürger überwachen soll, hat nur mäßigen Erfolg. So einfach mit Filmen, Broschüren und Plakaten lassen sich die Chinesen nicht mehr beeinflussen, meint Professor Zhou Xiaozheng vom Soziologischen Institut der Renmin-Universität in Peking. "Viele Bürger interessiert es längst nicht mehr, was die Regierung sagt. Sie jetzt quasi noch umerziehen zu wollen, ist ohnehin zu spät. Wenn die Braut morgen zum Altar muss, kann sie nicht erst heute das Brautkleid schneidern lassen."

Eines immerhin muss man den Hauptstädtern nicht mehr beibringen, weil sie es ohnehin beherrschen: Das perfekte Lächeln. Und deshalb kann man der Regierung nur raten, darauf zu vertrauen. Denn das Lächeln tröstet auch dann, wenn der Gast mit der etwas rauen Schale der Pekinger in Berührung kommt. Und deshalb gilt dann doch, mit oder ohne perfektes Benehmen: Die Welt kann kommen, wir sind bereit!

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