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Europa

Okzitanisch - Die Sprache der Troubadoure verstummt

In Frankreich sprechen die Menschen Französisch - heute ist das keine Frage, aber noch vor 200 Jahren war das ein Wunschdenken der Mächtigen. Regionalsprachen beherrschten die Region - besonders beliebt Okzitanisch.

Foto von einem Boule-Turnier in Südfrankreich

Natürlich ist Louis Ollier Franzose, aber wenn er beim Bäcker ein Baguette bestellt oder beim Metzger Kutteln, sehen ihn viele Landsleute nur verständnislos an. Wo immer er kann, spricht der freundliche ältere Herr Okzitanisch - seine Muttersprache.

Porträt von Louis Ollier, Vorsitzender eines Okzitanisch-Vereins in Südfrankreich

Muttersprache: Okzitanisch. Louis Ollier kämpft für die Regionalsprache

Louis Ollier ist froh, die galloromanische Sprache mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Für Erwachsene ist Okzitanisch später nur schwer zu erlernen, weil viele Laute im Französischen völlig unbekannt sind. Obwohl beide Sprachen auf das Lateinische zurückgehen, konnte sich Okzitanisch im Gegensatz zu Französisch ohne germanische Einflüsse entwickeln.

Okzitanisch auf dem Pausenhof verboten

Regelmäßig lädt Ollier in seinen Dorf im Ardèche-Plateau zum Okzitanisch-Abend. Dann kommt vor allem die ältere Generation. Viele kennen noch die Zeit als Lehrer die Schüler zu Strafarbeiten verdonnert haben, wenn sie sich auf dem Pausenhof auf Okzitanisch unterhalten haben. Ein bisschen Auflehnung gegen die Obrigkeit: Auch das gehört zur Geschichte der Regionalsprachen.

Bild von einer Brücke über die Loire

Längster Fluss des Landes: Die Loire bildete jahrhundertelang die Sprachgrenze in Frankreich

Die Angst der Zentralregierung vor den Regionalsprachen ist in Frankreich tief verwurzelt. Schon Ludwig XIV. hatte ihnen den Kampf angesagt. Erst seit den 1960er Jahren hat sich das Verhältnis der Zentralregierung zu den Sprachen langsam entspannt: seit gut einem Jahr steht der Schutz der Regionalsprachen sogar in der Verfassung. Für Louis Ollier kommt dieser Wandel zu spät. "Noch gut zehn Jahre", so prophezeit er, "dann wird hier in den Bergdörfern des Zentralmassivs Okzitanisch verschwunden sein." Schon heute tut sich der Nachwuchs schwer mit der Traditionssprache. Auf den Boule-Turnieren, die im Sommer auch in den kleinsten Dörfern Südfrankreichs das Leben prägen, ist die Traditionssprache kaum noch wahrzunehmen.

Foto von Patrice Conte, Lehrer für mittelalterliche Instrumente

Musik und Literatur haben Okzitanisch geprägt: Patrice Conte ist Lehrer für mittelalterliche Instrumente

Die Weltkulturorganisation UNESCO hat Okzitanisch inzwischen auf die rote Liste gesetzt. Die Sprache ist vom Aussterben bedroht. Dabei hatte die Sprache der Troubadoure im Mittelalter als Literatursprache den gesamten westlichen Kulturraum erobert. Der kunstvolle Duktus der Trobadordichtung war weit über die Grenzen hinaus bekannt. Die deutschen Minnesänger hätte es ohne okzitanische Vorbilder nicht gegeben.

Kultursprache des Mittelalters

Für Patrice Conte sind das keine Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Als Musiklehrer für mittelalterliche Instrumente lebt der Franzose von der Faszination dieser Epoche. Und so versucht er, bei seinen Musikschülern auch das Interesse für die Sprache zu wecken. Obwohl Conte nur knapp zwei Autostunden entfernt von Louis Ollier wohnt und beide Okzitanisch sprechen, unterscheidet sich ihre Sprache. Provenzalisch, Auvergnatisch, Gaskognisch: Das Okzitanische hat sich im Laufe der Jahrhunderte in unzählige Varietäten entwickelt. "Anders als im Französischen, wo es zahlreiche Akzente gibt, aber die Sprache letztlich gleich bleibt, benutzen die Okzitanisch - Varietäten unterschiedliche Wörter und Aussprachen. Aber weil sie alle den gleichen lateinischen Stamm haben, versteht man sich untereinander", so Conte.

Zweisprachige Schulen sollen Lust an der Sprache fördern

Bild von einer regionalen Cola-Marke aus dem Zentralmassiv

Werbung auf Okzitanisch: Cola aus dem Zentralmassiv

Der Erforschung der historischen Sprache und der Sorge um ihr Weiterleben haben sich zahlreiche Universitäten in Südfrankreich verschrieben. In der Wissenschaft ist Okzitanisch heute ein höchst lebendiger Forschungsgegenstand. Und auch die Kommunen versuchen den Untergang der Sprache zu verhindern. In Toulouse hat die Stadtverwaltung zweisprachige Straßenschilder aufgestellt, die Coca-Cola-Konkurrenz wirbt auf ihren Plakaten in Okzitanisch, und in den großen Städten sind bilinguale Privatschulen entstanden. Rund zwei Millionen Franzosen sollen heute noch Okzitanisch sprechen. Sogar die alten Feindschaften zwischen der Zentralregierung und den Regionen verblassen.

Sprache der jungen Einwanderer

Die Regierungsexperten wären heute wohl dankbar, wenn Okzitanisch überleben würde. Als vor vier Jahren die Vorortunruhen jugendlicher Einwanderer in Frankreich weltweit Schlagzeilen machten, meldeten die Behörden in Marseille keine größeren Zusammenstöße. Ausgerechnet in der von Einwanderern geprägten zweitgrößten Stadt des Landes blieb es ruhig.

Gut möglich, dass dies auch mit der Sprachenpolitik in den populären Vierteln zu tun hat. Die von den Stadtvätern geförderte Verbreitung des besonderen Marseiller Dialekts, der auf viele okzitanische Wörter zurückgreift, hat das Zusammengehörigkeitsgefühl der Jugendlichen und ihre Verbindung mit Stadt, Kultur und Geschichte gefördert.

Hintergrund:

Die Bezeichnung Langue d'Oc – also Okzitanisch - stammt vom Wort „oc“, das südlich der Loire für „ja“ verwendet wurde. Nördlich des Flusses haben sich die Vorgänger des Französischen entwickelt: die Langues d'oïl. Aus dem altfranzösischen "oïl" wurde dann schließlich „oui“. Außer in Frankreich wird Okzitanisch bis heute auch in Randgebieten Italiens und Spaniens gesprochen.

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