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Wirtschaft

Nur Überproduktion garantiert billiges Essen

Ernährungssicherheit ließe sich herstellen, wenn wir weniger Lebensmittel wegwerfen - so ein beliebtes Argument. Nahrungsmittelproduktion ist aber gar kein Nullsummen-Spiel, meint Fabian Schmidt.

Pünktlich zur Welternährungskonferenz der UN in Rom häuften sich Aktionswochen, in denen Politiker und NGOs darauf hinwiesen, dass die Menschen in den Industriestaaten wohl zuviel Essen wegwerfen.

So hat sich das Nord-Süd-Zentrum des Europarates für die diesjährige Global Education Week, die gerade jetzt endet, die Themen "Ernährungssicherheit und Lebensmittelverschwendung" als Themen gewählt. Gleichzeitig beginnen Europas Kommunalbetriebe eine "Woche der Abfallvermeidung". Auch hier ist das diesjährige Thema die "Lebensmittelverschwendung".

Im Kern bekommen wir dabei immer wieder folgendes zu hören und zu lesen: "Die einen haben so viel zu Essen, dass sie sogar etwas wegwerfen, während anderswo die Menschen hungern. Das ist doch wahrlich ein Skandal!"

Fabian Schmidt (Foto: DW)

Wenn viel produziert wird, sind Abfälle nicht zu vermeiden - meint Fabian Schmidt

Das knüpft in Deutschland an eine Kampagne an, die die damalige Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner 2013 gestartet hatte, mit dem Ziel, Konsumenten zur Sparsamkeit zu erziehen - untermauert mit einer Statistik, nach der die Endverbraucher ein Achtel der gekauften Lebensmittel wegwerfen.

Diese Argumentation, bei der Mutterns ermahnende Stimme mitklingt, ja auch den Teller leer zu essen, trifft zwar unsere tiefsten Emotionen, ist aber wirtschaftlicher Unsinn.

Denn kein vernünftiger Mensch wird gerne Essen wegwerfen, das er aus seiner eigenen Tasche bezahlt hat. "Ja", rufen dann die Mahner: "Das Essen ist einfach zu billig und wir schätzen seinen Wert nicht." Aber auch dieses Argument hält der Prüfung nicht stand.

Denn Ernährungssicherheit gibt es nicht ohne billige Preise. Und die kann man auf dem Markt nur erreichen, wenn es eine deutliche Überproduktion gibt.

Es reicht eben nicht, nur soviel zu produzieren, wie auch verbraucht wird, denn dann kommen sofort Spekulanten zum Zug, die durch eine künstliche Verknappung einen Mangel erzeugen und Preise nach oben treiben können.

Hat man aber eine solide Überproduktion, kommt es auch zwangsläufig dazu, dass Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Das wird aber nicht der Endverbraucher tun, der ja dafür bezahlt hat, sondern der Hersteller, der auf seiner Ware sitzen bleibt.

So gesehen waren die Milchseen und Butterberge der 1980er Jahre, die damals in der Europäischen Gemeinschaft angehäuft wurden, auch nicht das Ergebnis einer verfehlten, sondern einer höchst erfolgreichen Agrarpolitik. Die intensive und auch subventionierte Landwirtschaft im industriellen Maßstab hat jedenfalls sichergestellt, dass es seit der Nachkriegszeit in Europa keinen Hunger mehr gibt.

In den modernen Industriestaaten sind die Prozessketten, angefangen von der hochtechnisierten intensiven Landwirtschaft über die Lagerung, die Nahrungsmittelproduktion, die Verpackung, bis hinein in den Einzelhandel so gut und eng getaktet, dass es praktisch kaum noch zu Verlusten kommt und trotzdem jahrein, jahraus eine erstaunlich hohe Produktqualität für Milliarden von Menschen gesichert ist.

Das ist ein wirkliches Wunder, denn so etwas gab es in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nie. In den vergangenen dreißig Jahren sind weltweit mehr Menschen dem Hunger entronnen, als je zuvor. Gleichzeitig ist die Weltbevölkerung um fast zwei Milliarden Menschen gewachsen.

Dass weltweit trotzdem noch immer etwa 870 Millionen Menschen an Unterernährung leiden (und damit immerhin etwa 130 Millionen weniger als 1990) ist keineswegs akzeptabel. Aber die Gründe dafür sind weder in den Mülltonnen der Industrieländer zu suchen noch in der vermeintlichen "Lebensmittelverschwendung", sondern in einem Teufelskreis aus fehlendem Zugang zu Märkten, Korruption, schlechter Bildung, Entrechtung und Armut in den betroffenen Ländern. Das ist der eigentliche Skandal!