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Deutschland

NSU-Prozess: Presseraum A 206

Mehr als 900 Journalisten wollten Augenzeuge des Strafverfahrens gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe sein, aber es gab nur 50 Plätze für sie. Die Anderen berichten aus zweiter Hand.

Ganz nah dran und trotzdem nicht dabei - für die meisten Journalisten ist der am Montag in München begonnene Prozess gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) eine Zumutung. Sie sind nur wenige Meter vom Sitzungssaal A 101 entfernt, in dem sich Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung verantworten müssen. Persönliche Eindrücke bleiben ihnen trotzdem verwehrt, weil sie bei der Verlosung der wenigen Presseplätze leer ausgegangen sind. Trotzdem sind sie ins Oberlandesgericht (OLG) München gekommen. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwie über den spektakulären Prozess berichten zu können.

Viele Verlierer der Presseplatz-Lotterie treffen sich im Raum A 206. Das OLG hat hier 40 Arbeitsplätze eingerichtet, je fünf an acht Tischen. Sogar Strom- und Computeranschlüsse sind vorhanden. An den Stirnseiten des etwa 70 Quadratmeter großen Raumes hängen zwei TV-Monitore. Sie sind allerdings nicht für eine Videoübertragung aus dem Gerichtssaal installiert worden. Darauf wollte sich das OLG nicht einlassen. Verfassungsbeschwerden gegen die Weigerung des Gerichtes, auf diesem Weg mehr Journalisten die Teilnahme am Prozess zu ermöglichen, waren erfolglos.

Plötzlich taucht Beate Zschäpe auf

Immerhin können die Zaungäste kurz vor Beginn des Verfahrens Bilder aus dem fast menschenleeren Gerichtssaal sehen. Neben einer Tür stehen ein paar Polizisten, als plötzlich die Hauptangeklagte in Begleitung ihrer Anwälte erscheint. Für einen kurzen Moment ist Beate Zschäpe von vorn zu sehen. Weiße Bluse, schwarzer Blazer, die schulterlangen Haare offen. Nur wenige Sekunden können die Journalisten im Raum A 206 der 38-Jährigen ins Gesicht blicken, eine kurze Drehung nach rechts, nur noch ihr Profil ist zu sehen, und schließlich der Rücken.

Der Presseraum im Oberlandesgericht (OLG) München. (Foto: DW/Fürstenau)

Noch ist das Interesse am Prozess überwältigend: der Presseraum im Oberlandesgericht

Ob sie weiß, dass nicht nur die Blicke der Pressevertreter im Gerichtssaal auf sie gerichtet sind? Im Nachbarraum starren rund 50 weitere Journalisten auf die beiden Monitore und sehen noch Minuten später ständig dieselbe Szene: Beate Zschäpe betritt den Gerichtssaal. Es ist kein Livebild mehr, sondern die in einer Dauerschleife gezeigte Aufzeichnung im TV-Sender "N 24". Dieses Bild wird nicht nur heute, sondern auch in den nächsten Tagen weltweit immer wieder zu sehen sein. Auf diesen Augenblick haben alle seit Monaten gewartet, nicht nur die Journalisten, sondern vor allem auch die Angehörigen der NSU-Opfer. Es ist die erste Begegnung mit der mutmaßlichen Rechtsterroristin, der zehn Morde zur Last gelegt werden.

Im Presseraum kann nur noch spekuliert werden

Im Gerichtssaal A 101 hat inzwischen der Prozess begonnen. Ob Beate Zschäpe den Blicken der trauernden Frauen und Kinder ausweicht, die ihre Ehemänner und Väter verloren haben? Als Journalist in Raum A 206 weiß das niemand. Wir sind auf Informationen angewiesen, die uns auf Umwegen erreichen. Offiziell dürfen die Kollegen im Gerichtsaal ihre Eindrücke nur in Sitzungspausen weitergeben.

Natürlich haben sich die Ausgeschlossenen viele Gedanken darüber gemacht, wie sie trotz aller Einschränkungen und Hindernisse mehr erfahren könnten. Jeder hat seine Informanten, die auf mehr oder weniger findige Weise ihre Eindrücke vom Prozessgeschehen an die da draußen weitergeben. Kollegialität und Solidarität in diesem ansonsten beinharten Konkurrenzgeschäft sind überwältigend.

Kollegenplausch in der Gerichtskantine

Als der Vorsitzende Richter Manfred Götzl die Verhandlung für die Mittagsause unterbricht, gehen einige Journalisten in die eine Etage tiefer gelegene Kantine. Mein Kollege René Heilig von der Tageszeitung "Neues Deutschland" (ND) entscheidet sich auch für Spinatpflanzerl mit Kartoffeln und Käsesauce. Wir unterhalten uns natürlich über den NSU-Prozess. Was wir bisher über das Geschehen im Gerichtssaal wissen, haben wir aus zweiter Hand erfahren. René Heilig wird sich schon bald ein eigenes Bild machen können. Das ND kooperiert bei der Berichterstattung mit zwei anderen Zeitungen, darunter einer türkischen. Man hat vereinbart, die Platzkarte für den Gerichtssaal abwechselnd zu nutzen.

Der Presseraum im Oberlandesgericht (OLG) München. René Heilig (l.) von der Tageszeitung Neues Deutschland (Foto: DW/Marcel Fürstenau)

Medienvertreter Heilig (l.) bei der Berichterstattung

Ich werde in der ersten Woche wohl keine Chance haben, einen Presseplatz zu ergattern. Das wäre nur möglich, wenn ein anderer Kollege den Gerichtssaal und den angrenzenden Sicherheitsbereich verlässt. Damit ist kaum zu rechnen, denn an den ersten Tagen ist das weltweite Interesse am NSU-Prozess natürlich riesengroß. Mit etwas Geduld bekommt man vielleicht einen Zuschauerplatz für die allgemeine Öffentlichkeit. Laptops sind in diesem Bereich allerdings verboten, eine aktuelle Berichterstattung wäre also schwierig.

Aber es wird der Tag kommen, an dem ich ganz offiziell im Gerichtssaal sitzen werde. Bis Ende Januar kommenden Jahres sind pro Woche drei Prozesstage vorgesehen. Das ganz große Interesse am NSU-Prozess wird aber schon lange vorher spürbar nachlassen. So ist das immer bei spektakulären Ereignissen.

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