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NSU-Prozess hat begonnen

Senada Sokollu6. Mai 2013

Demonstranten, Organisationen und Vereine versammelten sich zu Prozessbeginn vor dem Münchner Strafjustizzentrum. Der internationale Presserummel war groß. Ein Vorfall am Rande sorgte für Aufregung.

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Polizei vor dem Münchner Oberlandesgericht (Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)
Vor dem Auftakt zum NSU-ProzessBild: Reuters/Kai Pfaffenbach

Der erwartete Trubel vor dem Gerichtsgebäude blieb aus. "Wir finden es schade, dass heute nicht so viele Leute gekommen sind", beklagte eine Demonstrantin aus München. Nur einmal musste die Polizei einschreiten. Zwei türkischstämmige Frauen rannten mit einer zerbrochenen Glasflasche auf das Justizzentrum zu, um in den Gerichtssaal zu gelangen. "Wir sind türkische Mitbürger und haben das Recht da rein zu gehen. Ich will da jetzt rein und will wissen, wie es weiter geht", schrie eine der beiden. Auch auf Türkisch brüllten die Frauen ihr Anliegen in die Mikrofone zahlreicher türkischer Pressevertreter.

Demonstrant vor dem Oberlandesgericht beklagt das Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden. (Foto REUTERS/Kai Pfaffenbach)
Thema vieler Demonstranten: das jahrelange Versagen der SicherheitsbehördenBild: Reuters/Kai Pfaffenbach

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude eilte als Streitschlichter herbei. "Ich habe mit Familien der Münchner Hinterbliebenen gesprochen, die noch die Kränkung in den Knochen haben, dass man sie für Täter und Tatverdächtige gehalten und auch dementsprechend behandelt hat. Dass da noch viel Emotion da ist, muss man verstehen", erklärte der SPD-Politiker sein Verständnis für die Empörung der Frauen.

"Die Täter gehören nicht zu Deutschland"

Der Koordinationsrat der türkischen Vereine in Südbayern (TÜDEK e.V.) postierte sich gemeinsam mit der griechischen Gemeinde München vor dem Strafjustizzentrum. Tüdek-Vorstandssprecher Mahir Zeytinoglu war in bayerischer Trachtenjacke zum Prozessbeginn gekommen: "Ich lebe seit über 40 Jahren in Bayern. Bayern ist meine Heimat. Die ganze Geschichte ist schade und macht mich traurig."

Polizisten und Demonstranten vor dem Oberlandesgericht München (Foto: REUTERS/Kai Pfaffenbach)
Protest vor Beginn des Mammut-ProzessesBild: Reuters/Kai Pfaffenbach

Martin Neumeyer, Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, appellierte in einer Rede auf dem Gerichtsplatz an die Zuhörer: "Die Opfer wurden umgebracht, weil sie anders waren. Zeigen wir den Tätern, dass sie anders sind. Dass sie es sind, die nicht zu uns gehören. Dass sie nicht zu Bayern und nicht zu Deutschland gehören."

Für den Prozess angereist

Oguz Ücüncü, Generalsekretär der Islamischen Gemeinde Milli Görüs (IGMG), war zum Prozessauftakt aus Nordrhein-Westfalen nach München gekommen. Ücüncü fühlt sich persönlich mit den Opfern verbunden. "Unsere Organisation selbst stand auf der Todesliste des NSU-Trios." Die Geschichte habe sich sehr lange hingezogen, und nun sei es umso spannender wie der Prozess ausgehe, so Ücüncü.

Der Student Mustafa Can war aus Berlin angereist. "Mein Opa kam 1961 aus der Türkei nach Deutschland. Er hat damals die Arbeit gemacht, die hier keiner machen wollte. Wir als Enkelkinder sind mittlerweile Teil Deutschlands. Wir sprechen Deutsch und zahlen Steuern. Aber ich fühle mich hier einfach nicht zu Hause. Ich bin Deutscher und habe die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich fühle mich hier aber überhaupt nicht mehr sicher", so Can im DW-Gespräch. Der Rassismus in Deutschland nehme zu, und er hoffe, dass mit dem Prozess dieses Problem ein Stück weit gelöst werden könne.

Angeklagte Beate Zschäpe bei Ankunft im Gerichtssaal (Foto: REUTERS/Michael Dalder)
Im Gerichtssaal: die Hauptangeklagte Beate ZschäpeBild: Reuters/Michael Dalder

Wortgefechte am Rande des Geschehens

Abseits des Medientrubels wurde teilweise heftig gestritten. "Wir haben doch sowieso so viele Türken in Deutschland", versuchte ein Passant zu provozieren. Die Polizei nahm ihn in Schutz, als ein Demonstrant ein Wortgefecht mit ihm begann.

Als solidarische Geste gegenüber den NSU-Opfern legte die Türkische Gemeinde Bayern mit einer Sondergenehmigung des Gerichtes einen schwarzen Kranz vor das Gerichtsgebäude. Abschließend wurden schwarze Luftballons verteilt, die als Andenken in den Himmel stiegen.