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Wirtschaft

Nordafrika: Chance und Risiko

Die Umbrüche in Tunesien und Ägypten haben das Gesicht Nordafrikas bereits nachhaltig verändert. Vor welchen wirtschaftlichen Herausforderungen stehen die Länder jetzt? Und wie können deutsche Unternehmen dabei helfen?

Ägypten: Demonstrationen auf dem Tahrir Platz in der Hauptstadt Kairo (Foto: AP)

Gerhard Brand ist Diplom-Ingenieur, Architekt und geschäftsführender Gesellschafter des Architekturbüros AS&P, Albert Speer & Partner in Frankfurt am Main. Ein Büro, das weltweit aktiv ist und schon seit Jahrzehnten auch in arabischen Ländern plant. Bauten von AS&P stehen im Oman, in Abu Dhabi, in Kuwait und In Saudi-Arabien. In Riad wurden Stadtteile geplant, in Algier Masterpläne für große Viertel erstellt und für die Fußballweltmeisterschaft in Katar sollen die Frankfurter Architekten neun der zwölf Fußballstadien bauen. Auch in der Architektur, so sagt Brand, sei "Made in Germany" ein Qualitätssiegel.

Karte der arabischen Welt, von Tunesien bis Syrien (Foto: fotalia)

Die arabische Welt ist im Umbruch - von Tunesien bis Syrien

"Unser Büro war schon frühzeitig immer offen für andere Kulturen, gerade auch im arabischen Raum.", sagt Gerhard Brand. " Wir haben uns, hoffe und glaube ich, mit unseren Projekten ein sehr hohes Renommee erworben, was dazu geführt hat, dass wir dann auch von anderen arabischen Staaten immer wieder angefragt werden." Persönliche Beziehungen und Vertrauen, das seien die wichtigsten Voraussetzungen für Geschäftsbeziehungen in den arabischen Ländern, so sagt Brand. Der Aufbau sei in der Regel etwas langwierig, dafür seien die Verbindungen dann aber auch umso freundschaftlicher und nachhaltiger.

Wachstum in unsicheren Zeiten

Die Araber erwarten im Gegenzug auch belastbare Beziehungen und Beständigkeit von ihren deutschen Geschäftspartnern. Auch und vor allem in Zeiten des Umbruchs. Es werde sich politisch viel ändern, sagt Mohammed Halaiqah, Vorsitzender des auswärtigen Ausschusses im jordanischen Parlament, und weder in Tunesien, Ägypten, Syrien oder im Jemen sei die Lage stabil. Trotzdem müssten die Wirtschaftsbeziehungen in die westliche Welt und damit auch zu Deutschland weiter wachsen. Um mehr als 16 Prozent ist das Handelsvolumen im vergangenen Jahr gewachsen, die deutschen Exporte stiegen um 17 Prozent. Diese Tendenz werde anhalten, da ist sich Halaiqah sicher: "Wenn ich sehe, wie viel Infrastruktur zerstört ist, dann eröffnen sich für deutsche und europäische Unternehmen noch viel mehr Geschäftsmöglichkeiten."

Windradanlage in der ägyptischen Wüste (Foto: DW)

Große Chancen: Bei den Erneuerbaren Energien ist Deutschland vorn dabei

Es ist eine Abwägung, die für ausländische Unternehmen nicht einfach ist. Auf der einen Seite instabile politische Verhältnisse, auf der anderen Seite durchaus verlockende Geschäftsmöglichkeiten. Die arabische Welt ist ein wachsender Markt auch für deutsche Unternehmen. Wer daran partizipieren wolle, so sagt auch der syrische Geschäftsmann Saeb Nahas, der dürfe sich jetzt nicht zurückziehen. Schließlich sei Syrien auch ein Sprungbrett , in das Nachbarland Irak beispielsweise. Seine Landsleute "machen gute Geschäfte im Irak und können den deutschen Unternehmen helfen, im Irak ebenfalls Geschäfte zu machen."

Starke Wirtschaft in einer freien Gesellschaft

Doch nicht nur die Deutschen brauchen den arabischen Markt, die arabischen Länder sind im Gegenzug auch darauf angewiesen, dass ausländische Unternehmen dabei behilflich sind, die Wirtschaft zu stabilisieren. Schafft Jobs! Diese Aufforderung ist gerade aus Ländern wie Ägypten und Tunesien, die die Revolution bereits hinter sich haben, ständig zu hören. Das weiß auch Thomas Bach, der Vorsitzende der deutsch-arabischen Industrie- und Handelskammer Ghorfa. Er wirbt darum, dass die deutsche Wirtschaft den Transformationsprozess in den arabischen Ländern begleitet.

Die Köpfe von AS&P, in der Mitte: Gerhard Brand (Foto: AS&P)

Die Köpfe von AS&P, in der Mitte: Gerhard Brand

Schließlich gehe es darum, ein freies Unternehmertum und eine soziale Marktwirtschaft aufzubauen und Deutschland habe gerade in den Bereichen Stärken, die jetzt und in Zukunft gefragt seien – als Beispiele führt er Bildung und Berufsausbildung sowie Investitionen im Energiebereich an. Gerade bei den Erneuerbaren Energien könne Deutschland eine besonders wichtige Rolle zu spielen." Dafür aber müssten schnell friedliche Lösungen in den betreffenden Ländern gefunden werden, so Bach. Der Transformationsprozess, da sind sich alle einig, wird nicht einfach werden, er wird langwierig sein und er wird in den Ländern des arabischen Raums unterschiedlich ablaufen.

Vorsichtig aber beharrlich

22 Länder gehören zur Arabischen Liga und Ägypten ist nicht Saudi-Arabien und Syrien nicht Tunesien. Deswegen wird es auch für deutsche Unternehmen immer darauf ankommen, jedes Land individuell zu betrachten. So verfährt man auch im Frankfurter Architekturbüro Albert Speer. Man müsse die Risiken immer genau abwägen, sagt Gerhard Brand. Drei Grundsätze würden für alle Länder gelten: "Erstens schicken wir keinen Mitarbeiter in ein Land, wo nicht einer unserer Partner, also auch ich selbst, arbeiten würde. Zweitens: In Ländern, wo wir befürchten müssen, dass etwas passiert, da versuchen wir erst gar nicht, Projekte zu akquirieren. Und der dritte Punkt: Wenn wir in den Ländern drin sind, so halten wir so lange Kontakt zu unseren Auftraggebern wie möglich. Aber wir gefährden nicht das Leben unserer Mitarbeiter."

So hat sich AS&P aus Libyen zurückgezogen, in Ägypten sind die Planer dagegen weiter an einem Auftrag in Alexandria dran, der zurzeit auf Eis liegt. Die ägyptische Seite habe versichert, dass die Projekte in den nächsten Wochen wieder starten würden. Vielleicht mit neuen Gesprächspartnern, aber bestimmt mit den alten, weiter geltenden Verträgen.



Autor: Sabine Kinkartz
Redaktion: Dirk Kaufmann



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