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Wirtschaft

Deutsche Wirtschaft will in Nordafrika helfen

Durch die Umbrüche in Tunesien und Ägypten hat sich das Gesicht Nordafrikas bereits nachhaltig verändert. Doch die Länder stehen vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen.

Menschen auf Straße in Tunis (Foto: DW)

Ein Land im Umbruch: Tunesien

Guido Starck ist Manager bei der Firma Hermann Römmler-Kunststofftechnik. Das mittelständische Unternehmen ist in Rehfelde im ostdeutschen Bundesland Brandenburg beheimatet und stellt dort Teile aus Kunststoff unter anderem für den Automobil- und Eisenbahnbau her. Unter dem Namen Römmler & Abdelkrim haben die Deutschen zudem einen Standort in Tunesien. Im 70 Kilometer von Tunis entfernten Nabeul, so erläutert Guido Starck, würden Kunststoffteile für die Zulieferung in Nordafrika hergestellt.

Streiks belasten die Wirtschaft

Victory-Zeichen vor Tunesien-Flagge (Foto: dpa/Montage: DW)

Streiks machen den Unternehmen Sorge

Seit 1996 ist das Unternehmen mit 60 Mitarbeitern in Tunesien tätig - und sehr zufrieden, erläutert Starck: "Wir haben in den Tagen der Revolution, oder des Umsturzes, den einen oder anderen personellen Verlust zu beklagen gehabt, aber die Mitarbeiter haben zum Unternehmen gestanden." Römmler & Abdelkrim sei allerdings nur eines von ganz wenigen Unternehmen, die nicht bestreikt würden. Diese Entwicklung macht ihm Sorgen, auch wenn er durchaus verstehen kann, dass die Tunesier für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Doch die wilden Streiks belasten die gesamte Wirtschaft des Landes und damit auch die ausländischen Unternehmen. Er wisse nicht, wie die Deutschen da helfen könnten, räumt Starck ein.

Hilfe aus Deutschland, damit meint der Manager in erster Linie Hilfe beim Aufbau von geregelten Strukturen auch in der Wirtschaft. Unabhängige Gewerkschaften, Betriebsräte, Tarifautonomie, soziale Marktwirtschaft, das sind nach dem Sturz der Diktaturen in Nordafrika noch Fremdworte. Um das zu ändern, hat die Bundesregierung Tunesien, aber auch Ägypten eine sogenannte Transformationspartnerschaft angeboten.

Deutschland trägt Verantwortung

Außenminister Westerwelle und Entwicklungsminister Niebel steigen auf dem Kairoer Flughafen aus einem Flugzeug (Foto: picture alliance/dpa)

Im Februar war Außenminister Westerwelle in Kairo - und versprach Hilfe

Deutschland trage, genau wie die übrigen europäischen Staaten, eine große Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft, sagt Karl Wendling, der im Bundeswirtschaftsministerium unter anderem für Nordafrika und den Nahen Osten zuständig ist. Wendling nennt fünf Kernpunkte einer wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit, die er gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit entwickelt hat. Sie reichen von Beratung, bezogen auf Rechtsfragen, Verwaltung und Bürokratieabbau, über Managerschulungen, Wissenstransfer, Qualifizierung und Weiterbildung bis hin zur Idee, deutsche Beamte, die sich im Ruhestand befinden, zu reaktiven und für Trainingsmaßnahmen vor Ort zu gewinnen.

Besonders wichtig, so Wendling, sei aber die konkrete Zusammenarbeit zwischen Unternehmen: "Wir wollen, dass deutsche, aber auch ägyptische und tunesische Unternehmen bei der Markterkundung und Markterschließung eine gewichtige Rolle spielen", sagt Wendling. "Wir fördern", so der Manager weiter, "entsprechende Delegationsreisen und auch 'Roadshows', wie wir das nennen." Beispielsweise planten die deutschen Auslandshandelskammern Kairo und Tunis für dortige kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland derartige Roadshows: "So etwas wollen wir unterstützen."

Enorme Chancen in Tunesien

Die deutsch-tunesische Industrie- und Handelskammer hat bereits damit begonnen, deutschen Unternehmen das neue Tunesien vorzustellen. Im März war man in Bremen, Bochum und Saarbrücken unterwegs, neun weitere deutsche Städte sollen folgen. Dagmar Ossenbrink, Geschäftsführerin der Auslandshandelskammer (AHK) in Tunis, spricht von enormen Chancen. Ganze Sektoren in Tunesien würden jetzt modernisiert, Branchen umstrukturiert, Unternehmen würden sich neu positionieren und Geschäftspartner suchen, Firmen würden neu gegründet und Projekte entwickelt. Da gelte es, vorausschauend zu handeln und dafür will Ossenbrink den Weg ebnen.

Investoren sind scheu, dass weiß auch Dagmar Ossenbrink. Sie bemüht sich daher, Optimismus zu verbreiten. Wilde Streiks? Von den 600 Mitgliedunternehmen der deutsch-tunesischen Handelskammer werde die Mehrzahl nicht bestreikt und sie wisse auch von keinem deutschen Unternehmen, das Tunesien verlassen wolle. Guido Starck von der Firma Hermann Römmler-Kunststofftechnik weiß da anderes zu berichten. Er kenne sehr wohl deutsche Unternehmer, die angesichts der derzeitigen Probleme durchaus mit dem Gedanken spielten, Tunesien den Rücken zu kehren.

Autorin: Sabine Kinkartz
Redaktion: Monika Lohmüller