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Asien

Noch mehr verstrahltes Wasser bedroht Pazifik

In Japan will der Kraftwerksbetreiber Tepco noch mehr radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik leiten. Die japanische Regierung gesteht derweil Fahrlässigkeit im Umgang mit den Atomkraftwerken des Landes ein.

Zerstörtes AKW Fukushima-Daiichi (Archivfoto: dpa)

Die Arbeiter wissen nicht, wohin mit all dem verstrahlten Wasser

Der Kraftwerksbetreiber Tepco will jetzt auch radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Atomkraftwerk Fukushima 2 (Daini) ins Meer leiten. Diese Atomanlage liegt rund zwölf Kilometer vom zerstörten Unglückskraftwerk Fukushima Eins (Daiichi) entfernt. Es handelt sich nach Schätzungen um eine Menge von rund 3000 Tonnen, wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji-Press am Mittwoch (08.06.2011) berichtete. Das AKW Fukushima 2 war nach der Naturkatastrophe am 11. März heruntergefahren worden. Der Tsunami habe Seewasser in die Anlage gespült, das inzwischen kontaminiert sei, berichtete die Agentur.

Riesen-Floß schwimmt im Meer (Archivfoto: ap/dapd)

Dieses Riesen-Floß wurde zur Lagerung von verstrahltem Kühlwasser genutzt

Auch das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima 1 gefährdet weiterhin hochgradig die Umwelt. In der Anlage befinden sich nach Angaben von Tepco noch mehr als 100.000 Tonnen extrem radioaktiv verseuchtes Wasser. Neben Millionen Litern Wasser, die die Reparaturtrupps im AKW zur Kühlung in die Reaktoren pumpten, haben in diesem Kraftwerk starke Regenfälle bei einem Taifun das verseuchte Wasser in der Atomruine weiter steigen lassen. Der Konzern fürchtet angesichts der nahenden Regenzeit, dass die strahlende Brühe überlaufen könnte.

Schlechte Kontrollen

Am Dienstag hatte die japanische Regierung einen Bericht über die Atomunfälle in den Kernkraftwerken vorgestellt, den sie der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) übermitteln will. Die japanische Regierung räumt in dem Bericht ein, nicht auf ein derart katastrophales Szenario vorbereitet gewesen zu sein. Aus den beschädigten Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima 1 ist zudem weit mehr Radioaktivität ausgetreten, als bisher gemeldet worden war. Laut dem Bericht schmolzen die Kerne in drei Reaktoren und durchbrachen wahrscheinlich auch die inneren Schutzhüllen, nachdem der Tsunami die Energieversorgung und Kühlung des Kraftwerks außer Gefecht gesetzt hatte. Außerdem begann der Brennstoff im Reaktor 1 mehrere Stunden früher zu schmelzen als bisher angenommen. In dem Bericht gesteht Japans Regierung zudem einen Mangel an Unabhängigkeit bei der Atomsicherheitsbehörde NISA ein und verspricht eine Erhöhung der Sicherheitsvorkehrungen.

Polizisten in weißen Ganzkörper-Schutzanzügen (Archivfoto: ap)

Das Ausmaß der Verstrahlung ist nach neuen Angaben viel höher als zuerst gemeldet

Erst am Vortag hatte die NISA die Schätzung darüber, wie viel Radioaktivität aus den beschädigten Reaktoren in Fukushima ausgetreten ist, verdoppelt. Die damit erreichte Menge wäre mehr als ein Fünftel jener radioaktiven Verseuchung, die nach dem Atomunfall in Tschernobyl in die Luft gelangt war. Nach Angaben der NISA wurde bei ihrer Untersuchung eine andere Methode angewendet als bei der Analyse durch den Kraftwerksbetreiber Tepco im vergangenen Monat. Die jetzige Methode würde die Realität besser widerspiegeln, hieß es.

Kommunen könnten Veto einlegen

Unterdessen rechnen in Japan bereits Regierungsmitglieder und Energie-Unternehmen aus, was das Land ein Abschalten aller japanischen AKW kosten würde. Hintergrund dieser Analysen: Bis April 2012 könnten alle Atomkraftwerke vom Netz sein, falls die Kommunen unter dem Eindruck der Atomkatastrophe das Wiederanfahren nach den turnusmäßigen Revisionen der Anlagen verweigern. Die AKW-Betreiber sind gesetzlich verpflichtet, mindestens alle 13 Monate ihre Meiler vom Netz zu nehmen und zu prüfen. Nach einer solchen Revision muss sowohl die NISA einem Wiederanfahren zustimmen als auch die Kommune, in der das Atomkraftwerk steht. Die Energiekonzerne wollten sich mit diesem Prozedere die Unterstützung der Gemeinden sichern. Bisher waren ihre Zustimmungen zumeist Formsache. Dass die Kommunen nun jedoch gewillt sind, ihr Veto zu nutzen, haben einige bereits bewiesen: Vier Reaktorblöcke blieben nach Revisionen in den vergangenen Wochen abgeschaltet, obwohl sie von der NISA grünes Licht zum Wiederanfahren erhielten.

Sollten auf diesem Weg alle japanischen Kernkraftwerke vom Netz genommen werden, kämen auf das Land 30 Milliarden Dollar an zusätzlichen Energiekosten zu, rechnete das Handelsministerium am Mittwoch vor. Denn das an Rohstoffen arme Japan stillt seinen Strombedarf zu fast einem Drittel aus Atomkraft.

Autor: Martin Schrader (dpa, afp, rtr)
Redaktion: Gerd Winkelmann

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