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Deutschland

Noch keine Entwarnung in Sachen EHEC

In Hamburg sinkt die Zahl der EHEC-Neuerkrankungen und Verdachtsfälle, doch in NRW sind erste Todesopfer der gefährlichen Darmerkrankung zu beklagen. Zudem kommt der Erreger EHEC in immer mehr europäischen Staaten an.

Gurkenernte in Norddeutschland (Foto: dpa)

Wie kamen EHEC-Erreger auf spanische Gurken?

Zum ersten Mal sind Menschen außerhalb von Norddeutschland an der Darmseuche EHEC gestorben. In Nordrhein-Westfalen starben am Montag (30.05.2011) zwei Frauen aus Gütersloh und dem Kreis Paderborn an den Folgen der gefährlichen Durchfallinfektion. Beide Patientinnen litten am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), einer schweren Komplikation bei EHEC-Kranken, die schlimmstenfalls zu Blutveränderungen und Nierenversagen führt. Damit sind bundesweit 14 Menschen an der Infektion gestorben. Zuvor kamen die EHEC-Opfer ausnahmslos aus den fünf norddeutschen Bundesländern. Die Suche nach der Quelle des Erregers geht weiter.

EHEC-Welle geht von Norddeutschland aus

In Hamburg hat sich über das Wochenende die Lage etwas entspannt. Sowohl die Zahl der gemeldeten EHEC- als auch die der HUS-Fälle sei nicht mehr so schnell wie zuvor angestiegen, sagte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks in der Hansestadt. Sie hoffe sehr, dass der Höhepunkt der Erkrankungswelle überschritten sei. Ob diese Hoffnung berechtigt ist, kann sich jedoch erst nach mehreren Tagen zeigen, denn die Inkubationszeit ist bei EHEC-Erkrankungen relativ lang: Zwischen Infektion und Ausbruch der Symptome liegt etwa eine Woche. In München beispielsweise steigt die Zahl der schweren Fälle weiter an. Das städtische Referat für Gesundheit und Umwelt meldet drei weitere HUS-Fälle. Auch hier seien es durchweg Frauen – und alle drei hätten sich in den vergangenen Wochen in Norddeutschland aufgehalten.

Eine Laborassistentin hält eine Petrischale mit Darmbakterien in den Händen (Foto: dapd)

In den Laboren wird intensiv nach der Quelle des EHEC-Erregers gesucht

Zudem erreicht die EHEC-Welle immer mehr europäische Länder. Nach Angaben der EU-Kommission liegen die meisten Erkrankungen in Schweden vor. Dort seien 30 Personen infiziert, davon habe sich bei 13 das HU-Syndrom entwickelt, sagte Kommissionssprecherin Pia Ahrenkilde-Hansen. Aus Dänemark hätten die Behörden elf EHEC-Ansteckungen gemeldet, von denen fünf einen schweren Verlauf nähmen. In Großbritannien sei dies bei zweien von drei Erkrankten der Fall, in Österreich gebe es zwei HUS-Fälle, in den Niederlanden einen. Bei allen Betroffenen handele es sich um Deutsche, die ausgereist seien, oder um Personen, die in Deutschland gewesen seien, sagte die Sprecherin weiter. Darüber hinaus meldet auch Frankreich, dass der gefährliche Erreger bei drei Menschen nachgewiesen worden sei. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums waren die Patienten zuvor in Deutschland gewesen. In Polen liegt eine Frau in kritischem Zustand im Krankenhaus. Sie hatte zuvor Hamburg besucht.

Alle Beteiligte werden nervös

Salatgurken an einem Marktstand (Foto: dpa)

Bauern und Händler werden ihre Feldfrüchte nicht los

Weil sich der Erreger immer mehr verbreitet und weil seine Quelle noch immer nicht bekannt ist, wächst bei Gesundheitsbehörden wie bei den Bauern die Nervosität. In Österreich haben Lebensmittelkontrolleure 33 Supermärkte auf möglicherweise kontaminiertes Gemüse überprüft. Zuvor war bereits der Verkauf von spanischen Gurken, Tomaten und Auberginen verboten worden, die von deutschen Firmen nach Österreich geliefert worden waren. Die französischen Gurkenbauern weisen verzweifelt darauf hin, dass ihre Anbaubedingungen andere seien als in Spanien. Die Landwirte fürchten, dass die Verbraucher aus Angst vor Ansteckung ihr Gemüse verschmähen. In Deutschland ist es längst soweit: Der Absatz von Gurken, Tomaten und Blattsalaten ist praktisch zum Erliegen gekommen.

Spanien prüft deshalb schon Schadensersatzansprüche gegen Deutschland. Deutsche Behörden hätten darüber spekuliert, dass die Infektionen ihren Ursprung in spanischen Gurken haben könnten, wird der spanische Agrarstaatssekretär Josep Puxeu zitiert. Das sei verantwortungslos und ungeheuerlich. Bauernverbände beziffern die Verluste, die dem spanischen Gemüseanbau entstünden, auf sechs bis acht Millionen Euro am Tag.

Der beste Schutz: Hände waschen!

Die Sorge der Bauern, die auf ihren Feldfrüchten sitzenbleiben, könne er gut verstehen, sagte der Präsident des zuständigen Robert-Koch-Instituts im Radio RBB-Info. Dennoch halte er an der Warnung fest, kein rohes Gemüse zu verzehren. Waschen allein biete keinen sicheren Schutz, sagte Burger: "Erhitzen ist verlässlicher als Waschen". Dazu sollte das Gemüse zwei bis zehn Minuten lang bei 70 Grad gegart werden. Zudem raten alle Gesundheitsexperten dringend, bei der Zubereitung der Lebensmittel auf die Hygiene zu achten und sich auch darüber hinaus regelmäßig und gründlich die Hände zu waschen.

Salatschüssel (Foto: dpa)

Wird derzeit nicht empfohlen: Blattsalat mit Gurken und Tomaten

Es gibt aber auch zaghafte Erfolgsmeldungen bei der Behandlung von EHEC-Patienten. Eine neuartige Therapie von schwerkranken Patienten mit einem Antikörper scheine nach ersten Einschätzungen erfolgreich zu sein, heißt es aus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und dem Hamburger Uniklinikum. Seit vergangenem Mittwoch wurden mehr als ein Dutzend Patienten in Hannover mit dem neuen Medikament behandelt, das gegen akutes Nierenversagen wirken soll. Es seien bereits - bei aller gebotenen Vorsicht - "gewisse Erfolge sichtbar", sagte der MHH-Sprecher.

Antikörper "Eculizumab" macht Hoffnung

Bei dem Mittel handelt es sich um einen Antikörper mit der Bezeichnung Eculizumab. Ärzte und Wissenschaftler in Heidelberg, Montreal und Paris hatten vor wenige Tagen in der Online-Version des "New England Journal of Medicine" über die erfolgreiche Behandlung von drei an HUS erkrankten Kleinkindern mit diesem Antikörper berichtet. Die Fachzeitschrift hatte den Artikel wegen der aktuellen EHEC-Infektionswelle vorzeitig veröffentlicht und die Nierenspezialisten in Deutschland informiert.

Autor: Rolf Breuch (afp, dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Marko Langer

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