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Afrika

Nimmt die Christenverfolgung weltweit zu?

Die Anschläge im Norden Nigerias richten die öffentliche Aufmerksamkeit auf die schwierige Situation der Christen weltweit. Die Motive der Terroristen sind jedoch nicht nur religiös.

Die Theresienkirche in Madalla / Nigeria wurde bei einem Bombenattentat zerstört. Foto: dpa

Anschlag an Weihnachten: Die Theresienkirche in Madalla

Nigeria findet in diesen Tagen keine Ruhe, seit Attentäter der Gruppe "Boko Haram" in den Weihnachtstagen in Damaturu, Gadaka, der Hauptstadt Abuja und in Jos über 40 Menschen in den Tod bombten. Für Politiker in Deutschland sind die Anschläge Grund genug, um sich für einen besseren Schutz von Christen vor religiöser Verfolgung in aller Welt zu engagieren. Eine Forderung, die den grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck mit dem konservativen CDU-Fraktionschef Volker Kauder verbindet.

Religiöse Intoleranz steigt

Ein verletztes Kind wird nach dem Attentat von Sanitätern behandelt. Foto: Dele Jones/AP/dapd

Mehr als 40 Christen starben in Nigeria, viele wurden verletzt

Für Experten ist die jüngste Eskalation der Gewalt die Folge einer lange unterschätzten Entwicklung. "Schon seit hundert Jahren ist in Afrika ein Wettlauf 'Islam gegen Christentum' im Gange, und Nigeria liegt – wie der Sudan – genau auf der Linie des Zusammenstoßes", erklärt Christof Sauer, Friedensexperte am International Institute for Religious Freedom (IIRF). Im Interview mit DW-WORLD.DE berichtet er von regelmäßigen Übergriffen, bei denen Menschen an Straßensperren aus Bussen gezerrt und nach ihrer Religion gefragt würden. "Je nach Antwort wird manchen dann der Kopf abgeschlagen."

Eine Untersuchung des IIRF aus dem Jahr 2009 zufolge, leben 70 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit starker Einschränkung der Religionsfreiheit. Wissenschaftliche Erhebungen, wie viele der weltweit mehr als zwei Milliarden Christen religiös verfolgt werden, gibt es nicht. Im September 2011 hatte Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, den Anteil der Christen unter den aus religiösen Gründen verfolgten Personen aber auf 80 Prozent geschätzt.

Katholiken feiern Messe in Khartoum.

Auch im Sudan prallen zwei Weltreligionen aufeinander

Regionale Unterschiede in Asien

Die meisten Studien legen den Schluss nahe, dass sich die Situation religiös Verfolgter in letzten Jahren zugespitzt hat. Auch weisen sie auf immer stärkere regionale Unterschiede hin. Gerade in Asien - besonders in Afghanistan und zunehmend auch in Pakistan - häufen sich religiöse "Racheakte". In einigen Gegenden Indonesiens seien Christen vor allem Angriffen durch militante Hindus oder Islamisten ausgesetzt, so Friedensexperte Sauer.

In Saudi-Arabien litten zwei Millionen westliche Arbeitsimmigranten unter den eingeschränkten Möglichkeiten zur Ausübung ihrer Religion. Private Gottesdienste sind gesetzlich verboten, ebenso wie der Übertritt vom Islam zum Christentum. In Indien sind nach neuen Studien (2011) sowohl Einschränkungen durch die Regierung als auch der soziale Druck sehr hoch. In vielen Nachfolgestaaten der Sowjetunion beschneidet eine rigide Gesetzgebung die Religionsfreiheit, um den islamischen Einfluss einzudämmen. Extremwerte in staatlicher Unterdrückung erreichen nach Angaben der Nichtregierungsorganisation "Open Doors" China, der Iran, Birma (Myanmar), die Türkei, Vietnam und Nordkorea. "Man muss annehmen, dass 70.000 Christen in Nordkorea in Arbeitslagern sitzen", schätzt Sauer, "und im Iran hat die Polizei in der Weihnachtszeit Christen vorgeladen, um Druck gegen Feierlichkeiten aufzubauen."

Verlierer des arabischen Frühlings

Koptische Christen halten Kreuze und Transparente bei einer Demonstration. Foto: dpa

Koptische Christen protestieren in Kairo für freie Religionsausübung

In den asiatisch-afrikanischen Grenzgebieten hat sich die Situation gerade in den letzten Monaten noch einmal zugespitzt. Allein 2011 führte der arabische Frühling zur Flucht zehntausender Christen - vor allem aus Ägypten. Beobachter rechnen mit einer vergleichbaren Entwicklung in Syrien, sollte das Regime Baschar al-Assad fallen.

Armut nährt Fanatismus in Afrika

Besonders schwierig ist die Lage dort, wo sich religiöse und machtpolitische Motive vermengen – etwa im westlichen Afrika. Schon im August 2011 hatte die islamistische Terrorgruppe Boko Haram weltweit Schlagzeilen gemacht, als ein Selbstmordbomber seine Maschine in den Sitz der Vereinten Nationen in Abuja steuerte und 24 Menschen in den Tod riss, in offensiver Anspielung auf die Anschläge des 11. Septembers und den "Krieg" der Terrorgruppe Al Quaida gegen die westliche Welt. "In Nigeria sind die Konflikte auf eine gefährliche Mischung aus Armut, Fanatismus und Frustration zurückzuführen", meint Emmanuel Ogbunwezeh, Afrika-Referent der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, "und dieser Kessel kocht immer wieder über."

Gerade in Nigeria findet die Boko Haram so einen geeigneten Stützpunkt: Knapp die Hälfte der 160 Millionen Einwohner sind Christen, etwa ebensoviele Moslems. Besonders im stärker muslimisch geprägten, ärmeren Norden des Landes nähren alte Stammesfehden und wirtschaftliche Interessen den religiösen Hass: Es geht um Macht und um "die Destabilisierung des christlich geprägten, reicheren Südens", so Ogbunwezeh. Solange sich sozioökonomische Rahmenbedingungen und religiöse Intoleranz in Nigeria jedoch gegenseitig befeuern, ist die Stabilität des ganzen Kontinents in Gefahr: "Wer Afrika beherrschen möchte, der braucht zunächst Nigeria, als militärische Macht und als Ölexporteur." Ogbunwezeh rechnet daher mit weiteren Anschlägen. Er sieht das Land auf dem Weg in einen Bürgerkrieg: "Wenn sich nichts ändert, wird es Nigeria in zehn Jahren nicht mehr geben."

Autorin: Johanna Schmeller

Redaktion: Andreas Noll

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