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Afrika

Nigerias Weltbuchstadt Port Harcourt liest

Die Weltbuchstadt der UNESCO heißt in diesem Jahr Port Harcourt. Buchclubs und Lesungen sollen vor allem Kinder fürs Lesen begeistern. Damit könnte die Stadt gleichzeitig ihr Image als schmutzige Ölstadt aufbessern.

Koko Kalango steht vor der dritten Klasse der Grundschule von Degema, einem Dorf, das rund 90 Autominuten von der Stadt Port Harcourt im Nigerdelta entfernt liegt. Gerade hat sie mit den Mädchen und Jungen einige Kapitel aus dem Buch "Florence Nightingale" (siehe Bild oben) gelesen - die Krankenschwester hat im 19. Jahrhundert die moderne Krankenpflege begründet.

Jetzt versucht Kalango, unbekannte Wörter zu erklären - zum Beispiel Bestseller. "Ihr habt doch schon von Chinua Achebe und seinem Buch 'Alles zerfällt' gehört, oder?" fragt sie. Die Kinder nicken. Achebe ist neben Wole Soyinka der bekannteste nigerianische Schriftsteller. "Von dem Buch sind mehr als 50 Millionen Exemplare verkauft worden. Und deshalb ist das Buch ein Bestseller."

Bürgermeister Chimbiko Iche Akarolo (Foto: DW/K. Gänsler)

Bürgermeister Chimbiko Iche Akarolo will die Alphabetisierungsrate in Port Harcourt erhöhen

Koko Kalango lacht. Kleine Wissenslücken zu stopfen und Kindern Lust aufs Lesen zu machen gehört zu ihrer Arbeit. Sie leitet den Rainbow Book Club in Port Harcourt, der in diesem Jahr das Programm rund um die UNESCO-Weltbuchstadt organisiert.

Mit der Ernennung zur Buchstadt steht Port Harcourt nun in einer Reihe mit Städten wie Amsterdam, Montreal und Bangkok. Port Harcourt ist allerdings die erste Stadt südlich der Sahara, die diesen Titel trägt.

Auch wenn in Nigeria bisher nur wenige Leute von dem Titel wissen, freut sich Bürgermeister Chimbiko Iche Akarolo über die Auszeichnung: "Sie bedeutet sehr viel für uns. Aber wir müssen auch hohe Erwartungen erfüllen."

Von der Ölstadt zum Lesezentrum?

Wenn die Stadt es schafft, diese Erwartungen zu erfüllen, könnte ihr damit auch ein Imagewechsel gelingen. Port Harcourt und die gesamte Nigerdelta-Region sind weltweit bislang für Ölförderung bekannt. Zwar lebt Nigeria vom schwarzen Gold, gleichzeitig steht es aber auch für eine extreme Ungleichverteilung im Land und für

Umweltverschmutzung im großen Stil

.

Dabei habe die Region so viel mehr zu bieten, schwärmt Koko Kalango. "Wir haben eine große Literatur-Tradition. Hier haben Schriftsteller wie Ken Saro-Wiwa und Gabriel Okara gelebt und gearbeitet. Das Literaturfestival findet in diesem Jahr zum siebten Mal statt."

Einen Namen gemacht hat sich der Bundesstaat Rivers in den vergangenen Jahren aber auch durch erhöhte Investitionen in Schulen. Unter anderem wurden überall sogenannte Modell-Schulen mit kleinen Klassen, Sportplätzen und Bibliotheken eingerichtet. "Der Titel Weltbuchstadt ist deshalb auch eine Ermutigung für uns, weil Gouverneur Rotimi Amaechi viel im Bildungsbereich gemacht hat", so Kalango.

Autorenlesungen und Buchclubs

Nun sollen so viele Menschen wie möglich daran teilhaben. In diesem Jahr gibt es beispielsweise das "Buch des Monats". Dieser Buchtipp soll die Bürger zum Lesen animieren - nach Möglichkeit wird auch der Autor für eine Autorenlesung nach Port Harcourt eingeladen. Außerdem gibt es hier regelmäßig Workshops für junge nigerianische Schriftsteller.

Koko Kalango (Foto: DW/K. Gänsler)

Koko Kalango organisiert für den Rainbow Book Club Workshops und Leseprojekte im Bundesstaat Rivers

Ein weiterer Schwerpunkt: die Gründung von 300 Leseclubs. Dazu wurden 100 Schulen in und rund um Port Harcourt ausgewählt. Während an den weiterführenden Schulen pro Monat nun jeweils ein Buch gelesen wird, bekommen die Grundschüler sogar jede Woche ein neues. Im Dorf Degema hat der neunjährige Fervency E. King deshalb mit seiner Klasse gerade "Florence Nightingale" gelesen. Er nickt zufrieden, weil ihm das Buch gut gefallen hat: "Ich lese wirklich gerne. Wir haben auch Zuhause Bücher."

Fast neun Millionen Kinder besuchen keine Schule

So geht es aber längst nicht allen Kindern in Nigeria. Viele lernen das Lesen erst gar nicht; die Einschulraten sind seit Jahren unverändert niedrig. Nach Schätzungen der UNESCO besuchen in Afrikas Riesenstaat nämlich 8,7 Millionen Mädchen und Jungen im Grundschulalter keine Schule. Das Land ist damit weltweit trauriger Spitzenreiter.

Deshalb hat sich Koko Kalango im Jahr der Weltbuchstadt ein weiteres Ziel gesetzt: Das Lesen darf sich nicht nur auf die Schule beschränken. "Bildung findet doch überall statt, auf den Spielplätzen, auf den Straßen." Sie und ihre Mitarbeiter wollen deshalb nun regelmäßig Orte besuchen, an denen sich Kinder treffen, die keine Schule besuchen. Für diese möchte sie Lesekurse in öffentlichen Bibliotheken anbieten. Wenn das gut klappt, dann sollen auch sie an Buchclubs teilnehmen, wünscht sich Kalango. Denn damit lassen sich zwei Dinge hervorragend verbinden: "Die Kinder lesen und haben gleichzeitig Spaß."

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