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Afrika

Aus den Elendsvierteln vertrieben

Zehntausende Menschen wurden im letzten Jahr aus ihren Hütten vertrieben, um in Städten Platz für Neubauten zu schaffen. Amnesty International nennt in seinem Jahresbericht 2013 Nigeria als brutales Beispiel.

Die Bulldozer kamen kurz vor Mittag. "Um diese Zeit waren die meisten Leute nicht zu Hause," erzählt Jim Tom George der Deutschen Welle, "sie haben die Eingänge zu unserer Siedlung blockiert und dann angefangen, alles niederzuwalzen." Am 27. Juni 2012 war das, in Port Harcourt in Nigeria. Zwischen 20.000 und 40.000 Menschen verloren von einem Tag auf den anderen ihre Häuser, die meisten verloren auch, was noch in den Häusern war. "Sie haben uns nicht informiert. Wir hatten keine Ahnung, dass die Regierung an diesem Tag kommen und unser Viertel zerstören würde."

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Amnesty International: Report 2013

Inzwischen hat die nigerianische Regierung noch weitere Siedlungen abreißen lassen, meist Straßenzüge am Wasser, mit ein paar gemauerten Häusern und vielen Wellblechhütten. Slums, sagt die Regierung, und weist auf oft hygienisch bedenkliche Zustände hin. Doch die Menschen in der Hafengegend von Port Harcourt hatten dort Arbeit und ein Dach überm Kopf. "Jetzt haben wir nichts mehr," sagt Jim Tom George - auch zehn Monate nach der Räumung noch nicht. "Wir sind Fluss-Menschen, wir haben immer vom Fischen gelebt." Doch jetzt lebten die Leute aus seinem Viertel überall verstreut, nur nicht mehr am Wasser: "Während ich hier mit ihnen telefoniere, leidet meine Familie, wir alle leiden, unsere Nachbarschaften sind auseinander gerissen, wir haben keine Sicherheit mehr. Wir sterben vor Hunger."

Der Stadtenwicklung im Wege

Bretterbuden und Wellblechhütten am Fluss (Foto: dpa)

Lagos boomt und die Slums stören - dann kommen die Bulldozer

Kein Einzelfall. Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International im Jahresbericht 2013 schreibt, wurden im letzten Jahr allein in Nigeria "die Häuser von Zehntausenden Menschen in Port Harcourt, Lagos und Abuja abgerissen." In 36 Ländern habe es illegale Zwangsräumungen gegeben, unter anderem in Brasilien, wo im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft Platz für Infrastrukturprojekte geschaffen werden sollte. Nicht immer gehe es dabei um Stadtentwicklung, "man sieht solche einfachen Siedlungen dann teilweise auch als Schandfleck und versucht, sie zu kaschieren oder sie ganz abzureißen, weil sie das Bild der Stadt stören."

Doch in der Mehrzahl der Fälle, die Amnesty International auflistet, stehen die Slumsiedlungen lukrativen Investitionen im Weg, oftmals in der Innenstadt, an Flüssen oder in Stadtlagen, die durch vergangene Stadtbauprojekte attraktiv geworden sind. Shoppingcenter, Bürokomplexe und Hotelbauten brauchen Platz, der den Ärmsten einfach weggenommen wird.

Festnahmen statt Entschädigung

In Port Harcourt, klagt der aus seinem Haus vertriebene Jim Tom George, habe die Polizei sogar einen Vorwand konstruiert, um die Siedlung ohne Vorwarnung zu räumen: "Als wir wissen wollten, was da vor sich geht, haben sie behauptet, es habe eine Schießerei gegeben und deshalb habe die Regierung die Sicherheitsleute hergeschickt," erzählt George, "sie haben dann 120 Leute von uns festgenommen und eingesperrt."

Blick auf die Slums von Lagos, eingekreist von Hochhäusern (Foto: dpa)

Slums und moderne Gebäude in Lagos

Das Problem bei vielen Zwangsräumungen sei vor allem, meint Christian Hanussek von Amnesty International, "dass die Autoritäten gar nicht erst versuchen, sich mit den Bewohnern zu einigen, sondern dass man gleich sehr brutal vorgeht." Denn in aller Regel gebe es auch in Ländern wie Nigeria Gesetze, nach denen die Menschen trotz oftmals fehlender Besitzurkunden bestimmte Wohnrechte hätten, in jedem Fall aber entschädigt werden müßten. Doch diese Rechte durchzusetzen, sei schwierig: "Da wohnen Leute, die kein Geld haben, um teure Prozesse zu führen."

Berlin soll Druck machen

Christian Hanussek von Amnesty International hofft, dass die nigerianische Regierung nach dem Bericht zumindest vorsichtiger vorgeht. "Brutale Zwangsräumungen gibt es vor allem dort, wo niemand hinschaut." Deshalb versucht die Menschenrechtsorganisation, Öffentlichkeit herzustellen. Sie wirkt aber auch auf die Politik ein, zum Beispiel in Berlin: Die deutsche Regierung solle das Thema bei bilateralen Gesprächen auf den Tisch bringen. Hanussek glaubt, dass Regierungen wie die nigerianische durchaus auf internationalen Druck reagieren. "In Port Harcourt sollten ja schon viel mehr Siedlungen abgerissen werden," erklärt der Amnesty-Referent, "im Moment geht das zumindest langsamer oder ist aufgeschoben."

Für Jim Tom George, der seine Heimat am Fluss wieder haben will, ist das kein Trost. Auch die Entschädigungen, zu denen die Regierung sich mittlerweile bereit erklärt hat, würden nicht weiter helfen. "Das ist so wenig, davon kann man nicht einmal die Miete zahlen."

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