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Afrika

Nigerias Versagen bei Boko Haram

Gegen die islamistische Gewalt setze Nigeria auf die falschen Mittel und verschärfe den Konflikt, beklagen Menschenrechtler. Der islamistische Terror lähmt den Dialog, der in einigen Gemeinden schon vorangeschritten war.

Blick in die zerstörte Kirche in Kaduna (Photo credit should read STRINGER/AFP/Getty Images)

Bombenanschlag in Kaduna

Nigeria kommt nicht zur Ruhe. Immer wieder erschüttern Anschläge der islamistischen Terrororganisation Boko Haram vorwiegend den Norden des Landes. Dabei handelt es sich nur vordergründig um einen religiösen Konflikt. "Auf der einen Seite haben wir es mit einer Terrororganisation zu tun", erklärt Lucy Freeman von Amnesty International im Gespräch mit der DW. "Auf der anderen Seite stehen die staatlichen Sicherheitskräfte, die Polizei und die Armee". Die Mehrheit der Bevölkerung sei zwischen diesen Fronten gefangen und leide unter der Gewalt und Willkür beider Seiten. Dies ist die Aussage eines Berichts zur Gewaltspirale in Nigeria, den Amnesty International am Anfang November vorlegte.

Bombenanschlag nach Opferfest

Sicherheitskräfte vor Wrackteilen eines Autos vor der zerbombten Kirche in am 28. Oktober 2012. STRINGER/AFP/Getty Images

Sicherheitskräfte versuchten in Kaduna, Racheaktionen zu verhindern - vergeblich

Erst vor wenigen Tagen hat ein weiterer Anschlag auf eine Kirche die Zivilgesellschaft in ihren Bemühungen um Dialog zurückgeworfen. Ein Attentäter sprengte sich am Sonntag (28.10.2012) in einer Kirche in Kaduna in die Luft und tötete sieben Menschen. Noch zwei Tage zuvor hatte das muslimische Opferfest dort im Zeichen des Dialogs gestanden. "Wir haben alle zusammen gefeiert", berichtet der Imam Muhammad Nuraini Ashafa der Deutschen Welle, "nicht nur die Muslime, sondern auch unsere christlichen Freunde."

Der Anschlag auf die katholische Kirche St. Rita überschattet diese Erfolge. Als Drahtzieher gilt die islamistische Terrororganisation Boko Haram. Die Terrorgruppe, deren Name auf deutsch so viel bedeutet wie "Westliche Bildung ist verboten" hat sich bisher zu mehreren Anschlägen auf Kirchen in Nordnigeria bekannt. Beobachter vermuten, dass die Gruppe damit den Dialog zwischen den Religionen sabotieren will. Denn der Anschlag spiele erneut Christen und Muslime gegeneinander aus. Noch am selben Tag wurden drei Menschen von aufgebrachten Christen getötet.

Staatliche Willkür

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sieht allerdings eine Mitschuld der Regierung für die nicht endende Gewalt. "Bevor man die Situation verbessern kann, muss man aufhören, sie zu verschlimmern", sagt Freeman. Im Bericht heißt es, dass die Sicherheitskräfte und eine von der Regierung eingesetzte Spezialeinheit viele Menschen ohne Anklage festhalten. Auch außergerichtliche Hinrichtungen seien an der Tagesordnung. Yahaya Shinku war einst Major in der nigerianischen Armee. Doch wie die Regierung nun unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung gegen Unschuldige vorgeht, schockiert ihn. Was ihn besonders empört: Die Schuldigen bleiben straflos. "Auch nach früheren Anschlägen war nicht zu erkennen, dass die Drahtzieher vor Gericht gestellt wurden. Niemand hat je mitbekommen, dass die Regierung etwas gegen sie unternommen hat", beklagt Shinku im Interview mit der DW.

Der Nigerianische President Goodluck Jonathan im Gespräch mit dem Emir von Kano nach einem Bombenanschlag in Kano im Januar 2012. (Foto: EPA/STR)

Seltenes Bild: Präsident Jonathan übt sich im Dialog

Selbst wenn Christen versuchten Kirchen zu zerstören oder Muslime in Moscheen mit Bomben gefasst worden seien, berichtet Shinku, habe das stets nur zu Gewalt gegen die andere Seite geführt. "Die Menschen fragen sich: Hat die Regierung in Abuja ihre Hände im Spiel, weil sie den Norden Nigerias destabilisieren will?" Denn die religiöse Spaltung spiele der Regierung in die Hände, meint der pensionierte Major. "Wenn es keine Zusammenarbeit zwischen Muslimen und Christen im Norden gibt, kann die Regierung leichter ihre eigenen Ziele verfolgen." Mit anderen Worten: Weil sich die Christen im Norden bedroht fühlten, unterstützen sie den christlichen Präsident Goodluck Jonathan aus dem Süden und liefern ihm so die notwendigen Mehrheiten.

Der vergessene Weg des Dialogs

Lange schon habe Nigeria versucht, den Konflikt mit Waffengewalt zu lösen, sagt Shinku - für ihn zu lange. Denn es gibt auch alternative Ansätze. Wiederholt hatte die Regierung Komitees ins Leben gerufen, um die Bevölkerung im Norden um Rat zu fragen. Doch die Ergebnisse ihrer Ermittlungen stießen in Abuja stets auf taube Ohren, bedauert Shinku. "Es hat etwa fünf solcher Komitees gegeben, alle mit dem gleichen Ergebnis", schätzt er. "Die Regierung sollte mit den Konfliktparteien in Dialog treten, wie es diese Komitees empfehlen."

Präsident Goodluck Jonathan, Foto: Katrin Gänsler

Setzt Präsident Jonathan auf die falschen Mittel?

Unterdessen bemüht sich Imam Ashafa in Kaduna um Schadensbegrenzung. Zusammen mit dem Pfarrer James Wuye koordiniert er das Zentrum für Vermittlung zwischen Glaubensgemeinschaften (Interfaith Mediation Centre). Nach dem Anschlag auf die Kirche St. Rita hat Shinku verletzte Christen besucht und wendet sich nun im Radio an beide Seiten. Seine Botschaft: "Diese Gewaltakte sind Verirrungen, die weder in der muslimischen, noch in der christlichen Tradition verankert sind." Die Bevölkerung müsse einsehen, dass Religion nicht das geeignete Mittel sei, um soziale Konflikte zu lösen. "Die Krise, die wir haben, ist keine religiöse, sondern eine politische Krise, und sie erfordert eine politische Lösung." Aber solange die Regierung nicht glaubhaft zeigt, dass sie an einer friedlichen Lösung interessiert ist, werden seine Aufrufe wohl wenig Gehör finden.

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