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Welt

Zerbombter Wirtschaftsmotor Nigeria

Seit knapp zwei Jahren terrorisiert die islamistische Terrorgruppe Boko Haram die Bevölkerung Nigerias mit Anschlägen. Im Norden des Landes leidet die Wirtschaft darunter.

Bombenanschlag in Nigeria (Foto: REUTERS)

Bombenanschlag in Nigeria

"Welcome, welcome", klingt es von den Ständen rechts und links des Wegs. Besucher sind auf dem Kantin Kwari Markt in der nordnigerianischen Stadt Kano heiß umworben. Früher kamen Händler aus dem ganzen Land und aus Nachbarstaaten, um hier Textilien zu kaufen. Doch seit den Terroranschlägen im Januar dieses Jahres ist alles anders. Damals hatte Boko Haram gleichzeitig mehrere Bomben hochgehen lassen, fast 200 Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Biljaminu Ahamad hat einen kleinen Laden auf dem Markt, er verkauft bunte Stoffe aus ganz Westafrika. Seit den Anschlägen ist der Umsatz des 29-Jährigen um die Hälfte eingebrochen. "Die Sicherheitslage muss verbessert werden – sonst bleiben die Kunden weg", klagt der Verkäufer.

Ausgangssperren und Grenzschließungen

Biljaminu Ahamad, Ladenbesitzer auf dem Kantin Kwari Markt in Kano, Nigeria. (Foto: Adrian Kriesch)

Volle Regale, fehlende Kunden: Textilhändler Biljaminu Ahamad

Nicht nur der Markt, fast alle Wirtschaftsbereiche im Norden des Landes leiden unter der schwierigen Sicherheitslage, sagt Ahmad Rabiu. Er ist Geschäftsmann und Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer der nördlichen Bundesstaaten Nigerias. Für Unternehmer sei es aufgrund des Sicherheitsrisikos sehr schwer, Kredite zu bekommen. Für die Wirtschaft sei jedoch das Krisenmanagement der Regierung schlimmer als die Anschläge selbst, so Rabiu im Gespräch mit der DW. Ausgangssperren, Grenzschließungen und Reisehindernisse ließen den Handel brach liegen. Trotzdem sei das Hauptproblem nicht die Sicherheit, sondern das Straßennetz. Die Straßen würden nicht gewartet, meint der Geschäftmann. "Dasselbe gilt für unser Elektrizitäts- und Eisenbahnnetz. Die Eisenbahn sollte eigentlich das Mittel sein, um schwere Waren zu transportieren." Die Regierung hätte zwar viel versprochen, aber der letzte Ausbau des Eisenbahnnetzes war 1968. "Seitdem wurde das Netz um keinen einzigen Zentimeter erweitert."

Rabiu wirft den politischen Eliten vor, seit der Unabhängigkeit Nigerias die Wirtschaft nicht ernsthaft zu fördern. Zwar gibt es seit Jahren ein rasantes ökonomisches Wachstum, doch hauptsächlich aufgrund der Erdölexporte. Die Wirtschaft ist kaum diversifiziert. Die einst florierende Baumwoll- und Erdnussindustrie im Norden kollabierte mit Beginn der Erdölförderung in den 60er Jahren. Seitdem bereichern sich die politischen Eliten am "Schwarzen Gold" – während laut Afrikanischer Entwicklungsbank noch im letzten Jahr zwei Drittel der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen mussten. Selbst hochrangige Minister schätzen die Arbeitslosigkeit auf über 50 Prozent.

Nord-Süd-Gefälle

Ahmad Rabiu, Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer der nördlichen Bundesstaaten Nigerias. (Foto: Adrian Kriesch)

Ahmad Rabiu: "Die Regierung hat viel versprochen"

Nigeria ist größer als Deutschland und Frankreich zusammen – dementsprechend groß sind die regionalen Unterschiede. Ahmad Muhammad Tsauni, Wirtschaftswissenschaftler an der Bayero Universität in Kano, spricht von einer historisch gewachsenen Kluft zwischen Nord- und Südnigeria. Der Süden habe lange von Investitionen in Bildung und Industrie profitiert, weshalb Armut und Arbeitslosigkeit nun vor allem im Norden Probleme machten. Jetzt aber habe der islamische Terror tausende Arbeitsuchende aus dem Norden in den Süden getrieben.

Außerdem schaden die Anschläge von Boko Haram dem Image Nigerias bei Investoren, so Ahmad Tsauni gegenüber der Deutschen Welle. "Vor allem die Chinesen, Inder und Libanesen haben hier viel investiert. Wegen der Krise haben sie ihre Beteiligungen reduziert, manche haben das Land verlassen. Diese Auswirkungen spüren wir mehr im Norden des Landes, der stärker unter der Sicherheitssituation leidet." Aber auch andere Gebiete im Süden seien betroffen, wie Lagos zum Beispiel. Denn kein nigerianischer Bundesstaat könnte als Insel leben, davon ist der Wirtschaftsexperte überzeugt.

Schnelle Autos für Lagos

Julian Hardy im Porsche-Autohaus Lagos, Nigeria. (Foto: Adrian Kriesch)

Porsche-Manager Julian Hardy mit seinem Verkaufsschlager in Lagos

2011 lockte Nigeria laut dem aktuellen Weltinvestitionsbericht der UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz noch neun Milliarden Dollar aus dem Ausland an – das war der Rekord in Afrika. Und zumindest in Lagos findet man noch Orte, an denen Boko Haram ein Fremdwort zu sein scheint. In seinem neuen Autohaus zeigt Julian Hardy seinen Verkaufsschlager, den Porsche Cayenne S. Mehr als 100.000 Euro kostet das Modell, das der Stuttgarter Automobilkonzern seit März dieses Jahres in Lagos anpreist. Laut Julian Hardy habe Boko Haram keinen Einfluss auf das Geschäft von Porsche. "Ich plane dieses Jahr 55 Wagen zu verkaufen, nächstes Jahr das Doppelte und demnächst dann 200 bis 300 pro Jahr." Hardy hält den zweitgrößten Markt in Afrika für sehr dynamisch mit vielen Herausforderungen, schreibt ihm aber eben auch ein riesiges Potential zu.

Das bescheinigen alle Experten dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas mit seinen mehr als 150 Millionen Einwohnern. Mit einer neuen Initiative zur Förderung der Landwirtschaft und einer besseren Ausbildung für Jugendliche in Nord-Nigeria will Präsident Goodluck Jonathan das Gefälle zwischen dem Norden und Süden nun ausgleichen.