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Afrika

Nigeria vor 50 Jahren: Ein Putsch, ein Gegenputsch, ein Krieg

Am 29. Juli 1966 putschten Militärs aus Nigerias Norden gegen die Igbo-dominierte Junta in der damaligen Hauptstadt Lagos. Ein Jahr später begann der Biafrakrieg. Die Folgen prägen Nigeria bis heute.

Die Eltern senkten immer ihre Stimme, wenn es um den Bürgerkrieg ging. Das ist das erste, woran sich Nkwachukwu Orji erinnert. Der 38-jährige promovierte Politologe gehört der Volksgruppe der Igbo an und wuchs im Südosten Nigerias auf. Zwischen 1967 und 1970 trug die Region den Namen Biafra.

Bei Orjis Geburt war der Krieg seit sieben Jahren vorbei. Trotzdem waren die Gewalt, der Hunger, das Trauma durch den dreijährigen Bürgerkrieg allgegenwärtig. "Meine Familie hatte Glück, wir wohnten nicht unmittelbar im Kriegsgebiet, aber natürlich gab es Freunde und entfernte Verwandte, die viele Angehörige verloren haben", erzählt er. Erst als Teenager wagte er, Fragen zu stellen. Nach einigen Jahren an europäischen Universitäten ist er nun wissenschaftlicher Mitarbeiter an der University of Nigeria in Nsukka, einer Stadt im Südosten.

Nigeria Bildergalerie Staatspräsidenten Yakubu Gowon (Foto: PUBLICATIONxINxGERxONLY ZUMAk09)

Historiker Mike Gould: "Yakubu Gowon war ein schwacher Führer"

Für den Ausbruch des Biafra-Krieges ist der Tag des 29. Juli 1966 von enormer Bedeutung: Militärs der Volksgruppe der Haussa-Fulani aus dem Norden putschten sich an die Macht, ein Jahr später brach der Krieg um die Region Biafra aus.

Aber wie kam es dazu? Am 1. Oktober 1960 hatten die britischen Kolonialherren Nigeria in die Unabhängigkeit entlassen - mit einem schweren Erbe: Der neu geschaffene Staat presste viele unterschiedliche Volksgruppen in einem willkürlich geschaffenen Grenzkorsett zusammen. Der Machtkampf um die Vorherrschaft zwischen den drei größten Volksgruppen war programmiert. Die im muslimisch geprägten und eher rückständigen Norden dominierenden Haussa-Fulani konkurrierten mit den beiden großen Völkern des Südens, wo Wirtschaft und Verwaltung sehr viel weiter entwickelt waren: den überwiegend katholischen Igbo im Südosten und den muslimisch-christlich gemischten Yoruba rund um die damalige Hauptstadt Lagos im Südwesten.

"Gegenputsch war ausschlaggebend für Ausbruch des Biafra-Krieges"

Die Briten hatten den Norden bei der Machtverteilung begünstigt - zum Ärger der Igbo. Sie ergriffen sechs Jahre nach der Unabhängigkeit, am 15. Januar 1966, die Macht in einem Putsch und ermordeten führende Politiker aus dem Norden. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Am 29. Juli 1966 folgte der Gegenputsch des Nordens, die Igbos wurden aus der Militärführung entfernt.

Karte Biafra Nigeria

Das Gebiet der früheren "Republik Biafra" (1967-70)

Der Historiker Mike Gould hat für das renommierte Institut für Afrika-Studien (SOAS) in London geforscht und die komplexe Situation dieser für Nigeria sehr prägenden Zeit in einem Buch analysiert. "Dieser Gegenputsch war ausschlaggebend für den Ausbruch des Krieges ein Jahr später", sagt er. Denn nach dem Putsch folgte zunächst ein Machtvakuum, das sich in blutigen Pogromen gegen Igbo Bahn brach. Viele gut ausgebildete Igbo hatten sich im Norden angesiedelt, sich aber nie in die einheimische Bevölkerung integriert. Sie galten als Fremdkörper.

Schwacher Führer im Norden, ehrgeiziger Separatist im Süden

"Der Führer des Nordens, Yakubu Gowon, war zu schwach und vermochte es nicht, die Morde an den Igbo rasch zu beenden", sagt Gould. Wie viele Igbo damals getötet wurden, lasse sich nicht endgültig klären. In Nigeria ist das eine explosive Aussage. Denn die Igbo im Südosten beriefen sich stets auf hohe Opferzahlen und rechtfertigten damit die Ausrufung der unabhängigen Republik Biafra am 30. Mai 1967. Gowons Gegenspieler auf Seiten der Igbo spielte hier die zentrale Rolle: Chukwuemeka Odumegwu Ojukwu war ein westlich gebildeter ehrgeiziger Mann. "Für ihn waren die Übergriffe auf Igbo im Norden eine Chance, um seine Machtpläne durchzusetzen und die Unabhängigkeit zu erklären", so der Historiker Gould.

Odumegwu Ojukwu 1967 (Foto: ddp images/AP Photo)

Ein ehrgeiziger und machtbewusster Mann: Igbo-Anführer Chukwuemeka Odumegwu Ojukwu

Zuvor hatte es zwar Vermittlungsversuche gegeben: In Ghana hatten sich die beiden Kontrahenten Gowon und Ojukwu auf den Friedensvertrag von Aburi geeinigt. Er sah vor, Nigeria in eine Konföderation umzuwandeln. Sie hätte dem Südosten weitgehende Autonomie gebracht. Aber Gowon konnte den Kompromiss bei seinen eigenen Gefolgsleuten im Norden nicht durchsetzen - somit sah sich auch Ojukwu nicht weiter an den Vertrag gebunden und hielt an der Forderung nach Unabhängigkeit der Region Biafra fest. Ein Auseinanderbrechen des Staates konnte die Zentralregierung um Gowon jedoch nicht akzeptieren. Am 6. Juli 1967 marschierte die nigerianische Armee in Biafra ein.

Spätes Bedauern

Den Grund für das Scheitern der Vermittlungen sieht Historiker Gould nicht zuletzt in den völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten von Gowon und Ojukwu. "Gowon hatte wenig Autorität und war als Soldat nie sonderlich an politischen Ämtern interessiert." Gegenspieler Ojukwu auf Seiten der Igbo dagegen habe nie einen Hehl daraus gemacht, einmal die Führung des Staates übernehmen zu wollen. "Sie hätten die Lage kontrollieren können, um den Krieg zu verhindern. Das haben beide viele Jahre später selbst gesagt - in dem Moment aber waren sie unfähig dazu", sagt Gould.

Und heute?

Der Konflikt zwischen dem Norden und dem Südosten schwelt in den Köpfen vieler Menschen weiter.

"Viele Igbos denken, es ist gefährlich, in den Norden zu gehen", sagt Politologe Orji. Er begründet das mit der fehlenden Aufarbeitung des Krieges und des Konflikts zwischen den Volksgruppen. "Die Vergangenheit wird einfach unter den Teppich gekehrt", so Orji. Nie sei jemand für die Pogrome oder andere Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden. Nach dem Krieg hatten sich alle Seiten auf eine Amnestie geeinigt. Seitdem ist das Thema weitgehend tabu - und schwelt stattdessen im Untergrund weiter. Das Misstrauen gegen die jeweils andere Volksgruppe ist immer noch groß. Die dürren Versuche zur Aufarbeitung seien eine Sache von politischen Eliten gewesen, nichts, womit man die Volksgruppen miteinander ausgesöhnt hätte, so Orji. Nie habe es eine offizielle Entschuldigung des Staates Nigeria gegenüber den Igbo gegeben.

Mangelnde Aufarbeitung befeuert Separatisten

Und so sehen Vertreter aus dem Norden die Schuld einzig und allein bei den Machtbestrebungen des Südostens und der Igbo. "Der Gegenputsch war ganz deutlich eine Reaktion auf eine Provokation des Südostens", sagt Hussaini Tukkur, Historiker an der Universität Nasarawa, unweit der Hauptstadt Abuja. Die hohe Zahl der Toten nach dem Juli-Putsch - zum Teil ist von mehreren Zehntausenden die Rede - sei eine falsche Version der Machthaber im Süden.

Anhänger demonstrieren im April in Brüssel für die Unabhängigkeit der Region Biafra (Foto: picture alliance/W. Dabkowski)

Anhänger demonstrieren in Brüssel für die Unabhängigkeit der Region Biafra (28.04.2016)

Dass Aufarbeitung dringend geboten wäre, zeigen neu aufflammende Nationalismen auf Seiten der Igbo. Seit einigen Jahren wirbt eine selbsterklärte Biafra-Unabhängigkeitsbewegung erneut für die Loslösung von Nigeria. "Das Thema ist so sensibel, und es wird noch sensibler dadurch, dass die Biafra-Idee heute immer noch lebt", sagt Heinrich Bergstresser, Nigeria-Experte und ehemaliger Journalist der Deutschen Welle. Die Biafra-Idee werde vor allem von Diaspora-Igbos in den USA am Leben gehalten.

Und sie verfange, sagt Politologe Orji: "Der Hass ist immer noch so frisch wie damals - und bei den jüngeren Generationen zum Teil sogar noch größer als bei denjenigen, die den Krieg tatsächlich erlebt haben."

Als Folge des Krieges wandelten die Militärs das Land zu einem föderalen Bundesstaat um mit heute 36 Staaten. Die unmittelbare Konfrontation zwischen den großen Bevölkerungsgruppen sollte so geschwächt werden. In den Köpfen der meisten Nigerianer ist die Einheit des Landes indiskutabel, sie ist zur Staatsräson des westafrikanischen Landes geworden. "Der Krieg schuf das moderne Nigeria", fasst es der Historiker Gould zusammen.

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