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Afrika

Nigeria: Neue Rufe nach Biafra

Wieder gibt es blutige Auseinandersetzungen und Rufe nach Unabhängigkeit der Bundesstaaten des einstigen Biafra. Eine Aufarbeitung des Unabhängigkeitskriegs in den 1960er-Jahren steht noch immer aus.

Demonstration für politischen Aktivisten Nwannekaenyi Nnamdi Kenny Okwu Kanu

Demonstranten fordern die Freilassung von Nnamdi Kanu

Die Menschen in Port Harcourt, der Millionenstadt ganz in Nigerias Südosten, sind im Aufruhr. "Wir müssen wieder die sein dürfen, die wir sind. Wir sind es müde, die zu sein, die wir nicht sind", sagt Aktivistin Hilda Dokubo. "Wir können nicht so tun, als wäre alles in Ordnung."

Der Konflikt ist alt - und doch sehr präsent. 1967 rief Chukwuemeka Odumegwu Ojukwu, Gouverneur in Ostnigeria, die Unabhängigkeit des rohstoffreichen Landesteiles im Südosten aus und gab ihm den Namen Biafra. Die selbsternannte Republik, in der überwiegend christliche Igbo leben, wurde nur von einer Handvoll Staaten anerkannt.

Nach drei Jahren blutiger Auseinandersetzungen musste Ojukwu kapitulieren und Biafra wurde wieder in Nigeria eingegliedert. Der Biafra-Konflikt machte weltweit auch deshalb Schlagzeilen, weil Nigeria die Region isolierte und damit eine Hungersnot herbeiführte. Mindestens eine Million Menschen starben.

Flüchtling im Biafra-Krieg 1967 - 1970

Die Bilder von den ausgehungerten Menschen in Biafra gingen in den 60er Jahren um die Welt

Fast fünzig Jahre später hallen nun erneut Rufe nach Unabhängigkeit durch die Straßen von Port Harcourt. Die Aktivisten fordern eine Neuauflage Biafras in den alten Grenzen - eine Forderung, für die die Regierung in Abuja wenig Verständnis aufbringt. Sie spielt mit harten Bandagen: Seit Oktober vergangenen Jahres sitzt Nnamdi Kanu, Anführer der Unabhängigkeitsbewegung Unabhängiges Volk Biafras (IPOB), in Sicherheitsverwahrung. An diesem Montag nun soll Kanu in Abuja erneut angehört werden.

Vorwurf: "Hochverrat"

Kanu, der den Rundfunksenders Radio Biafra betreibt, habe von Großbritannien aus über das Radio zur Abspaltung aufgerufen, lautet ein Vorwurf. Ferner beschuldigt ihn die Staatsanwaltschaft, eine illegale Vereinigung zu leiten und verbotenerweise Waffen zu besitzen. Kanu plädierte vergangene Woche auf "nicht schuldig".

Unterdessen spitzt sich die Lage in seiner Heimatregion zu. Bei Protesten waren am vergangenen Montag Separatisten, die Kanus Freilassung forderten, mit Polizisten aneinandergeraten. Laut Aussagen der Aktivisten gab es acht Tote nach den Protesten in Aba City. Die Polizei bestreitet das.

Demonstration für politischen Aktivisten Nwannekaenyi Nnamdi Kenny Okwu Kanu

Die Separatisten haben wieder Zulauf

In Port Harcourt sprach der stellvertretende Polizeichef Usman Gwari im Zusammenhang mit den Protesten von Hochverrat: "Wir werden uns nicht einfach zurücklehnen und zusehen, wie jemand das Gesetz bricht. Wir werden nicht zulassen, dass die separatistischen Bewegungen etwas tun, von dem wir wissen, dass es falsch ist."

Öffentliche Diskussion gefordert

Der Afrika-Experte der Gesellschaft für bedrohte Völker, Ulrich Delius, kritisiert die Haltung von Regierung und Sicherheitskräften: "Wir halten es für problematisch, die Diskussionen und Proteste um die Zukunft Biafras nur als Sicherheitsproblem zu sehen und führende Akteure wie Kanu hinter Schloss und Riegel bringen zu wollen", so Delius im DW-Gespräch. "Wir sehen darin einen Versuch, die öffentliche Diskussion zu unterdrücken. Das ist eines Rechtsstaats unwürdig."

Karte Biafra Nigeria

In der Region, die die Separatisten Biafra nennen, leben überwiegend christliche Igbo

Eine politische Aufarbeitung der Ereignisse um die Unabhängigkeit Biafras in den 1960er Jahren stehe noch aus, sagt Delius. Wenn Kanu weiter in Haft bleibe, werde das die Gewaltspirale weiter befeuern, fürchtet der Menschenrechtler. "Das kann nicht im Interesse Nigerias sein."

Das Gespenst der Vergangenheit

In Nigerias Südosten spaltet das Projekt Biafra die Bevölkerung. Neben den Aktivisten gibt es viele Menschen, die Angst vor neuer Gewalt haben. Die Demonstranten wollten provozieren, sagt der Unabhängigkeitsgegner Naseer Uho in Port Harcourt. Er glaube nicht, dass sich der ganze Südosten für einen Staat Biafra aussprechen würde. "Das würde bedeuten, dass wir nichts aus dem letzten Versuch, Biafra zu gründen, gelernt haben."

Mitarbeit: Muhammad Bello, Sam Olukoya

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