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Afrika

Niger im Visier der Dschihadisten

Die gewalttätigen Demonstrationen in Niger gegen die Karikaturen aus "Charlie Hebdo" sind teils Ausdruck spontaner Empörung. Sie zeigen aber auch den gewachsenen Einfluss radikaler dschihadistischer Ideologien.

Rauch hängt über Zinder, einer Stadt mit 200.000 Einwohnern im Süden Nigers, in unmittelbarer Nähe zu Nigeria. Der Rauch steigt aus den brennenden Autoreifen, die einige Bürger entzündet haben - aus Wut über die Mohammed-Karikaturen, die das französische Satire-Magazin "Charlie Hebdo" in der ersten Ausgabe nach dem Terror-Attentat auf die Redaktion in Paris veröffentlicht hat.

"Niemand darf den Propheten beleidigen", erklärt einer der Demonstranten dem DW-Korrespondenten vor Ort. "Das ist durch den Koran verboten. Wer den Propheten beleidigt, muss gehängt werden. Er muss getötet werden. So will es das islamische Gesetz."

Er sei sehr zufrieden, ergänzt ein anderer Demonstrant. Die Stadt stehe in Flammen, und zwar, weil man immer nur vom Terrorismus spreche. Dabei habe am Anfang eine Provokation gestanden. In Europa möge das zwar als Freiheit gelten, "aber unser Glaube erlaubt uns dergleichen nicht. Wir sind sehr erbost und werden nie hinnehmen, dass man Karikaturen des Propheten zeichnet."

Landesweit starben bislang mehr als zehn Menschen bei den Protesten

. Mindestens sechs Kirchen wurden angezündet oder geplündert. Eine Frau starb in einer Gaststätte, die ebenfalls von Demonstranten angezündet worden war.

Eine krisengeplagte Region

Ein mit Flüchtlingen beladener Truck an der nigrisch-libyschen Grenze, 1.1. 2015 (Foto: AFP / Getty Images)

Ein mit Flüchtlingen beladener Truck an der nigrisch-libyschen Grenze

Die Proteste ereignen sich in einem Land, das von mehreren Konfliktherden umgeben ist. Drei Nachbarstaaten durchlaufen derzeit schwere politische Krisen. Im Süden sieht sich Nigeria Angriffen der Terrormiliz

Boko Haram

ausgesetzt, die vor allem den Norden des Landes in eine kaum mehr vom Staat kontrollierte Zone verwandelt haben. Im Westen kämpft die Regierung von Mali gegen terroristische, zu "Al Kaida im Maghreb" (AQIM) gehörende oder ihr nahestehenden Milizen. Und das nördlich gelegene Libyen wird derzeit von Gewalttätigkeiten rivalisierender Gruppen erschüttert, die das Land in den politischen Abgrund stürzen lassen könnten. Die in Libyen gehandelten Waffen finden ihren Weg auch in den südlichen Nachbarstaat.

Niger hatte die französische Militäraktion gegen die Separatisten und Islamisten in Mali im Jahr 2013 unterstützt. Daraufhin erklärten dschihadistische Terrorgruppen, "Vergeltungsmaßnahmen" gegen Niger zu starten. In deren Folge wurden mehrere Menschen getötet.

Einer der weltweit ärmsten Staaten

Gegen diese Angriffe kann sich der nigrische Staat nur mühsam wehren. Die Republik Niger gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt, im Durchschnitt erzielen die gut 17 Millionen Nigrer ein Jahreseinkommen von umgerechnet rund 517 Euro. Und die Bevölkerung wächst dramatisch - in den vergangenen 50 Jahren um gut 400 Prozent. Damit zählt Niger zu den Ländern mit dem höchsten demographischen Wachstum überhaupt.

Anti-Charlie-Hebdo-Protest in Niger, 17. 01.2015 (Foto: AFP / Getty Images)

"Ich bin nicht Charlie" - Proteste in Niger

Lediglich 15 Prozent der Fläche des Wüstenstaates sind landwirtschaftlich überhaupt nutzbar. Entsprechend intensiv werden die Weide- und Anbauflächen beansprucht. Der ohnehin bescheidene landwirtschaftliche Ertrag wird durch regelmäßige Dürreperioden zusätzlich gefährdet. Immer wieder leiden die Nigrer darum unter Nahrungsmittelknappheit. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung gelten als arm. Im "Human Development Index" 2014 nimmt Niger den letzten Platz ein. Die Erträge aus den Uran- und Ölverkommen reichen nicht, um die Ausfälle in der Landwirtschaft wie auch der schwach entwickelten Industrie zu kompensieren.

All dies macht es für den Staat sehr schwierig, grundlegende Einrichtungen wie etwa das Bildungssystem zu finanzieren. Auf dem Land beträgt die Analphabetenquote rund 90 Prozent.

Lokaler und globaler Dschihad

Die Schwäche des Staates machen sich radikale Islamisten zunutze. Niger ist Teil des berüchtigten terroristischen Gürtels, der sich entlang der Sahelzone quer durch den Kontinent zieht. Die Milizen finanzieren sich durch Waffen- und Drogenschmuggel. Vor allem aber versuchen sie die nigrische Bevölkerung ideologisch für sich zu gewinnen.

Anti-Charlie-Hebdo-Protest in Niger, 16. 01.2015 (Foto: AFP / Getty Images)

Proteste in Niger

Der nigrische Islam gilt traditionell als gemäßigt und tolerant. Lange Zeit hat er sich mit afrikanischen Religionen und traditionellen Formen des Volksglaubens vermischt und eine große Anpassungsfähigkeit bewiesen. Die teils massive Präsenz dschihadistischer Gruppen in den Randgebieten des Landes wie auch die zahlreichen, über Satellitenschüssel empfangbaren religiösen Fernsehprogramme aus dem arabischen Raum, vor allem der arabischen Halbinsel, haben aber dazu beigetragen, Teile der Bevölkerung für einen strengeren und teils auch kämpferischen Islam zu begeistern.

Die Vorfälle im Zusammenhang mit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" und die jüngste Ausgabe des Magazins sind nur ein Beispiel für die von Dschhadisten praktizierte Politik, den Kampf afrikanischer ebenso wie westlicher Staaten gegen den Terrorismus

als kulturelles Kräftemessen

zwischen dem Westen und dem Islam zu inszenieren. Dieser Darstellung zufolge geht es in diesem Kampf ums Ganze, also das Überleben entweder der islamischen oder der westlichen Kultur. Über Jahre entfaltet diese Ideologie ihre Wirkung. In Frankreich und jetzt auch in Niger zeigen sich die Konsequenzen.

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