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Afrika

Loimeier: "Boko-Haram-Terror wird weitergehen"

Erneut hat die islamistische Boko-Haram-Sekte eine Militärbasis in Kamerun angegriffen. Die nigerianische Miliz versucht, die gesamte Region mit Terror zu überziehen, sagt der Ethnologe Roman Loimeier im DW-Interview.

DW: Herr Loimeier, Berichte über Angriffe der Boko Haram auf Städte und Dörfer

in Kamerun

häufen sich. Schwappt der islamistische Terror aus Nigeria ins Nachbarland über?

Roman Loimeier: Ja, und das passiert schon seit geraumer Zeit. Es gibt natürlich Moslems aus Kamerun, die sich in den vergangenen Jahren Boko Haram angeschlossen haben, aber das ist nur eine kleine Minderheit innerhalb der Terrorgruppe. Außerdem nutzt Boko Haram Nordkamerun und auch den Niger als Rückzugsraum, wenn die Miliz durch die nigerianische Armee unter Druck gerät.

Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau hat Kamerun vergangene Woche in einer Videobotschaft bedroht. Das Land erwarte dasselbe Schicksal wie Nigeria.

Professor Roman Loimeier von der Universität Göttingen (Photo: Universität Göttingen)

Professor Roman Loimeier ist Ethnologe an der Universität Göttingen

Abubakar Shekau droht gern und viel. Natürlich hat Boko Haram auch versucht, seine Aktivitäten nach Kamerun auszudehnen und dort einen ähnlichen Prozess in Gang zu setzen wie in Nigeria. Aber bislang kann ich nicht feststellen, dass das von Erfolg gekrönt ist. Das könnte daran liegen, dass die kamerunische Armee besser ausgerüstet und ausgebildet ist als die nigerianische - und auch sehr viel weniger korrupt. Außerdem sind die meisten Moslems im Norden Kameruns besser in etablierte religiöse Bewegungen integriert als im Norden Nigerias. Sie haben die nordkamerunischen Moslems davon abgehalten, sich zu radikalisieren.

Sie sehen also keine Gefahr eines grenzüberschreitenden "Gottesstaates" von Boko Haram, nach dem Vorbild des IS-Kalifats in Syrien und dem Irak?

Nein, damit rechne ich nicht. Auf beiden Seiten der Grenze gibt es auch eine stattliche Anzahl von Menschen, die weder Moslems noch Christen sind, sondern lokalen afrikanischen Religionen angehören. Und sie leisten hartnäckig Widerstand gegen Boko Haram.

Aber trotz dieser lokalen Gruppen und trotz des Einsatzes der kamerunischen Armee kann Boko Haram immer wieder auf kamerunischem Boden zuschlagen. Vergangene Woche hat Kameruns Präsident Paul Biya die internationale Gemeinschaft um Hilfe im Kampf gegen Boko Haram gebeten. Ist das Land zu schwach, die Miliz alleine abzuwehren?

Die kamerunische Armee ist zahlenmäßig natürlich viel, viel kleiner als etwa die nigerianische. Das ist einer der Gründe, warum Paul Biya um Hilfe bittet. Aber meiner Erfahrung nach haben afrikanische Staatschefs, insbesondere aus der Sahel-Region, schon in vielen verschiedenen Situationen um Unterstützung von außen gebeten. Paul Biya möchte die Bedrohung durch Boko Haram vielleicht nutzen, um mehr Aufmerksamkeit aus dem Westen zu erhalten und dazu eine modernere Ausrüstung für seine Armee. Er möchte als Partner im Kampf gegen den Terror wahrgenommen werden.

Aber es gibt bislang noch keine internationalen Anstrengungen zur Bekämpfung der Boko Haram?

Das ist eine schwierige Sache. Die westlichen Mächte haben begriffen, dass die nigerianische Armee in der Vergangenheit ihr eigenes Gerät an Boko Haram verkauft hat. Ein Witz, wirklich zynisch. Vor allem die Amerikaner sind verärgert, dass ihre Militärhilfe an Boko Haram weitergegeben werden könnte. Das hat zu viel Ernüchterung im Umgang mit Nigeria geführt. Zugleich haben die Amerikaner, die Franzosen und auch die Israelis natürlich Geheimdienstmitarbeiter in der Region. Sie schauen sehr genau, was dort passiert.

Kamerunische Soldaten (Photo: Reinnier KAZE/AFP/Getty Images)

Die kamerunische Armee ist gegen Boko Haram im Einsatz

Der Nordosten Nigerias hat wieder ein sehr blutiges Wochenende erlebt, mindestens 23 Menschen wurden bei Selbstmordanschlägen getötet. Glauben Sie, dass der Konflikt weiter eskalieren wird?

Wenn man sich die Entwicklung von Boko Haram anschaut, dann kann man drei Phasen unterscheiden. Von 2003 bis 2009, zu Beginn ihres Dschihad in Nordnigeria, griffen sie hauptsächlich Polizeistationen, Armeekasernen, Gefängnisse und Regierungsgebäude an. Nach 2009 versuchte Boko Haram, Gelände zu gewinnen. Das hatte sehr militärischen Charakter, das war eine Art Krieg. In den eroberten Gebieten terrorisierten sie ethnische und religiöse Minderheiten. Nun haben wir eine dritte Phase des Terrors von Boko Haram erreicht. Sie stehen unter Druck und gehen seit 2013 gegen die muslimische Zivilbevölkerung vor. Das tun sie, um Angst und Schrecken zu verbreiten, der von einer Zusammenarbeit mit den Behörden abhalten soll. Dieser Terror gegen die Zivilbevölkerung wird weitergehen.

Roman Loimeier ist Professor für Ethnologie an der Universität Göttingen. Er ist Experte für islamische Gesellschaften in Afrika.

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