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Europa

Niederlande: Erst bergen, dann strafen

Die EU-Außenminister beraten an diesem Dienstag nach dem Abschuss der Passagiermaschine MH17 neue Sanktionen gegen Russland. Ausgerechnet die Niederlande bremsen. Erst sollen die Leichen ausgeflogen werden.

MH17 Waggons Inspektoren aus der Niederlande 21.07.2014 Peter van Vliet

Niederländische Experten am Leichenzug in der Ukraine: Peter van Vliet

"Ich möchte ein Begräbnis arrangieren, aber ich kann nicht. Ich weiß nicht wo sie sind", sagte die aufgewühlte Silene Fredriksz im niederländischen Fernsehsender NOS. Sie ist die Mutter eines jungen Mannes, der zusammen mit seiner Freundin in der vermutlich abgeschossenen MH17 saß. "Ich will sie zurück. Sie müssen zurück kommen. Herr Putin, schicken Sie meine Kinder nach Hause! Bitte!", fleht die verzweifelte Mutter in Amsterdam den russischen Präsidenten an. Genauso fassungslos wie Silene Fredriksz sehen die ganzen Niederlande die Bilder von der als würdelos und unprofessionell empfundenen Bergung der Leichen auf dem riesigen Trümmerfeld von Flug MH17 in der östlichen Ukraine. Die meisten der fast 300 Menschen an Bord der Boeing, nämlich 192, stammten aus den Niederlanden, 26 aus Australien, zehn aus Großbritannien und vier aus Deutschland.

Niederlande beschuldigen niemanden, wollen erst die Leichen bergen

der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte

Rutte: Wir holen sie heim

Mark Rutte, der Regierungschef der Niederlande, sagte am Montag im Parlament in Den Haag, dass die meisten Leichen in Kühlwaggons der Eisenbahn gelagert seien. "Ich kann jetzt bestätigen, dass das erste Team von Forensikern am Zug eingetroffen ist. Der Zug wird jetzt versiegelt, aber es ist noch nicht klar, wo er hinfahren wird", sagte Rutte am Mittag. Inzwischen soll der Zug auf dem Weg in die Stadt Charkiv sein, die von ukrainischen Truppen kontrolliert wird. Die Niederlande hatten Bergungsexperten und Gerichtsmediziner in die Ukraine geschickt. Rutte möchte jetzt erreichen, dass die Leichen auf dem schnellsten Weg nach Amsterdam geflogen werden. Sie sollen dann erst in den Niederlanden identifiziert werden. Ob sich die Ukraine darauf einlasse, sei noch nicht abschließend geklärt, berichtete Mark Rutte den Parlamentariern. "Es fehlen ja auch noch 50 Leichen, die noch auf den Feldern liegen", gab Rutte zu bedenken. Der niederländische Regierungschef steht in Kontakt mit dem russischen und dem ukrainischen Präsidenten, "um unsere Leute heimzuholen". Mit Schuldzuweisungen ist der niederländische Ministerpräsident sehr vorsichtig. "Bevor ich Schuld verteile, will ich die Leichen sicher geborgen wissen", erklärte Rutte seine Strategie gegenüber den als schwer berechenbar geltenden pro-russischen Rebellen in der Ost-Ukraine. Die hätten im Absturzgebiet nun einmal die Kontrolle. Das müsse man hinnehmen, sagte Rutte, und erteilte Vorschlägen aus dem Parlament, niederländisches Militär an die Absturzstelle zu schicken, eine Absage.

Großbritannien: EU ist zu neuen Sanktionen gegen Russland bereit

EU Gipfel Brüssel 16.7.2014 Cameron

Cameron: Schärfere Sanktionen gegen Russland

An diesem Dienstag (22.07.2014) kommen die Außenminister der Europäischen Union in Brüssel zusammen, um über die Ukraine-Krise und die Folgen des mutmaßlichen Abschusses der Verkehrsmaschine zu beraten. Anders als die am stärksten betroffenen Niederländer schlagen die Briten härtere Töne an. Der neue britische Außenminister Phillip Hammond sagte der BBC, dass es harte und andauernde Konsequenzen für die russische Wirtschaft geben müsse, sollte Russland die Rebellen weiter unterstützen und Waffentransporte über die Grenze weiter erlauben. Premierminister David Cameron sagte, er sei zu härteren Sanktionen bereit, etwa einem Exportstopp für Hochtechnologie. Die EU-Außenminister könnten die gerade in der vergangenen Woche verschärften Sanktionen weiter ausdehnen. Für ein umfassendes Embargo gegen ganze Wirtschaftszweige wäre aber ein erneutes Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der EU notwendig. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Francois Hollande sollen nach Telefonaten mit Kollegen in Europa zu härteren Sanktionen bereit sein. Ob dies auch umfassende Wirtschaftssanktionen der sogenannten Stufe 3 umfassen würde, ist unklar.

Das Europäische Parlament hatte vergangene Woche in Straßburg die Verhängung eines Waffenembargos gegen Russland verlangt. Doch Frankreich war zumindest vergangene Woche noch dagegen. Zwei französische Kriegsschiffe im Wert von 1,2 Milliarden Euro sollen nämlich demnächst an die russische Marine ausgeliefert werden. In Frankreich werden zurzeit russische Soldaten auf den beiden Hubschrauber-Trägern trainiert.

Rutte lobt europäische Solidarität

Blumen der Trauer in den Niederlanden

Gedenken: 192 Opfer stammen aus den Niederlanden

Der niederländische Regierungschef Mark Rutte vermeidet Forderungen nach harten Sanktionen, weil er erst seine toten Landsleute bergen lassen will. Rutte ließ im Parlament aber keinen Zweifel daran, dass die EU geschlossen handelt. "Ab und zu haben wir diese Debatte über Europa, was da nicht funktioniert. Aber das, was ich jetzt an Mitgefühl und Unterstützung in Telefongesprächen mit fast allen Kollegen im Europäischen Rat der Regierungschefs erfahre, die Hilfsangebote, die Anteilnahme der Kollegen gehen mir wirklich zu Herzen. Das zeigt mir, dass Europa in dieser Krise Schulter an Schulter steht." Schockiert und empört sind die Niederländer vor allem durch den Umgang der pro-russischen Kräfte mit den Leichnamen. Filmaufnahmen und Fotos zeigen, wie den Leichen Habseligkeiten gestohlen werden. Niederländische Banken haben die Kreditkarten und Bankkonten von Opfern gesperrt, um unrechtmäßige Bereicherung zu verhindern, heißt es in einer Mitteilung des Bankenverbandes.

Putin ruft zur Zusammenarbeit auf

Nach einem "intensiven" Telefongespräch von Mark Rutte mit dem russischen Präsidenten am Sonntag veröffentlichte Wladimir Putin am Montag eine Videobotschaft. Dort forderte er die Separatisten zumindest indirekt auf, die Bergung der Leichen und die Beweissicherung nicht zu behindern. Der US-amerikanische Außenminister John Kerry sagte vor seinem Flug in den Nahen Osten, für Putin sei jetzt "der Augenblick der Wahrheit gekommen." Er müsse zeigen, dass er Teil der Lösung sei und nicht Teil des Problems. Seine Amtsvorgängerin Hillary Clinton forderte in einer Fernsehsendung die Europäer auf, endlich Härte gegenüber Russland zu zeigen.

Boykott der Fußball-WM 2018 gefordert

In den Niederlanden hat das Königspaar Angehörige der Opfer getroffen, privat, ohne Bild- und Tonaufnahmen. König Willem Alexander erklärte in einer kurzen Fernsehansprache, diese Gespräche "schneiden tief durch unsere Seele". Wann das ganze Land die Toten betrauern kann, ist nach Angaben der niederländischen Regierung erst klar, wenn die Leichen überführt werden können. Aus niederländischen Sportverbänden kommt unterdessen die Forderung, die Ausrichtung der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland zu boykottieren. "Damit würde man Putins Seele treffen", meinte dazu der niederländische Sportrechte-Vermarkter Frank van den Wall Bake auf Twitter.

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