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Strukturwandel

Neues Leben auf der Industriebrache

Im Ruhrgebiet werden ehemalige Bergbauflächen aufbereitet und als Wohn- oder Gewerbeflächen vermarktet. Mit Erfolg - die Menschen nehmen die neugeschaffenen Quartiere an. Die Industriebrachen verschwinden langsam.

Hoch überragt der Förderturm des ehemaligen Bergwerks Lohberg-Osterfeld, ein Stadtteil von Dinslaken, die alten Industriebauten. Einige von ihnen sind renoviert, andere weisen Schäden an Mauerwerk oder den Fenstern auf. Die Gebäude stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und stehen unter Denkmalschutz.

Die Architektur und die Patina dieses Ortes zieht die Menschen an. So wie Claudia Neumann. Sie hat sich mit einer Kibono-Manufaktur im alten Pförtnerhaus selbstständig gemacht. Kibono sind Miniaturpflanzen, die in Mooskugeln verwurzelt sind. "Das hat hier absolutes Flair. Die alten Bergwerksgebäude, wie die Lohnhalle oder die angrenzenden Gebäude - das ist schon toll." Claudia Neumann gehört zu einer Gruppen von Leuten, die sich hier mit ihren Ateliers und Läden niedergelassen haben. Maler, Fotografen, Gestalter und Designer erwecken das Industriegebiet zu neuem Leben.

Das Areal ist des Bergwerks ist zum Teil erschlossen. Andere Gebäude werden noch abgerissen, ehe sie neu verplant werden. Die Zeche liegt mitten im Dinslakener Stadtteil Lohberg. Ein Ort, der immer als strukturschwach galt.

Deutschland Leben in ehemaligen Bergwerken (DW/C. Grün)

Claudia Neumann und Andreas Eickhoff, kreative Neu-Nutzer der Bergwerksfläche Lohberg-Osterfeld

"Die Wunden in der Stadt heilen"

40 Hektar umfasst das reine Zechengelände, das die RAG Montan Immobilien GmbH für den Gewerbe und Wohnmarkt präparieren will. Das Unternehmen gehört mit zur RAG, dem Unternehmen des deutschen Steinkohlenbergbaus. Schwerpunktgeschäft ist die Wiedernutzbarmachung ehemaliger Bergbaugebiete. Die "Wunden in der Stadt heilen" nennt es der Vorsitzende der Geschäftsleitung, Hans-Peter Noll. "Wir wollen keine verbrannte Erde hinterlassen", sagt er. Noll ist kein Jurist, Ökonom oder Ingenieur, sondern Geograph - und das ist gut so. Er hat eine andere Herangehensweise als andere.

Deutschland Leben in ehemaligen Bergwerken (DW/C. Grün)

Die ehemalige Lohnhalle des Bergwerks ist zum Schmuckstück geworden

Geprägt durch die Internationale Bauaustellung Emscherpark, stellt er die Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund. Natürlich will er mit dem Unternehmen auch profitabel sein. Aber immer unter Einbeziehung der Bürger. "Wir setzen immer auf die Anwohnerbeteiligung. Man braucht die Akzeptanz der Leute, daher müssen wir den Bürgerwillen definieren, dann kommt die politische Ebene in den Stadträten, und dort müssen Sie jemanden finden, der das zur Herzenssache macht. Da braucht man oft lange Überzeugungsarbeit", erklärt Noll den Ablauf.

Rund 9500 Hektar Bergbaufläche sind im Bestand der Montan-Immobilien, mit zirka 2200 Gebäuden. 2, 8 Millionen Tonnen an Boden wird pro Jahr verbaut. Rund 1200 Hektar werden derzeit entwickelt, verteilt auf Stadt und Quartiersentwicklung, Kreativquartier für Künstler und Logistikparks. Oft werden auch vorhandene Ressourcen genutzt oder weiterentwickelt.

Deutschland Leben in ehemaligen Bergwerken (DW/C. Grün)

Renaturierung auf dem Bergwerk Niederberg in Neunkirchen-Vluyn

Eigene Energieversorgung

So wie in Lohberg. Dort will man unabhängig von Energieunternehmen sein. Das Grubengas des ehemaligen Bergwerks wird genutzt. Dazu kommt noch Windenergie durch Windräder auf einer Halde, plus die Energie aus einem Solarpark, der auf der ehemaligen Kohlenwäsche installiert worden ist. Das alles reicht, um den Stadtteil und das zu erschließende Gelände zu versorgen und sogar Überschüsse ins Netz zu leiten. So ist es nicht verwunderlich, dass in Lohberg schon rund 70 Prozent der Wohneinheiten bereits verkauft sind. Auch bei den Gewerbeimmobilien sieht es gut aus.

An anderen Standorten wie in Neukirchen-Vluyn oder Kamp-Lintfort auf den Flächen der ehemaligen Bergwerke Niederberg und West wird saniert. Niederberg zeichnet sich durch starke Wohnbebauung aus. Kamp-Lintfort ist Ort der Landesgartenschau 2020. Bis dahin soll ein Stadtpark im innerstädtischen Bereich entstehen. Die neugegründete Hochschule Rhein-Waal, eine grenzübergreifende Hochschule zu den Niederlanden, hat schon Gebäude der ehemaligen Zeche bezogen. Dazu kommen noch Wohnimmobilien.

Bodenbeschaffenheit zentrales Thema

Ein Schwerpunkt der Arbeit ist jedoch die Bodenbeschaffenheit. Was ist im Laufe der Jahrzehnte ins Erdreich eingesickert, wie ist das Erdreich kontaminiert? Diese Fragen beschäftigen die Mitarbeiter. "Wir beginnen mit historischen Überprüfungen des Bodens. Dann folgen chemische Analysen und Bohrproben. Im Anschluss wird ein Raster des Gebietes erstellt, so dass wir das Gebiet dann vollständig erfasst haben. Dann erst können wir sehen, was wir wo machen können. Auch später wird das Gebiet immer wieder kontrolliert", sagt RAG Montan-Pressesprecher Stephan Conrad.

Der Boden ist in der heutigen Zeit des Umweltbewusstseins quasi einer der Visitenkarten des Unternehmens. "Früher gab es ein anders Verständnis für Altlasten. Wenn wir hier einmal schludern, sind wir erledigt", sagt Geschäftsführer Hans-Peter Noll sachlich. In den 40 Jahren des Bestehens des Unternehmens und seiner Vorgängergesellschaften ist es bislang aber noch nie zu einem Vorfall gekommen, dass ein Gebiet abgerissen werden musste, weil der Boden verseucht war.

Deutschland Leben in ehemaligen Bergwerken (DW/C. Grün)

Hier geht's hinein in das neue Kreativquartier des ehemaligen Bergwerks Lohberg

Interesse aus dem Ausland

Bislang hat RAG Montan rund 60 Millionen Euro in Maßnahmen zur Revitalisierung der Flächen investiert. Dazu kommen knapp 75 Millionen Euro an Zuwendungen durch das Land NRW. Die Quadratmeterpreise sind im Vergleich mit Städten wie Düsseldorf oder Köln gering. Bauland kostet zwischen 200 und 240 Euro pro Quadratmeter. Für Gewerbegrundstücke liegt der Preis je nach Standort zwischen 30 und 140 Euro.

Das kontaminierte Erdreich wird auch nicht aus den Gebieten weggeschafft. Es wird aufbereitet in so genannten Landschaftsbauwerken. Dort wird Erdreich ausgehoben. Dicke Plastikplanen, die 200 Jahre halten sollen, werden ausgelegt und das betroffene Erdreich aufgeschüttet. Darüber kommt je nach Fall bis zu sechs Meter reine Erde, die dann bepflanzt wird. Begleitetet wird das Ganze von ständiger Grundwasserversorgung.

Die Projekte stießen auch im Ausland auf Interesse,  sagt Pressesprecher Conrad. "Wir haben ständig Delegationen aus China oder Osteuropa zu Besuch. In China gibt es fast 70.000 Bergwerke. Ständig werden welche geschlossen. Die Chinesen benötigen den Platz und sind sehr daran interessiert zu sehen, wie wir das machen."

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