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Umwelt

Essen: Vom Kohlenpott zur Umwelthauptstadt

Bergbau und Stahlindustrie prägten Essens Vergangenheit. Inzwischen schmückt sich die Stadt mit dem Titel "Umwelthauptstadt Europas 2017". Wie das geht, hat sich Samantha Early angeschaut.

Als ich in Essen aus dem Zug steige, springt mir als erstes der riesengroße Schriftzug auf dem Gebäude gegenüber ins Auge: "Essen - die Einkaufsstadt." Auf dem Weg zu meinem ersten Termin sinniere ich darüber, wie Shopping-Rausch und grüner Lebensstil wohl zusammengehen.

Im Projektbüro der Grünen Hauptstadt Essen 2017 treffe ich Ralph Kindel. Er erzählt mir, dass die 590.000 Einwohner zählende Stadt eine lange Geschichte des Wandels hat: Das Ruhrgebiet mit seinen rund 5,1 Millionen Menschen war einst von der Landwirtschaft geprägt. Als man dort Steinkohle fand, wandelte es sich ab dem 18. Jahrhundert zu einer Industrieregion. Im Dritten Reich war es Deutschlands Waffenschmiede, nach dem Zweiten Weltkrieg dann die treibende Kraft für das deutsche Wirtschaftswunder. Die Kohlekrise in den 1950er-Jahren traf die Region schwer, Tausende verloren ihren Job - es folgte der Strukturwandel: Der "Kohlenpott" musste sich wirtschaftlich neu ausrichten. "Von Grün nach Grau und zurück zu Grün", fasst Kindel zusammen.

Deutschland | Europas grüne Hauptstadt Essen | Ralph Kindel (DW/S. Early)

Ralph Kindel leitet das Projektteam

Der Titel "Umwelthauptstadt Europas" wird seit 2010 jährlich von der Europäischen Kommission an eine Stadt verliehen, der es in besonderer Weise gelungen ist, Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum zu verbinden. In diesem Jahr darf Essen den Titel tragen, weil die Stadt der Jury zufolge eine Vorbildrolle für viele europäische Städte im Strukturwandel hat.

Grüne DNA

Die Grundlagen für eine grüne Stadt hat der Stadtplaner Robert Schmidt bereits in den 1920er-Jahren gelegt. Er veranlasste, dass zahlreiche Parks angelegt wurden, damit sich die Industriearbeiter erholen konnten. An dieses Konzept will Essen heute anknüpfen: "Im Jahr 2020 wird [in Essen] niemand weiter als 500 Meter laufen müssen, um im Grünen zu sein", sagt Kindel.

Noch drängt sich bei vielen Deutschen das Bild von qualmenden Fabrikschornsteinen auf, wenn sie an Essen denken. Ralph Kindel und sein Team wollen, dass die grüne Seite ihrer Stadt sichtbarer wird - rund 200 Bürgerprojekte sind deswegen in Planung. Die Mitarbeiter im Projektbüro wollen selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Am Empfang steht ein Fahrrad, mit dem Projektmitarbeiter wie Christina Waimann Botengänge erledigen. Um mir Essens grüne Sehenswürdigkeiten zu zeigen, braucht sie denn aber doch mehr als zwei Räder. Wir steigen in ihren Kleinwagen.

Fahrrad statt Auto

Unser erstes Ziel ist der Krupp-Park, benannt nach Friedrich Krupp, dem Gründer des Stahl-Giganten ThyssenKrupp. Der See des Parks wird mit Wasser vom Dach der ThyssenKrupp-Konzernzentrale versorgt. Mit nachhaltiger Landschaftsplanung, Architektur und Wassermanagement will die Stadt den Herausforderungen durch Struktur- und Klimawandel entgegentreten, erklärt Waimann.

Deutschland | Europas grüne Hauptstadt Essen | KruppPark (DW/S. Early)

Der See im Krupp-Park

Am Park vorbei führt der Radschnellweg Ruhr. Die "Fahrrad-Autobahn" ist Teil der 376 Radweg-Kilometer der Stadt. Staus durch zu viel Autoverkehr seien immer noch ein großes Problem in Essen, erzählt Waimann mir auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel. Sie und ihre Kollegen arbeiten darauf hin, dass 2035 ein Viertel der Wegstrecken mit dem Fahrrad zurückgelegt wird.

Von verseuchten Flüssen zu Bade-Idyllen

Nach 15 Minuten erreichen wir den Schuirweg - Essens grünste Straße. Hier arbeiten Landwirte zusammen mit Menschen, die in der Stadt Lebensmittel anbauen. Lokale Produkte zu fördern ist eines der Ziele von Essens Umwelthauptstadt-Kampagne. Ein weiteres: Ab Mai soll man wieder in der Ruhr baden können - zum ersten Mal seit Generationen. Der Baldeneysee, ein Ruhr-Stausee, wird eine nach EU-Standards zertifizierte Badestelle werden. Jahrzehntelang gehörte die Ruhr zu den schmutzigsten Flüssen Europas. Seit den 1960er-Jahren war das Schwimmen dort verboten.

Deutschland | Europas grüne Hauptstadt Essen | Baldaneysee (DW/S. Early)

Ab Mai wieder erlaubt: Baden im Baldeneysee

"Es zeigt, dass wir nicht bloß ein Werbe-Gag sind, sondern dass das Grüne seit Jahrhunderten mitgedacht wird", sagt Kindel. "Wir ernten nun die Früchte davon und das macht uns stolz."

Industrie-Erbe mit grüner Zukunft

Meine letzte Station ist die Zeche Zollverein, eine ehemalige Steinkohlezeche, die seit 2001 Welterbestätte der UNESCO ist. Kein anderer Ort in Europa veranschauliche den strukturellen Wandel so stark wie dieser, erzählt man mir. Die Zeche beherbergt inzwischen ein Museum, ein Kulturzentrum und Pflanzen aus nahezu allen Erdteilen, die mit den Kohletransportern in die Zeche gelangten und nun zwischen Beton, Ziegeln und Stahl wachsen. Bei einem internationalen Kongress wollen Wissenschaftler in diesem Jahr die biologische Vielfalt der Zeche Zollverein katalogisieren.

Deutschland | Europas grüne Hauptstadt Essen | Heinz Spahn (DW/S. Early)

Kennt Essens bewegte Geschichte: Heinz Spahn

Heinz Spahn, Jahrgang 1940, hat den Wandel so stark miterlebt wie kaum ein anderer. Bis zum letzten Betriebstag im Jahr 1986 war er Bergmann in der Zeche Zollverein. Heute führt er Besuchergruppen über das Gelände. Er erinnert sich noch gut an die Tage, an denen die Luft durch den Schwefel nach verfaulten Eiern gerochen hat. Man musste erst die Windrichtung checken, ehe man die Wäsche zum Trocknen aufhängte, erzählt er, damit die weißen Laken durch die Luftverschmutzung nicht grau oder gelb wurden.

Spahn ist froh, dass Essen jetzt Umwelthauptstadt ist. Er hofft, dass der Titel den Tourismus und die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt ankurbelt. Er selbst ziehe die Einsamkeit draußen in der Natur dem hektischen Leben in der Stadt vor. Trotzdem sagt Spahn: "Ich bin stolz darauf, Essener zu sein."

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