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Nahost

Neues Kalifat als Utopie

Mehrere islamistische Gruppen im Nahen Osten wollen ein Kalifat anstelle der derzeitigen Staaten errichten. Damit knüpfen sie an eine alte Idealvorstellung an. Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander.

Syrien Islamisten Parade in Tel Abyad, Syrien (Foto: Reuters)

Islamisten-Parade in Syrien

Die sunnitische Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) will nicht nur die Regierungen in Damaskus und Bagdad stürzen. Ihre Kämpfer streben darüber hinaus einen Nahen Osten unter der Führung eines neuen Kalifen an. Im Bürgerkriegsland Syrien und im Krisenstaat Irak kontrollieren sie weite Gebiete. Ein Kalifat als islamisches Staatsgebilde nach Scharia-Recht wollen auch andere Gruppen. Dazu zählt das Terrornetzwerk Al-Kaida. Auch die in vielen Ländern aktive Islamistenorganisation Hizb ut-Tahrir propagiert ein Kalifat. Der Gründer von Hizb ut-Tahrir, Takiuddin al-Nabhani, entwarf ab den 1950er Jahren sein Gegenmodell zu den absoluten Monarchien und autoritären Republiken in Nahost, die er als unislamisch betrachtete.

Der Titel Kalif bezeichnet im politischen Zusammenhang den Stellvertreter Allahs auf Erden. Seit dem Tod des islamischen Propheten Mohammed im Jahr 632 sollten die Kalifen die religiösen und politischen Führer möglichst aller Muslime sein.

Metin Kaplan wird 2005 von türkischen Gendarmen zum Gericht geführt. (Foto: EPA)

Metin Kaplan machte bis 2004 als sogenannter "Kalif von Köln" Schlagzeilen

Doch politische Ränkespiele und die Zersplitterung der Muslime untergruben diesen Anspruch. 1924 hatte die neu gegründete Republik Türkei den letzten Kalifen ins Exil geschickt.

Seitdem haben sich mehrfach Muslime in dieser Funktion gesehen, doch alle hatten nur eine begrenzte Anhängerschaft. In Köln ließen sich Cemaleddin Kaplan und sein Sohn Metin als Kalifen huldigen. Doch sie hatten nur wenige tausend Getreue. Seit 2004 sitzt Metin Kaplan in einem türkischen Gefängnis. Abseits islamistischer Gruppen hat die indisch-pakistanische Ahmadiyya-Bewegung, die jede Gewalt strikt ablehnt, seit mehr als hundert Jahren Kalifen an ihrer Spitze. Allerdings erkennen nur die etwa zehn Millionen Ahmadiyya-Muslime diesen Führungsanspruch an.

Frühe Kalifenherrschaft als goldenes Zeitalter

Wenn islamistische Gruppen heute ein neues Kalifat errichten wollen, knüpfen sie an eine alte Idealvorstellung an. Die Zeit der frühen Herrscher gilt vielen Muslimen als goldenes Zeitalter. "Das Volk hat immer von einem gerechten islamischen Staat geträumt", erklärt der Politologe Hamadi El-Aouni, der an der Freien Universität Berlin lehrt. Solch ein Staat habe aber nur ansatzweise im siebten Jahrhundert bestanden unter Omar, dem zweiten Kalifen. "Das ist aber ein Idealbild", schränkt Al-Aouni im DW-Gespräch ein.

Aymenn Jawad Al-Tamimi von der britischen Denkfabrik Middle East Forum geht davon aus, dass der Begriff Kalif für viele Muslime positiv besetzt ist. "Wenn man die Leute fragen würde, ob sie ein Kalifat wollen, könnte man viele Gruppen dafür gewinnen", glaubt Al-Tamimi. Allerdings setzten sich nur die ISIS-Kämpfer massiv für die sofortige Umsetzung ein. "Das ist etwas, woran sie wirklich glauben und nicht nur eine Referenz, die sie benutzen, um die Leute anzuziehen", erklärt der Syrien-Experte die ISIS-Strategie. So lasse sich der ISIS-Anführer mit dem Titel "Befehlshaber der Gläubigen" ansprechen. Dieser Titel wurde früher von den Kalifen geführt. Außerdem verlangten die ISIS-Kämpfer von den syrischen Christen unter ihrer Kontrolle ein spezielles Schutzgeld. Auch damit knüpfen sie laut Al-Tamimi an die Tradition der frühen Kalifen an. Einstmals habe nur das muslimische Staatsoberhaupt diese Art von Sondersteuer verhängen dürfen.

Keine klare Vorstellung von neuem Kalifat

Kämpfer der Nusra-Front mit einer Flagge im Januar 2013 (Foto: AP)

Die syrische Nusra-Front will wie ISIS ein Kalifat, aber die beiden Gruppen sind zerstritten

Ein neues islamisches Großreich dürfte vorerst eine Utopie bleiben. So riefen die Bevölkerungsmassen, die seit 2011 in Ägypten, Tunesien, Libyen und Jemen ihre Langzeitherrscher stürzten, nicht nach einem neuen Kalifen. Außerdem sind sich noch nicht einmal die Extremistengruppen ISIS und Nusra-Front in Syrien einig, obwohl beide diese alte Herrschaftsform wieder aufleben lassen wollen. Welche Qualifikationen ein Kalif haben müsste, ist ebenso unklar wie die Grenzen seines Staates. Es gebe Bestrebungen für ein Großreich der Araber, aber auch die Vorstellung von einem Zusammenschluss auch aller anderen islamisch geprägten Staaten, erklärt der Orient-Experte Günter Meyer. Einig seien sich die islamistischen Kalifats-Anhänger nur darin, dass sie die bestehenden Grenzen ebenso ablehnten wie demokratische Ideen. Sie wollten eine muslimische Welt ohne westliche Einflüsse, führt der Leiter des Zentrums zur Erforschung der Arabischen Welt in Mainz aus.

Andere islamistische Gruppen als ISIS würden einen Kalifats-Staat eher als ferne Zukunftsvision betrachten, sagt Al-Tamimi. Sie rechneten nicht damit, noch zu Lebzeiten einen "Stellvertreter Allahs" als Herrscher zu sehen. Deshalb spiele die Vorstellung, an eine glorreiche Zeit der Kalifen anzuknüpfen, im politischen Leben kaum eine Rolle. Nach Ansicht von El-Aouni glauben die Kalifats-Theoretiker selbst nicht an die Umsetzbarkeit ihrer Ideen. "Sie machen daraus ein politisches Instrument, um die Leute um sich zu scharen", kritisiert er. Die große Masse der Muslime halte von solchen Ideen ohnehin wenig: "Wenn man mit den Muslimen redet, sagen sie selbst: Nein, das ist nicht möglich, weil die Gesellschaft und die Bedingungen das nicht mehr zulassen."

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